würde , dass sie öfter hinauskam . Er zog sein Notizbuch aus der Tasche und fing an , mit seinem kostbar getriebenen silbernen Stift Zahlen zu notieren . Dann hielt er ihr einen langen Vortrag , wie alles gemacht werden müsse . Gleich in den nächsten Tagen wollten sie einen netten Laden in der Potsdamer Gegend mieten . Schon zum ersten April natürlich . Auch Mehlmann , sein Obergärtner , sollte allerbaldigst hereinkommen , um Rat zu geben , was sie für Personal brauchen würde und so weiter . Sie selbst würde während dieser vier Wochen wohl oder übel in ein grosses Blumengeschäft hineingucken müssen , um doch wenigstens etwas von der Branche zu verstehen . Lena war überglücklich und mit Bornsteins sämtlichen Vorschlägen dankbarlichst einverstanden . Nur über die Vorstreckung und Verzinsung des Kapitals konnten sie nicht einig werden . Was Bornstein ihr da vorrechnete , sah trotz ihrer mangelnden Erfahrung beinahe wie ein Geschenk aus . Und das wollte Lena nicht . Um keinen Preis . Ein solches Abhängigkeitsverhältnis widerstrebte ihrer Erziehung und ihren Anschauungen , vor alledem aber auch ihrem ungestümen Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung . Sie wollte in dieser Sache ihr eigener Herr sein , sich unter keiner Bedingung Bornstein gegenüber zu etwas verpflichten . Instinktiv scheute sie den ersten Schritt . Er sollte keine anderen Rechte über sie gewinnen , als die eines freien , heiteren Verkehrs . Was darüber ging , das war vom Uebel . So viel hatte ihr kluger Kopf in den wenigen Monaten in Berlin schon gelernt . So beschäftigt waren die beiden mit ihren Plänen , dass sie stundenlang in dem Restaurant sitzen blieben . Nach Tisch waren sie in ein behagliches Zimmer übergesiedelt , in dem sie ihren Kaffee tranken . Bornstein liess sich Absynth dazu geben . Dann zeichneten und rechneten sie weiter an ihren Wohnungs- und Ladenplänen , engagierten Personal und arrangierten Schaufenster , bis es für das Theater viel zu spät geworden war . Lena war nicht sonderlich betrübt darüber . Sie ging schon ganz in ihren neuen Ideen auf . Zwischen acht und neun kamen sie in Berlin an . Sie bummelten noch ein bischen Unter den Linden herum und blieben wohl über eine halbe Stunde an dem Blumenfenster von Schmidt stehen . Plötzlich kam Bornstein ein guter Gedanke . » Weisst Du was , Mieze ? Ich melde Dich gleich morgen hier als Volontärin an . Der Chef kennt mich und verdient genug an mir , um mir diesen kleinen Gefallen thun zu können . « Lena war natürlich vollkommen einverstanden . Dann gingen sie in einen der modernen Bierpaläste in der Friedrichstrasse . In den Weinstuben , die sie im Grunde vorzogen , pflegte Bornstein mehr Bekannte zu finden als ihm bequem war . Beim Abendbrot bat Lena , falls er morgen nach der Zimmerstrasse hinauf kommen sollte , Lotte noch nichts von all ' diesen neuen Plänen zu erzählen . Die Arme sei so nervös und überarbeitet , dass sie in allem Neuen nur ein neues Schrecknis , einen neuen , drohenden Schicksalsschlag sähe . Jedenfalls müsse sie ihr erst beibringen , dass sie ihre Stellung als Telephonistin endgültig aufgegeben habe . Bornstein fand das sehr rücksichtsvoll von Lena gedacht , ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit . Er sprach es auch aus und freute sich , als sie ihm die Antwort gab : » Wenn man selbst glücklich ist , möchte man andern doch wenigstens ihre schwierige Lage einigermassen leicht machen . « Er streichelte statt jeder Erwiderung die neben der seinen auf dem Tisch liegende Hand Lenas mit zärtlichem Respekt . Dann sagte er ihr , dass er morgen überhaupt nicht nach der Zimmerstrasse kommen würde . Er wolle bei Schmidt sein Heil versuchen und dann nach Dahlow hinausfahren , um alles Notwendige mit Mehlmann zu besprechen . » Uebermorgen kann er dann hereinkommen und uns einen passenden Laden draussen im Westen suchen helfen . « - Der nächstfolgende Tag liess sich noch wärmer an als der vorhergegangene . Gegen Mittag wurde es förmlich schwül , und Lena , die von einem kurzen Gang von ihrer Schneiderin nach Hause kam , meinte lachend , dass heut sicherlich noch ein Wunder geschehen und ein Gewitter aufziehen würde . Falb habe jedenfalls wieder einen kritischen Tag prophezeit . Lotte arbeitete an neuen Schulhüten für die drei Mädchen der Lehrerfrau . Sie war so ziemlich die einzige Kundin , die ihr von Frau Wohlgebrechts Empfehlungen übrig geblieben war . Da ihr aber Lena gestern ihre Tagegelder vom Februar mit einem ganz geringen Abzug eingehändigt hatte , sah Lotte die Dinge ausnahmsweise nicht ganz so schwarz wie gewöhnlich an . Heut Abend würde sie mit Gerhart zusammenkommen . Dann wollte sie sich noch einmal mit ihm besprechen , ob man die Dinge bis zum Sommer so weiter laufen lassen könne , oder ob sie versuchen solle , den Wirt zu bitten , sie aus dem Kontrakt zu entlassen . Trug Lena ferner so regelmässig wie im Februar zum Hausstande bei , so würde es , angesichts einer auch nur kleinen Kundschaft für Frühjahrs- und Sommerhüte , bei der grössten Sparsamkeit wohl angehen , die Wirtschaft noch ein Weilchen aufrecht zu erhalten . Als Lena heut so bald von ihrem kurzen Gang zurückkam , war Lotte sehr erfreut . Die grosse Einsamkeit lastete jetzt doppelt schwer auf ihr . Einigermassen staunte sie freilich , als sie hörte , dass Lena wiederum den ganzen Tag über frei sei , ebenso wie gestern . Das würde doch nichts Uebles zu bedeuten haben ? Lena redete der Schwester einstweilen alle Bedenken aus . Sie wollte erst kurz vor dem Schlafengehen beichten . Lotte den ganzen Tag über mit einem vorwurfsvollen , verweinten Gesicht umhergehen zu sehen , das konnte sie nicht ertragen . Eigentlich wunderte sie sich selbst darüber , dass Lotte noch nicht hinter die Wahrheit gekommen war . Es war nur dadurch erklärlich , dass Lena die Schwester nur unvollständig in das Dienstreglement eingeweiht hatte ,