unrastig tosende Flut kam mir das Treiben für , dem ich zwei Jahre gehuldigt hatte . Verblendet mußte ich gewesen sein , daß ich mich an Jungfer Sicsatis hängen gekonnt . Aufseufzend fühlte ich mein Herz erleichtert , und voller Vertrauen hub ich die Augen vom schwarzen Strom zu den Funkelsternen , so auf der Himmelsaue bunt erblüheten . Eine tiefe Sehnsucht ergriff mich , Waldhäusers Weisheit in mich aufzunehmen . Ich kehrte heim , und da in des Meisters Museo noch Licht war , klopfte ich an . Er ließ mich ein , und ich sahe , daß inmitten des Raumes auf der Bahre , neben der ein Totengerippe stund , eine Kindsleiche lag , die der Meister eben seziert hatte . Er deckte sie mit einem schwarzen Tuche und fragte nach meinem Begehr . » Guter Meister « , sagte ich , » gestattet , daß ich noch bei Euch bleibe , solange Ihr wachet , um vielleicht die Wohltat Eurer Lehre zu genießen . So Ihr aber noch mit der Leiche zu tun habet , will ich stille zuschauen oder Euer Famulus sein . « » Ich plaudere gern noch ein Stündlein mit dir « , antwortete Waldhäuser . » Laß uns auf den Altan treten , der Sommernacht zu genießen . « So gingen wir zur Altantür hinaus , und der duftige Odem des Gartens umhauchte uns . Gesträuche blühten , Nachtigallen wetteiferten mit süßem Schlagen . Da in den Nachbarhäusern alle Lichter erloschen , so kam das Leuchten der Sterne zu voller Pracht . Schweigsam empfanden wir den holden Zauber dieser Nacht . Dann meinte Waldhäuser sinnend : » Wie sicher und ruhevoll wandeln droben die Sterne ! Hingegen wie unbeständig ist des Menschen Los ! Kein Tag wird ihm vergönnet , ohne daß sich ein Zweifel begeben kann , so ihn aus seinem Gleise herauswirft , keine Stunde , kein Augenblick ist in unserer Macht ; es kann ein Wechsel mitten im traulichen Wesen entstehen . Niemals ist die Gesundheit unbeweglich , und alle sind wir dem Tode einen Dienst schuldig . Denke nur , wie es dem Menschenkindlein ergangen , das entseelt auf der Bahre liegt . Es ist eine Waise , ein siebenjährig Knäblein , hold von Angesicht und ein Liebling derer , so um ihn waren . Jauchzend klettert der Knabe auf einen Lindenbaum , stürzt aber mit dem brechenden Aste herunter und ist im Nu eine Leiche . Da haben wir den raschen Wechsel , der auf einmal zur Betrübnis führet . Drum , Johannes , mach dich ledig vom Vertrauen auf Fortunas Beständigkeit . Die Gemahlin des Königs in Hispanien hat nicht uneben dies Sinnbild verwendet , daß sie einen Pfauen auf eine Kugel gesetzt und die Auslegung beigefügt : vanitas , Eitelkeit . Gleicherweis spricht auch der Prediger : Es ist alles ganz eitel , und die Toten , so schon den Odem verhauchten , sind eher zu preisen als die Lebendigen . Nun ja , drum war es nicht ganz recht von mir gesagt , als ich den Sturz dieses Kindes ein Unglück nannte . Soll man etwan klagen , daß jemand zu früh in den Schoß der Ewigkeit kommt , gleich als hätte ein Mensch den Himmel in diesem Angsthause gefunden ? Als Trost sollten wir es betrachten , daß wir nicht ewig in dem irdischen Jammerwesen stecken bleiben . « Nachdem wiederum Schweigen eingetreten war , wagte ich die leise Frage : » Wo mag nur das Himmelreich sein , das den abgestürzten Waisenknaben aufgenommen hat ? Ist es droben bei den Sternen ? « - Und Waldhäuser : » Das Himmelreich wird offenbar an den Sternen , doch betrachte es nicht als einen entlegenen Ort . Gib acht , mein Kind , daß du zunächst begreifest , was ein Symbolum oder Bildnis . Das Auge schaut etwan eine brennende Kerze , und die Seele denkt dabei an der Wahrheit Leuchten . Gleichermaßen bedeutet Sonnenwärme die Liebe , Kälte hingegen Gleichgültigkeit und Haß , Finsternis , Wahn und Lüge . Bedenken wir nun , daß durch den Himmel die Sonne ihre Bahn zieht , die uns des Tages Licht beschert und unser Auge die Form und Farbe aller Wesen erblicken lässet , so dürfen wir das blaue Zelt als des Lichtes Quellenland betrachten . Sehnet sich nun unser Herze nach der Wahrheit , so lenkt es den Blick gen Himmel , als müsse von dort auch dem inneren Menschen Erleuchtung kommen . In diesem Verstande hast du recht , Johannes : das Waisenkindlein ist bei den Sternen . Denn es ist dem ewigen Lichte einverleibet . Dabei aber darfst du nicht vergessen , daß unser aller Meister spricht : Inwendig in euch ist das Himmelreich . In der Menschenseele soll es werden , wie droben am himmlischen Gezelt ; weit sei die Seele , das Unendliche zu umfahen , zahllose Lichter müssen in ihr aufblühen , und ruhevoll in steter Ordnung und heimlicher Melodei vollziehe sich des Menschen Trachten und Treiben . Nur so , mein Kind , eroberst du das Himmelreich . Die Kunst aber und Kraft , es aufzuschließen , ist dem verliehen , so den Stein der Weisen hat . Ihn sucht der wahre Alchymist , und auch du , Johannes , sollst danach trachten . « Wie bei einem Wundertraume staunend fragte ich : » Den Stein der Weisen ? Wie soll ich hoffen , den zu erlangen ? « - Und die Antwort lautete : » Darfst nicht denken , es sei ein Stein gemeint , aus irdischen Stoffen bereitet . Man sagt freilich , der Stein der Weisen habe sich am Ringe Salomonis befunden . Inmaßen aber dieser König ein Buch von der Weisheit verfaßt hat , so bedeutet Salomonis Ring sein Verlöbnis mit der himmlischen Sophia oder Weisheit , der Stein am Ringe die Kraft , das göttliche Licht zu spiegeln und auszustrahlen . So ist der Stein der Weisen nichts anderes denn die heilige Weisheit im Menschen