« Und munter hatte sie wieder aufgepackt und war mit ihrer Last bergab gesprungen . Damals war der Vater für sie der erste aller Menschen gewesen . Später waren es die großen Dichter und Künstler , die sie mit Anbetung verehrte , lauter Tote oder Niegesehene . Dann , eine Weile , war es Georges ... Und dann , nach zwei , drei Jahren ihrer Ehe , gab es für sie nichts Verehrungswürdiges mehr , weder bei Männern noch bei Frauen , gab es für sie keinen Menschenglauben , keine Hoffnung auf die Zukunft mehr . Nichts war ihr geblieben als der alte instinktive Drang , sich zu betätigen , etwas zu sein , etwas zu geben . Und von diesem Drange hatte sie gelebt bis zu jenem Tage , da eine Hand aus dem Nebel , eine warme , starke Hand die ihre streifte und ein heller , heißer Sonnenguß die Finsternis verschlang . Oft und oft war es Josefine peinlich und beschämend zum Bewußtsein gekommen , daß sie unter Frauen und Mädchen wie verirrt , mißverstanden und bespöttelt oder gefürchtet dasaß , während sie im Verkehr mit Männern frei und zwanglos sprechen konnte und offenes Entgegenkommen und selbstlose Förderung fand . Sie schämte sich , daß sie den Frauen nichts zu sagen wußte , und daß die Frauen sie nicht liebten , während die Männer sie suchten . Sie schämte sich , daß Männerverkehr ihr unentbehrlich war , und daß ihr die häuslichen Angelegenheiten , die kleinen intimen Interessen für ihre Toilette und die ihres Hauses nicht wichtig und anziehend erschienen . » Was für ein Mädchen sie ist ! « hatten die Kameradinnen gespottet , als sie noch zur Schule ging . » Was für eine Frau sie ist ! « hatten die Schwestern und die Bekanntinnen geklagt . » Es ist wohl recht , wenn eine Frau Verstand hat , aber das Gemüt ist die Hauptsache , « eiferten die anderen Frauen . Und als sich Josefine verheiratet , hatten sie ihren Mann bedauert wie einen , der auf den Kuhhandel gegangen und betrogen worden ist . Sie steckten die Köpfe zusammen : » Der arme Mann ! ob der auch emal Spießli8 kriegt oder Salwinli9 oder so öppis Urchigs ? « 10 Und als über die Familie das Unglück hereingebrochen , als der Unselige ins Zuchthaus abgeführt war , da rechthaberten sie : » No g ' seaht mer ' s emal wieder , wohin dös führt , wenn d ' Frau nüd ischt ! Hat der arme Mann auch jemal bei seiner Frau Spießli kriegt oder Salwinli oder so öppis Urchigs ? Ja , ja , wo d ' Frau nüd ischt , no kommt ' s Unglück g ' schwind an enen Mann . ' s ischt nur zum Beduere . « Nein , mit diesen Frauen gab es kaum ein Verständnis , und Josefine zog sich zornig und verächtlich von ihnen zurück . Ihr tiefes inneres Feuer , ihre Selbständigkeit war den Männern etwas Verwandtes , den Frauen etwas Beängstigendes . Immer breiter ward die Kluft , die Josefine von ihren Geschlechtsgenossinnen schied . Immer böswilliger steckten sie die Köpfe zusammen . » Sie laßt sich net emal scheiden ? Jo , warum net ? Do schteckt öppis Verdeckt ' s ! Sie schtudiert als Frau mit drei Kindern ? No ischt sie nüd wert ! so öppis tut nümme guet ! Den Mann hat sie bereits ruiniert , es nimmt uns nur auch wunder , was das emal für Kinder gibt ? « Und dann erzählten sie sich wieder und wieder , was Josefine als junges Mädchen über die » Kinderfrage « gesagt . » Sich grämen , weil man keine Kinder hat ! Wie sonderbar ! Kann ich mich grämen um etwas , das ich nicht kenne ? Bin ich selbst denn nicht auch ein Kind ? Und sollte ich an die ganze Welt , die da vor mir ist , so groß und wundervoll , nicht denken , sondern an mein zukünftiges Kind ? Und das Kind dann , wenn es ein Mädchen wäre , wieder an die ganze Welt nicht denken ? Und so weiter und so weiter ? in alle Ewigkeit ? Das ist doch dumm ! « » Dumm , hat sie g ' sait , präzis dumm ! ' s ischt öppis Gefährlichs in dem Maitli g ' si von Anfang . Sie hat so Meinunge g ' habt ! Ja , für was braucht so e jungs Maitli Meinunge zu habe ? I bin so alt worde , aber nie , meiner Lebtag , hätt i mir so was traut . « Und wie die Josy so gar nicht hatte nachfühlen können , daß ein Mädchen sich aus Sehnsucht nach Kindern mit irgend einem Mann , gleichviel mit welchem , verheiratete ! Nicht einmal glauben konnte sie ' s. Wie sie gelacht hatte ! » Ein Mann ? aber das ist doch kein - wie sagt man ? doch kein Werkzeug - kein Mittel nur ? das ist doch scheußlich , so zu heiraten ! Da bliebe ich doch ledig und machte aus mir selbst etwas ! Bin ich nicht selbst etwas ? Irgend eine Blüte ? irgend eine grüne Spitze ? Bin ich für mein Leben nichts und nur etwas für die Zukunft ? Ihr müßt wohl schrecklich klug sein , daß ihr so weit hinausdenkt . Ich stolpere auf Schritt und Tritt , ich bin nämlich sehr dumm noch ! Klein und kindisch und möchte mich selbst entwickeln . Wenn ich selbst noch nichts bin , wozu hat die Welt Kopien von mir nötig ? « Sie hatte gesagt : » Kopien von mir « , aber jeder fühlte , daß es hieß : » Und Kopien von dir und von dir und von euch allen ! « Unangenehme Augen hatte sie gehabt , fragend und offenherzig und ernsthaft und unbequem ; keine hatte sich in ihrer Gegenwart so recht ausklatschen können