Sage vom Meer . In ganz alten Zeiten , über die es keine Bücher gibt , von denen nur noch die Bewohner entfernter Küsten vom Hörensagen allerhand Geschichten kennen , war das Meer immer so still und blau wie heut , ein glatter Spiegel , drin Sonne , Mond und Sterne sich besahen und schön fanden . Niemand hatte damals je einen Sturm auf der See gesehen , man wusste noch nicht , was das sei . - Auf dem Festland lebten schon damals viele Menschen und je mehr ihrer wurden , desto grösser wurden auch Schmerz , Jammer und Elend aller Art. In ihrem Kampf und Leiden schauten sie oft sehnsuchtsvoll hinaus auf die ewig gleiche stille See . Und endlich wurde ihr Unglück so gross und ihr Wunsch nach Erlösung so heftig , dass sie riefen : » Wir können es nicht länger dulden , wir wollen hinausfahren über das glatte , blaue Meer , dort werden wir wieder froh werden . « Da bauten sie ein grosses Schiff und nannten es » Meeresfreude « . Damit fuhren sie hinaus auf die klare blaue See . Aber die » Meeresfreude « war eine » Erdenleide « . Mit den Menschen waren Schmerz , Jammer , Elend und Unfriede auf das Schiff gestiegen . Es ward davon so schwer , dass sogar das starke Meer es nicht tragen konnte und als es ein Stück weit hinausgefahren war , versank das Schiff , und die blauen Fluten schlossen sich über all dem Erdenleiden . - Aber tief unten auf dem Meeresgrunde begann es nun zu wühlen und die Menschen , die auf dem Festland geblieben , sahen staunend , dass das ewig gleiche Meer sich veränderte . Es ward unruhig , sein tiefes Blau verwandelte sich in trübes Grau , auf nachtschwarzem Abgrund schoss weisser Gischt dahin , es hob sich in riesigen Wellen , die donnernd gegen das Ufer schlugen , es kämpfte , es zürnte , es raste - es war wie die friedlosen Menschen selbst geworden - und sie verstanden es , denn sie erkannten in ihm all ihre eigenen Leidenschaften . Seitdem hat es immer Stürme auf dem Meere gegeben , und immer wieder kämpft das Meer mit all dem fremden Leid auf seinem Grunde , kämpft , um die alte verlorene Ruhe zurückzugewinnen . Aber die kehrt nie wieder . Auch an stillen klaren Tagen wie heute steigt ein banges Seufzen aus der blauen Tiefe . P.S. New York . Die ganze Überfahrt ist so glatt und still geblieben - wie eine wohltuende Pause im Leben , eine sechs Tage lange Parenthese ! Wie Musik schläferte das Rauschen der langen , trägen Wogen manch alten Schmerz ein . - Musik und weite Reisen sind so recht , was wir arme moderne Menschen brauchen , denn sie beruhigen und lehren vergessen . Während das Schiff unaufhaltsam weiter glitt , hatte ich beständig die Empfindung , dass etwas Furchtbares , das lange Zeiten Gewalt über mich gehabt , nun endlich und für immer hinter mir zurückblieb . - Wie vielen ist diese selbe Reise über den Atlantischen Ozean schon eine Flucht gewesen vor der Vergangenheit ! Auch ich hatte das Gefühl des Entfliehens und Abschüttelns . - Als ob Schranken und Fesseln gefallen seien , war mir , als ich heute früh erwachte , und da stand sie auch schon auf ihrem Felsen , die riesengrosse Freiheit , die den Belasteten aller Länder mit ihrer Leuchte Hoffnung zuzuwinken scheint . Die Freiheit als Wahrzeichen eines Weltteils und als Willkommen für alle aufzustellen - das macht den Amerikanern doch niemand nach ! 34 Tuxedo Park , Mai 1900 . Lieber Freund ! Nachdem wir in New York gelandet waren , erhielten wir von Mr. Bridgewater die freundliche Aufforderung , ihn hier zu besuchen . Ich war noch so müde und abgespannt von allem in Deutschland Erlebten , dass ich dankbar die Einladung annahm , mich etwas auf dem Lande zu erholen . Landleben , wie ich es von früher in der Erinnerung habe , Stille , Einsamkeit norddeutscher Güter , die Meilen weit von einander entfernt liegen , nur durch Landwege verbunden , die während Herbst- und Frühlingstauwetter eher verkehrhemmend als fördernd wirken - so etwas gibt es hier freilich nicht . Tuxedo Park beweist mir mal wieder , dass Amerikaner wohl Sinn für Exklusivität , aber nicht für Alleinsein haben . Sie brauchen Menschen , Bekannte - allerdings nur sorgfältig ausgewählte , solche , die in jeder Hinsicht sozial wünschenswert sind . In diesem Bedürfnis nach Verkehr , dieser Scheu vor Einsamkeit sind sie Kindern ähnlich . In dem Park von Tuxedo stehen auf bewaldeten Hügeln , die sich um einen See ausdehnen , eine Menge hübscher Landhäuser , Schweizerhäuschen mit geschnitzten Holzbalkonen und hohen Giebeln , massive Steinbauten mit breiten , südländischen Veranden , burgartig kleine Kastelle , die altertümlich aussehen möchten . All diese Landsitze sind nahe zusammengedrängt , die einzelnen Gärten gehen ineinander über und bilden alle vereint den einen grossen Park . Ausgezeichnet gehaltene Wege verbinden die einzelnen Besitzungen und werden fleissig benutzt von Fahrenden , Reitern und Spaziergängern , lauter Menschen , die sich einer zum andern begeben , in ihrem charakteristischen Bedürfnis nach möglichst viel » social gatherings « . Die meisten der Häuser sind mit einem Luxus und einem praktischen Komfort eingerichtet , wie er auf dem deutschen Durchschnittslandgut ganz unbekannt ist . Zu jedem dieser Reichtumsheime denken wir Europäer uns unwillkürlich als notwendige Grundlage und Begleitung eine meilenweite Herrschaft hinzu , statt dessen liegen sie aber nur ein paar Minuten von einander entfernt . Unten am See steht das gemeinschaftliche Klubhaus , mit Einrichtungen für alle Arten von Sport , mit grossem Ballsaal und Lesezimmer . Nachmittags trifft sich da die ganze Gesellschaft . Es ist eine Assoziation befreundeter Familien , die hier in den einstmaligen indianischen Jagdgründen eine Kolonie reicher Leute gegründet haben . Während der Wochentage dominiert das weibliche Element an Zahl , wie in den meisten