und die nur auf ihr möglichen Gestalten entwickelt , so hat auch die Wüste ihre besonderen Pflanzen- , Tier- , Menschen- und überhaupt Lebensformen , welche man in andern Gegenden vergeblich suchen würde . Damit würde Freiligrath , wenn er es mit seinem » Wüstenkönig ist der Löwe « ernst gemeint hätte , allerdings nicht einverstanden sein , denn » der Löwe kommt auch in anderen Gegenden als nur in der Wüste vor « , würde er sagen ; aber ich habe trotzdem recht , denn wenn der Löwe wirklich einmal in der Wüste vorkommt , so ist es doch nur am Rande derselben , und er hat sich verlaufen . Er braucht als Fleischfresser viel Wasser und ist also nichts weniger als ein Wüstentier , wie ja auch die Giraffe , auf welcher er seinen berühmten » Löwenritt « ausführt , es in der Wüste nicht viel länger als einen Tag aushalten würde . Der Mensch hat die Gabe , sich den Naturverhältnissen des von ihm zum Aufenthalte gewählten Landes anzubequemen ; er wird je länger desto mehr ein Sohn desselben , indem er die Eigenart des Bodens annimmt , der seine Wohnung trägt , mag diese nun eine festgegründete oder ambulante sein . So auch der Wüstenbewohner . Ich gestatte mir nämlich dieses eigentlich grundfalsche Wort , weil es sich nun einmal eingebürgert hat . Die Wüste ist ja unbewohnt , und , wenn sie von Karawanenpfaden durchzogen wird , kann doch nur von Wanderern , nicht aber von Bewohnern gesprochen werden . Die Wüste liegt weit und flehend ausgebreitet wie ein endloses Gebet zu Gott um Gnade und Barmherzigkeit . Sie ist ein tief ergreifendes Bild irdischer Armut und Hilflosigkeit . Sonnendurchglüht , kahl und nackt ragen ihre Felsen empor , oft grotesk , phantastisch geformt , oft kühn vereinzelt , oft zu gemeinschaftlichen , wilden Zügen vereint , bald in seltsamen Gliederungen aufgebaut , so daß man zerfallene Städte , verödete Schlösser und Burgen oder prächtige Säulenhallen in der Ferne zu erblicken meint , bald wieder wie von der Faust eines unerbittlichen Schicksales niedergeschmettert , breitgedrückt , zerrissen und zerklüftet , von gähnenden Abgründen durchzogen , in deren Tiefe selbst die Glut der äquatorialen Sonne nicht zu dringen vermag . Gleicht dieses Bild nicht ganz genau der Geschichte dieses scheinbar , aber eben auch nur scheinbar von Gott verlassenen Landes ? Diesen oft gen Himmel ragenden Reliefs folgt das Warr , jene von zerstampften , wild durcheinander geworfenen Felsenmassen bedeckte Wüste , welche das Aussehen hat , als ob der Teufel im Zorne über seine Verstoßung hier eine ganze Welt zerschmettert und dann die Trümmerbrocken umhergewirbelt habe . In allen Größen liegen sie da , diese Steinblöcke , hier nur einer , nur zwei oder drei , dort hoch aufeinander getürmt , als ob der Böse dann » Markenumgang « in seinem Innern gehalten und jede einzelne Sünde , jedes einzelne Laster desselben mit einem aus zermalmten Bergen bestehenden Schandmale bezeichnet habe . Rundum bis an den Horizont , so weit das Auge reicht , sind diese Zeichen zu sehen , und je weiter er sich dehnt , desto größer wird ihre Menge . Zwischen ihnen liegen die Felsenbrocken gesäet wie unzählbare Körner von tausend Höllenfrüchten , die in der Wüstensonne nachreifen und sich schwärzen sollen . Den einsamen Wanderer durchschauert es trotz der glühenden Hitze ; er treibt sein Kamel an , um schnell weiter zu kommen , und ruft : » Allah beschütze und behüte mich ! « Dann kommt die Wüste , in welcher der Sand sich mit dem Warr vermählt . Dort im Westen , Tagereisen weit von hier , liegt die glatte Ebene des Sandes . Der stets vorherrschende Westwind streicht über sie und nimmt die feinsten , leichtesten Körnchen mit , um sie an jedem festeren Punkte , an jeder noch so kleinen Erhöhung abzusetzen . Die Erhöhung wird größer ; sie wächst von Tag zu Tag . Der West baut höher auf , und die mit der Sonne gehenden Nebenwinde helfen ihm . Der von ihm getriebene Sand wird bis zur Spitze gehoben , und was nicht da liegen bleibt , fällt jenseits herab . Das giebt ein leises , süßes , metallisches Klingen und Tönen . » Die Engel flüstern « , sagt der Beduine , wenn er , halb schlafend und halb wachend , es während der Nacht hört . Das ist die Wüste der Sandhügel . Die feinen , klingenden Körner wandern weiter und immer weiter ; sie erreichen das Warr ; sie füllen seine Löcher und Vertiefungen , seine Zwischenräume aus ; sie steigen an seinen Trümmern empor und hüllen sie , die harten , mit weichem Mantel ein , geben seinen scharfen Linien Milderung und verwandeln die rohen Trümmerhaufen nach und nach in sanfte Hügelwellen : Die flüsternden Engel decken das Teufelswerk in liebevoller , nie ruhender Arbeit zu . Und weit , weit draußen endlich dehnt sich die von keiner Erhöhung unterbrochene , ewig gleiche Sahar , die Wüste des toten Sandes . Die Tageshitze liegt in sichtbarer Verdichtung manneshoch auf ihr ; der Himmel zieht sich wie flüssiges Blei darüber hin und scheint sich am Horizonte mit einem Meere von glühendem Erze zu vereinigen ; eine Grenzlinie zwischen beiden giebt es tagelang nicht . Das Auge brennt , der Sehnerv versagt ermüdet seine Thätigkeit , denn der sehnsüchtige Blick findet keinen Punkt , an dem er ruhen könnte . Der Sinn für die Entfernung geht verloren ; man glaubt , inmitten einer halt- und gestaltlosen Ewigkeit zu reiten , und verliert in ihr den eigenen Halt . Die Thatkraft schwindet ; der Wille wird verzehrt ; die Schärfe der Sinne nimmt ab , und an die Stelle fehlender Wahrnehmungen treten Hallucinationen , welche das , was man wünscht , vortäuschen und vorgaukeln . Darum ist diese Wüste das eigentliche Gebiet der Fata morgana , wie sie auch den Hauptbereich der verderblichen Sandstürme bildet , denen schon mancher einzelne Wanderer und manche vollzählige