Schulter und sagte : » Ja , Karl Pichwit , gehen Sie . Sie sind jung . Man muß nicht zögern , das Blatt im Buche umzuwenden , wenn es zu Ende scheint . Und in Ihrem Buche kann noch soviel stehen , - recht viel Gutes - hoffe ich und wünsche es Ihnen . « » Danke , Herr Pastor « , erwiderte Pichwit . » Ich werde noch ein wenig zu dem Baron hineingehen . Seltsam , ich hab ' immer das Gefühl , als warte er auf mich , damit ich ihm das Bein reibe . Leben Sie wohl , Herr Pastor . « » Leben Sie wohl , Pichwit ! « Unter hellem Sonnenschein , durch das weiße , knisternde Land , trugen die Waldhüter von Dumala den Baron Werland zum kleinen Friedhof in sein Familiengrab hinüber . In Schleier und Pelze gehüllt folgten die Verwandten dem Sarge , eine schwarze , stille Schar , während die Bauern sich um den Friedhof versammelten , sehr bunt in ihren Sonntagskleidern auf dem grell beschienenen Schnee . Werner stand am Grabe und hielt die Rede . Was sollte er von diesem Leben sagen , das sich und anderen so unverständlich gewesen war ? Er sprach daher die altbewährten Worte , von denen die Kirche Jahrhunderte hindurch einen so schönen Schatz aufgehäuft hat . Mit guten , allgemeinen , kühlen Worten wurde der kleine , gutfrisierte Herr in die Nische seines Familiengrabes eingemauert . Die Sonne beschien hell die Menschenmenge , die sich jenseits der Friedhofsmauer angesammelt hatte , sie ließ die farbigen Tücher lustig leuchten , spiegelte sich in den Glatzen der alten Männer . Es fror . Die Exzellenz stand ganz vorn am Grabe und wechselte häufig das Stehbein und steckte die Nase fast ganz in den seidenen Schal . Die Gräfin legte dem einen oder dem anderen der Kinder ein Tuch um die Schultern . Alle warteten ungeduldig auf das Ende . Plötzlich bemerkte Werner eine Unruhe in der Versammlung . Die Leute schauten sich um . Die Trauernden am Sarg rückten scheu zur Seite . Es wurde geflüstert . Die Gräfin sah ihren Vater an und schüttelte traurig den Kopf Sie winkte ihre Kinder nah an sich heran . Karola stand da vor dem Sarge . Langsam war sie den Weg zwischen den Gräbern hinabgegangen bis zu der Gruft . Nun stand sie da in schwarze Schleier gehüllt , schlank und aufrecht . Werners Stimme hatte einen Augenblick gezögert , Jetzt eilte er dem Ende seiner Rede zu . Karola blieb regungslos stehen , auch als das Grab geschlossen worden war . Alles drängte dem Ausgang zu . Die Exzellenz reichte Werner die Hand . » Ich danke , Herr Pastor ; unerhörter Zwischenfall , nicht wahr ? « Damit eilte sie fort . Um Karola , die noch immer am Grabe stand , war alles leer geworden . Werner trat an sie heran . » Er hätte sich darüber gefreut , daß Sie gekommen sind , Frau Baronin « , sagte er . Karola schlug den Schleier zurück . Sie war bleich , aber sonst ganz unverändert , schien es Werner . Sie reichte ihm in ihrer kameradschaftlichen Art die Hand . » Hat er gewartet ? « fragte sie . » Ja , er hat gewartet . « » Litt er zuletzt ? « » Nein , ich glaube es nicht . « Sie gingen nun nebeneinander die Wege zwischen den Gräbern hin . » Ich bleibe jetzt hier « , sagte Karola . » Das hat er wohl gewollt . « » Das würde er wohl gewünscht haben « , bestätigte Werner . » Où sont les enfants ? « hörte man die scharfe Stimme der Gräfin . » So komm doch ! Was stehst du ? « Lola stand auf dem Wege und starrte Karola an . Aber die Gräfin lief heran , nahm das Kind , aufgeregt wie eine Glucke , die ihre Brut in Gefahr sieht . Karola lächelte . » Sie sehen « , sagte sie , » keine Gefahr , daß ich hier vielen Menschen auf meinem Wege begegne . Die Einsamkeit hat mich wieder eingefangen . So ist es mir immer gegangen . Ich habe mich gegen sie zuweilen auflehnen wollen , aber sie fängt mich immer wieder ein . Schließlich werd ' ich mich mit ihr befreunden müssen . Vielleicht ist das so etwas , das Sie Buße nennen . « Sie sah Werner an und dieser dachte : Das Wort Buße ist wohl noch nie mit diesem Lächeln ausgesprochen worden . » Kann ich Ihnen , Frau Baronin , in etwas behilflich sein « , fragte er . Karola schaute nachdenklich in die Sonne . » Ich danke . Ich weiß nicht . Allein sein , das ist wohl meine Bestimmung . Für das Zusammengehen muß ich kein Talent haben . Entweder tu ich den anderen weh , oder sie tun mir weh . Vielleicht braucht das nicht zu sein . « Sie reichte ihm die Hand . » Adieu , Herr Pastor . « Sie schaute den Weg hinab , auf dem die schwarze Schar der Verwandten dem Schlosse zuzog . Sie lächelte . » Wie sie ziehen ! Gehaßt zu werden , das ist für mich etwas ganz Neues . « Dann ging sie mit wehenden Schleiern zwischen den weißen Grabsteinen hin , dem Ausgang zu . Es war am ersten Weihnachtstage . Pastor Werner mußte gleich nach dem Gottesdienst zu dem fernen Waldfriedhof hinüberfahren . Kathe , die Knechtstochter , war infolge einer Frühgeburt gestorben . Das Grummetharken mit dein Simon an jenem warmen Abend hatte sie mit dem höchsten Preis bezahlt . Schweres Nachmittagslicht lag schon über der weißen Glaswelt , als Werner heimfuhr . Er mußte dicht am Schlosse Dumala vorüber . Auf der hohen Freitreppe unter dem grauen Portal stand Karola , eine stille , schwarze Gestalt . Sie schützte die Augen mit der Hand und schaute die