frommen Familienblättern stand , dessen Gedichte junge Mädchen auswendig lernten , dessen Name als einer der besten galt . Freilich , sie wußten nichts von seiner Gemeinheit . Er sprach ja immer so edle Gedanken in seinen Gedichten aus . Ihm galt in seinen Versen die Reinheit als das höchste Gut , die Güte gegen Mensch und Tier ( besonders gegen hübsche junge Mädchen ) als erstes Gebot Christi . Man bekam ordentlich feuchte Augen , wenn man diese lieben , kleinen , feinen Lieder las . Umsomehr , als sie so angenehm abstachen gegen die heißen , ungesunden Gefühlsergüsse manch anderer Dichter . Allerdings , die waren deshalb nicht schlechter , nur - ehrlicher . Sie gaben sich , wie sie waren . In einem glichen sich alle , die zur Fahne der Kunst schworen , besonders der Dichtkunst : abgesehen von dem Haß und Neid , womit sie einander befehdeten , - es galt ihnen kein Mittel als zu gering , auch kein täglicher Meinungswechsel , um zu Geld und Ansehen zu kommen . Es war sehr traurig , das alles in der Nähe ansehen zu müssen und lächerlich zu denken , daß diese » Künstler « Einfluß auf ihre Zeit und auf alle naiven , unverdorbenen Gemüter hatten . Fort von hier , rief es in Johanne . Und doch wieder - fort ? ohne etwas , auch nur das Geringste , erreicht zu haben ? War das nicht allzu kläglich ? Gott , Gott ! Sie sprang aus dem Bette und warf sich auf die Kniee . Sie wollte beten , aber es ging nicht . Kein Tropfen Trostes kam in ihre Seele . Mit trockenen Lippen wühlte sie sich wieder in ihre Kissen . Ob es nicht das Beste wäre , zu sterben ? Sie ließ alle Todesarten an ihrem Geiste vorüberziehen . Sie malte sich ihre einzelnen Schrecken aus . Und doch was waren sie im Vergleich zu diesem entsetzlichen , trostlosen Jammerleben ? In einer Verzweiflung , die an Irrsinn grenzte , verbrachte sie die halbe Nacht . Erst gegen Morgen sank sie in unruhigen Schlaf . Als sie die Augen aufschlug , war es Mittag . Das Mädchen brachte ihr das Frühstück ans Bett . » Nein , wie Sie aussehen , zehn Jahre älter « sagte sie erschreckt . Johanne erhob sich , kleidete sich langsam an und setzte sich an den Tisch . Was thun ? was beginnen ? Frau Wewerka kam herein . » Gehen Sie doch ein wenig ins Freie . Die Luft wird Ihnen gut thun . Wir ordnen indessen Ihr Zimmer « . Johanne kämpfte eine Stunde lang . Dann setzte sie den Hut auf , zog ihr Jäckchen an und ging hinab . Als sie über die Treppe schritt , fragte es in ihr : Wirst du auch wieder herauf kommen ? Wer weiß ? Wenn aber nicht , wo wirst du morgen früh erwachen ? Sie fuhr sich über die feuchte Stirn und ging . Sie wußte nicht , wohin . Ihre Füße trugen sie mechanisch vorwärts . Von Zeit zu Zeit hob sie den Kopf und sah sich um . Wenn sie doch an einer Kirche vorbeikäme . Vielleicht gings heute mit dem Beten . Sie irrte durch dunkle Straßen in entfernten Vorstädten , kam an mehreren Gotteshäusern vorüber , die ihr geistesabwesender Blick übersah , und rannte weiter , weiter . Sie hörte Uhren schlagen , sah die Menge der drängenden Leute sich lichten , Millionen angezündeter Gasflammen die Stadt wie in Funken hüllen , Omnibusse und Wagen zu den Nachtzügen nach den Bahnhöfen rasseln , sie sah wie Voraneilende sich nach ihr umsahen ; endlich konnte sie nicht weiter . Vor einem großen Hause mit drei Thoren taumelte sie an die Wand und sank nieder . 15 » Ist dir schlecht ? « Eine Hand legte sich sanft auf ihre Schulter . Sie sah auf . War sie gestorben und im Himmel erwacht ? Wirklichkeit konnte dies nicht sein . Ein Mann in einem falben Wollkleide , das um die Mitte durch einen Strick zusammengerafft war , stand vor ihr . Seine Füße waren nackt . Und wie sich , müd vor Schwäche , ihr Blick nach seinem Haupt erhob , lächelte sie . Das war ja Christus , und sie war wohl tot . » Warum lächelst du ? « Sein mildes Gesicht mit dem in der Mitte glatt gescheitelten , über die Schulter wallenden Haar , neigte sich zu ihr . » Fühlst du dich wohler ? « » Christus « stammelte sie , und schloß die Augen . Er hob sie in seinen Armen empor . » Ich bin nicht Christus . Ich bin ein armer Mensch , der in des Herrn Fußtapfen geht , nichts weiter . Aber - kann ich dir wirklich nicht irgendwie helfen ? Willst du nicht mit hereinkommen ? wir haben hier im Hause einen Saal , da kannst du dich ein wenig erholen , komm ! « Sie folgte ihm , ohne ein Wort zu erwidern , die Augen auf ihn wie auf ein Wunder gebannt . An seiner Hand betrat sie den Saal . Etliche vereinzelte Gasflammen brannten noch . Es standen viele Stühle umher . Vorn auf einem Podium befand sich ein Tisch . An diesem Tisch saß ein Mensch tief über ein Blatt Papier gebückt und schrieb . » Angelus , hier ist ein Kind , das ich halb bewußtlos vorm Thore fand ; bring ihm ein Glas frisches Wasser ; willst du ? « Der Schreibende sah auf die Beiden und erhob sich rasch . » Ja Meister Johannes « . Er sprang elastisch vom Podium herab und eilte hinaus . Er war genau gekleidet wie der , den er : Meister Johannes genannt hatte . Johanne erholte sich allmählich von ihrer Ohnmacht und sah sich mit wachsendem Staunen um . » Mein Gott , wo bin ich denn ? Das ist ja wie im Traum « .