Arm geblieben sei , und über alles genaue Antwort bekam , machte er seinen neuen Diener mit dem Notwendigsten bekannt , gab ihm Handgeld , und der Leopold hatte wieder Arbeit und Brot . Das war viel , aber wie wenig für den , der mit seiner einen starken Hand noch vor einem Jahre das Glück festhalten wollte für immer . Wo war sein Glück ? Wenn er sich den Tag über müde gelaufen hatte , so saß er am Abend schweigend und verdrossen in seiner Stube , er mochte in kein Wirtshaus gehen , es dünkte ihm , als hätten die Leute dort gar nichts zu tun , als nach ihm zu gaffen und von ihm zu reden , und darum ging er nun auch so früh in sein Nest wie alle andern in der Blauen Gans . Längst stand sein Bett vorne neben der Türe , wo es seinerzeit gestanden , als noch der alte Weis drinnen schlief ; der Lene ihr Bett hatte jetzt die Hanne , und das war auf dem alten Platze in der dunklen Ecke geblieben und daneben das Lager des Buben . Das Mädchen hatte auch den Bilderschirm vom Dachboden herabgekramt und sich damit eine Wand für ihren Winkel gemacht , sie hätte im Nachbarhause schlafen können , der Leopold hätte nicht weniger gesehen und gehört von ihr . Diese Ruhe war ihm unerträglich , sie beängstigte ihn , er konnte Nacht um Nacht erst spät einschlafen und erwachte , wenn es noch dunkel war , und in all den schlaflosen Stunden lag das Gefühl der Vereinsamung wie ein schweres Gewicht auf seiner Brust , und ob er sich auch rechts und links wälzte , er konnte es nicht abschütteln . Manchmal schrie das Kind auf oder lallte im Traum , dann horchte er , aber er hörte keine Bewegung der Hanne , obgleich er wußte , daß sie es war , die den Kleinen so rasch beruhigt hatte . Mit spitzfindiger Grübelei setzte er sich auseinander , daß ihm sein Kind so gleichgültig sei wie die Pflegerin , aber die zwei hatten sich so aneinander gewöhnt , daß er froh sein konnte darüber , er sei ja überflüssig da . Und von Tag zu Tag wurde der Kleine ihm ähnlicher ... wenn er wenigstens das Gesicht seiner schönen Mutter hätte , sagte sich der Leopold . Der Mann fühlte sich ganz frei , vogelfrei und doch an allen Enden gebunden . Mit vorwurfsvoller Neugierde sah er zu und wartete , wie lange das junge Mädchen stillschweigend dieses freudlose Zusammenleben mit ihm ertragen werde . Manchmal lauerte er auf einen Blick , auf ein Wort , das ihm eine Handhabe geben könne zu dem letzten und innersten Grund ihrer Opferfähigkeit , oft stand er nahe daran , sie zu fragen : » Warum bist du da ? « Was ihm ehemals so natürlich erschienen war , ihre Herzensgüte , ihre Neigung zu dem Kinde und ihm , hatte ein anderes Gesicht bekommen , seit die Lene davon gesprochen hatte , und wenn in den schlaflosen Nachtstunden das Blut rascher durch die Adern trieb , wenn die Liebe , die Sehnsucht , die Gier nach seinem Weibe ihn übermannten , dann war es , als flüsterte ihm jemand in die Ohren : » Weib ist Weib , horche nur , da unten schläft eine , die dir gehört mit Leib und Seele , wenn du sie nehmen willst . « » Das muß anders werden ! « rief sich der Leopold selbst zu , wenn er heimkehrte und die Hanne still auf ihrem Platze am Fenster fand , denn oft beschlich es ihn leise auf dem Weg : » Vielleicht ist sie nicht mehr da ... « Was aber beginnen , wenn sie einmal nicht mehr da war ? Macht das die Einsamkeit erträglicher ? Den Buben in Pflege geben zu ihr , zu dem Mädel , meinetwegen , sie sind so aneinander gewöhnt ... und dann allein aus der Blauen Gans wandern ! Dann könnte man wieder frei Atem holen ... Ja aber ... aber die alte Frau Walter ! Die ist des Teufels , die nimmt ihre Tochter nimmer heim , das hat sie verschworen , und dumme , böse Weiber halten alles , was sie schwören . Allein leben kann die Hanne doch auch nicht , jeder Lump könnte keck nach ihr langen , seit sie im Verruf ist mit einem verheirateten Mann ... Rechts und links zugesperrt , flieg nur , Vogel mit den gestutzten Flügeln ! Alles so verquickt und so verworren , kein Ausweg ... Seit die Brotsorge weggefallen war , trug der Leopold den Kopf wieder ein wenig höher , und wenn er dem Mädchen das Haushaltsgeld am Samstag hinlegte , so tat er dies viel bedachtsamer als früher bei seinem Weibe , er schaute sich auch ihr Rechenbuch genau an , und mehr als einmal sagte er ihr : » Es ist schon gut , daß du so Ordnung hältst in allem , du wirst einmal deinem Mann viel ersparen , denn du weißt selbst , wie schwer sich das Geld verdient . « Wenn sie ihn bei solchen Worten mit hellen Augen ansah oder vor sich hin lächelte , wandte er sich ab und grübelte , ob sie ihm niemals eine Antwort geben werde , die ihn hineinsehen ließe in das stille Geschöpf . » Entweder hat sie nicht ein Fünkerl Galle oder nicht ein Fünkerl Weiberverstand « , grollte er nach einem solchen Versuche . Bald aber ging ihm auch die Neugierde verloren , er wollte das Mädchen nicht mehr versteckt warnen vor der Zukunft , sie wußte ja , was geschehen würde , wenn die Lene wiederkam ... Die Lene ! ... Mit starrsinniger Hartnäckigkeit begehrte er nur nach ihr , und dieses stumme , trotzige , nagende Begehren erstickte allmählich jeden anderen Gedanken . Nun war er schon wieder so von der Sehnsucht nach ihr befangen , daß er seinem Weibe auflauerte