Klassikern Versöhnlichkeit in Abwartung geeigneter Gelegenheit zu Feindseligkeiten « . Und wirklich ward den Sehenden bald bewußt , daß irgendwelche Ereignisse sich vorbereiteten . Kommende Dinge lagen in der Luft . Die christlichen Chinesen fühlten es , die Missionare im Innern sahen die Zeichen und begannen ihren Oberen davon zu berichten . Aber die Fremden im Pekinger Gesandtschaftsviertel merkten einstweilen noch nichts . Da hatte alles wieder den altgewohnten Gang angenommen . Die Vertreter der fremden Mächte wetteiferten untereinander im Bestreben , Chinas Gunst und Aufträge zu erringen . Jeder arbeitete gegen den anderen . Denn da war keiner , der nicht etwas gewollt , was der Nachbar ebenfalls wollte . Und alle wurden sie von ihren Heimatsbehörden in langen weisheitsvollen Erlassen und kurzen ungeduldigen Depeschen angetrieben , Vorteile zu erringen , oder wenigstens andere an ihrer Erreichung zu hindern . Der Schwarm der Konzessionenjäger , den die Ereignisse des Staatsstreichs einen Augenblick aufgescheucht hatten , war wieder über Peking niedergegangen , gleich wie hungrige Vögel in ein überreifes Kornfeld einfallen . Sie bestürmten die Gesandtschaften , und die Boys hatten bei den Ta-jens immer neue Herren zu melden , die in ihren verschiedenartigen Bestrebungen unterstützt sein wollten . Ja , das Wettrennen war wieder in vollem Gange ! Und wenn Tschun jetzt im Arbeitszimmer des Gesandten Soda und Whisky servierte , dann hörte er ihn sicher mit den Sekretären und Dolmetschern über Lieferungen und Unternehmungen reden , über Geschütze , Minen , Bahnlinien und Anleihen . Es waren alles noch dieselben Worte , die Tschun zuerst so verheißungsvoll aus der Welt der Fremden entgegengeklungen hatten , und die ihm beinahe wie unfehlbare Beschwörungsformeln gegen alle Uebel erschienen waren - und doch war da irgend etwas verändert . Lag es an den gepriesenen Dingen und ihren Befürwortern , lag es an ihm selbst ? - Er wußte es nicht , fühlte nur , daß er nicht mehr so zuversichtlich wie einst an all das glauben konnte . Aus den Tagen nach dem Staatsstreich mußten seine ersten leisen Zweifel wohl herstammen , oder von noch früher ? Er suchte sich zu erinnern . Und wußte schließlich nur noch das eine : diese fremden Menschen vertraten in Stunden der Gefahr nicht unbedingt das , was sie doch vorher selbst empfohlen hatten . Da lag die Frage nahe : durfte man ihnen und ihren Ratschlägen überhaupt so ganz blind vertrauen ? Wenn Tschun jetzt so über das Wesen der Ausländer nachdachte und Vergleiche anstellte zwischen ihren Lehren und ihren Handlungen , dann war ihm , als sei er , wie manchmal im Traum , in eine ganz fremde Stadt geraten , wo er die Straßen nicht kannte und sich angstvoll frug , auf welcher er nun wohl weiterschreiten sollte , da er doch von keiner wußte , wohin sie führen mochte . Während nun aber die Herren gewohnter Arbeit also oblagen , erfüllten die Damen ebenso gewohnheitsgemäß , was sie die gesellschaftlichen Verpflichtungen nannten . Die hätte der oberflächliche Beobachter freilich für Vergnügen halten können , aber Tschun wußte es besser , denn er hatte ja oft die Taitais seufzend erklären hören : » das sei erst recht Arbeit « . Auf alle Fälle aber trugen Ernst und Spiel den gleichen Charakter des Stereotypen , und über die Einförmigkeit von beidem wurde von den Fremden viel geklagt . Neben der Präokkupation um all diese immer wiederkehrenden Aufgaben des Alltags gab es aber noch etwas , was ihre Gedanken beständig beschäftigte : das war das Spekulieren , Kombinieren und Diskutieren über die persönlichen Karriereaussichten ! Von Versetzungsmöglichkeiten hörte Tschun die Fremden oftmals untereinander reden . Sie alle waren schon in vielen Ländern gewesen und wollten offenbar noch in viele mehr kommen . Und das Hauptziel eines jeden schien zu sein , an Orte innerhalb Europas versetzt zu werden . Aber , grübelte Tschun , was mochten dort die Gesandten wohl für Geschäfte haben ? In Europa waren ja alle Menschen Christen , da wurden also keine Missionare massakriert und bedurften keines besonderen Schutzes . Und da all diese verschiedenartigen Fremden sich darin glichen , daß sie China gegenüber nicht nur als Verkäufer und Unternehmer auftraten , sondern daß auch ein jeder China immer vor den Erzeugnissen aus der Heimat des anderen warnte , so kauften sie sich untereinander sicherlich nichts ab . All jene Tätigkeit der Gesandten in Peking , die im Anpreisen eigener Lieferanten bestand , mußte also dort wegfallen . War vielleicht an europäischen Posten die Damenarbeit , die Diners und Jours und Bälle die Hauptaufgabe ? Gerade in dieser Zeit hörte Tschun wieder mal besonders viel von Versetzungsmöglichkeiten reden . Es hieß , daß bald ein sehr schöner Posten irgendwo frei werden sollte , und daß der Ta-jen ihn vielleicht erhalten würde . Von Madame Angèle wußte Tschun , daß der Ta-jen und die Taitai , die sonst über alle Dinge entgegengesetzter Ansicht waren , hier einmal den Wunsch , auf jenen Posten zu kommen , beide gleich heftig hegten , und daß sie auch fänden , sie hätten Ansprüche darauf . Aber vor seinen Kollegen tat der Ta-jen doch scheinbar bescheiden abwehrend : » Solche Auszeichnung würde weit über seine schwachen Verdienste gehen , « antwortete er feierlich auf eine Frage . Die vielen jungen Herren , die die Taitai stets umschwirrten , besonders aber der hübsche , weiße , schienen alle ganz geknickt bei der bloßen Möglichkeit ihrer Abreise . Trauernd starrten sie bei dem Jour der Taitai in die Teetassen . Sie aber sagte nur lachend : » Es sei ja noch gar nicht entschieden . « Ja , mit lauter solch kleinem Tun und Trachten wurden die rasch fliehenden Stunden des Sonnenscheins gefüllt . Und niemand schien zu ahnen , daß es vielleicht die letzten sein würden . Denn über all diese , Zeit und Gedanken gefangennehmenden Dinge war keine rechte Aufmerksamkeit übrig geblieben für die Anzeichen großer , aus dem Rahmen alles bisher Erlebten heraustretender Ereignisse . Unbemerkt war das Unwetter aufgestiegen und stand nun schon