Augen , schob sie dann von sich und lief in die Dunkelheit hinaus . Lolo stand noch einen Augenblick da , sie legte beide Hände auf ihre Brust und schaute mit heißen , fanatischen Augen in die Nacht hinein und berauschte sich an ihrem großen Schmerz . Aus der Küchentür an der Schmalseite des Hauses schlichen drei in Mäntel gehüllte Gestalten dem Strande zu . Es waren Nini und Wedig , die sich aus dem Wohnzimmer fortgestohlen hatten und nun unter Ernestinens Führung ihrem Lieblingsabenteuer nachgingen , die Gräfin sehen . Dazu mußten sie die Düne hinaufsteigen , um auf der Rückseite des Wardeinschen Anwesens an das rechte Fenster zu gelangen . Es war ein Genuß , aus der dumpfen Luft der Wohnstube herauszukommen , die heute ohnehin schwer von Mißstimmung und Langeweile war , und sich mit dem Winde herumzuschlagen , die steilen Sandwände hinanzuklettern , mitten durch die nassen Wacholderbüsche hindurch und sich vor allem zu fürchten , was ihnen in der Dunkelheit begegnen könnte . Jetzt sahen sie schon das kleine helle Viereck des Fensters , sie brauchten nur noch vorsichtig die Sandlehne herunterzusteigen , um dann leise heranzuschleichen , als Ernestine Alarm zischte . Sofort duckten alle drei hinter einem Wacholderbusche nieder . Dort vor dem kleinen hellen Viereck stand schon einer , eine kleine , schiefe Gestalt und ein langes , regelmäßiges Profil hob sich scharf von den gelbbeleuchteten Fensterscheiben ab . » Exzellenz , « flüsterte Ernestine . Sie wagten sich nicht zu regen . Dieser kleine Mann dort in der Dunkelheit vor dem Fenster stehend erschien ihnen entsetzlich unheimlich . Dann plötzlich war er nicht mehr da , war in die Nacht untergetaucht . Aber die drei Kinder wagten sich noch nicht vor , sondern kauerten still hinter ihrem Wacholderbusch . Und wieder tauchte eine Gestalt aus der Nacht auf und stand vor dem Fenster , eine schmale Gestalt , ein dunkler Kopf , ein feines Profil , das wie ein Schattenriß gegen die helle Scheibe stand . » Hilmar , « erklärte Wedig . Es schien ihnen , daß sie dieses Mal lange warten mußten , bis auch diese Gestalt in der Dunkelheit verschwand . Da erst trauten sie sich aus ihrem Verstecke heraus , an das Fenster heran und sahen Hans Grill am Tische sitzen und einen Brief schreiben , sahen Doralice in ihrem Sessel , den Kopf zurückgelehnt , mit weit offenen Augen verträumt vor sich hinsehend . Als Nini später oben in ihrem Schlafzimmer im Bett Lolo ihre Erlebnisse erzählte , sagte sie : » Weißt du , sie sah aus , als machte es sie furchtbar müde , so schön zu sein . « » Ja , weil es eine furchtbare Verantwortung ist , so schön zu sein « , klang es feierlich und weise aus Lolos Bett zurück . Elftes Kapitel Um Mitternacht war ein Gewitter niedergegangen und ein plötzlicher Sturm hatte sich erhoben , stoßweise sich um sich selber drehend , als käme er von allen Seiten zugleich , so daß die Wellen sich hoch aufreckten und wie betrunken taumelten . Allein es dauerte nicht lange . So plötzlich wie er gekommen war , ließ der Sturm nach , von Westen her kam ein sanftes Wehen , das die Wellen streichelte und beruhigte . Ein wolkenloser Tag brach an , die Sonne schien auf ein prächtig grünes Meer nieder , der Strand war von dem ausgeworfenen Seetang überdeckt wie von schwarzer Seide und die Luft war ganz voll vom scharfen salzigen Dufte des Meeres . Hans und Doralice waren schon zeitig am Vormittage zu ihrem Platz auf der Düne hinaufgezogen . Doralice lag dort auf ihrer Decke im Sande und sah auf das Meer hinaus . Hans malte , und zwar malte er die Großmutter Wardein , die regungslos auf einem Stuhle dasaß , die Hände im Schoß gefaltet . Die harte , runzelige Haut des Gesichtes glänzte in der Sonne , als sei noch eine Spur alter Vergoldung an ihr haften geblieben , und die trüben gelben Augen schauten in die Weite mit einem Blick , der starr auf eine sehr große gleichgültige Ferne hinaussieht . Hans sprach während des Malens über seine Kunst . Seit gestern sprach er viel und eifrig über seine Kunst und ihre praktischen Aussichten : » Es geht famos . Sie sind ein glänzendes Modell , Mutter Wardein . Einleuchtender kann ein Menschenschicksal nicht in Linien aufgehen , als in Ihrem Gesicht . Na ja , natürlich , ein Porträt muß in uns die Vorstellung eines individuellen Lebens hervorbringen . Deshalb muß man auch Menschen malen , die man nicht kennt , sonst will man da zu viel hineinlegen . So zum Beispiel ist es mir deshalb schwer , dich zu malen , weil ich zu gut in dir Bescheid weiß . « » Du weißt in mir Bescheid ? « fragte Doralice . - » Natürlich . « » Da weißt du mehr als ich « , meinte Doralice . Hans legte seinen Pinsel fort und schaute Doralice verwundert an : » Sag ' mal , seit einiger Zeit jetzt hast du zuweilen solche Aussprüche unangenehmer Lebensweisheit wie der Geheimrat . « Doralice seufzte : » Ach ja , angenehm ist es nicht , die Ähnlichkeit mit dem Geheimrat in sich wachsen zu fühlen . « Hans zuckte mit den Achseln und griff nach dem Pinsel . Jetzt schwiegen sie . Doralice spähte aufmerksam zum Strande hinunter , als könnte dort unten etwas sich ereignen , das sie anginge . Karren standen dort unten und kleine struppige Pferde und Fischer , die den Seetang aufluden , um ihn auf ihre Äcker zu führen . Und eine kleine graue Gestalt mit wehendem Kopftuche ging ruhelos am Meere hin und her , zuweilen stehenbleibend , um auf die See hinaus zu schauen . » Unser Steege ist noch nicht zurück ? « fragte Hans . » Ich sehe die Frau dort unten noch immer hin und her laufen . « »