erquickt , und ein leises Unbehagen kam ihr erst wieder , als sie bei der Rückkehr in den Schloßhof des Glockenturms und der offenen Dachstelle darüber ansichtig wurde . Doch es ging rascher vorüber , als sie dachte , vielleicht weil ihr Hannahs Bild wieder in Erinnerung kam . » Ja , diese Bibel- und Gesangbuchleute « , sagte sie , » sie sind doch beneidenswert und nicht bloß besser , sondern auch klüger als wir . Wirklich , es verlohnte sich nicht , eine Stunde zu leben , wenn ein Menschenlos daran hinge , ob eine Glocke springt oder nicht . « Sechzehntes Kapitel Der alte Toldy , der den Gärtner inzwischen abgelegt und den Galeriediener angezogen hatte , wartete schon auf der Rampe . Mit ihm Andras . » Alles in Ordnung , Toldy ? « fragte der Graf . Toldy nickte . » Gut . Aber wir wollen nicht hier hinauf , nicht die große Treppe ; ich will der Gräfin den alten Turm zeigen . « Unter diesen Worten nahm er Franziskas Arm und führte sie , während Andras vorauflief und Toldy folgte , bis an einen alten , an den neueren Schloßbau sich anlehnenden Eck- und Feldsteinturm , in dem eine Wendeltreppe zwei Stock hoch hinaufstieg . Alles Licht kam durch schmale , nur handbreite Scharten , die von fünf Schritt zu fünf Schritt das dicke Mauerwerk durchbrachen . An einer dieser Öffnungen hielt der Graf und wies auf die Landschaft , die sich gerade von hier aus in einer besonderen Schönheit zeigte : weithin sichtbar flimmerte der See , rechts daneben aber stieg ein hoher und scharf profilierter Felskegel auf , der » der Bischof « hieß , weil man den Stab und die Bischofsmütze deutlich erkennen zu können glaubte . Wieder einige Stufen höher war an Stelle der Scharten eine niedrige , mit dem Neubau Verbindung haltende Spitzbogentür , und hier stand Andras , um durch eine tunnelartige Passage hin den Weg zu zeigen . Der Graf bückte sich und reichte von rückwärts her Franziska die Hand . Als diese glücklich aus dem Defilee heraus war , war sie frappiert von der Anmut des unmittelbar dahinter gelegenen Zimmers , das in diesem Augenblicke nach der eben passierten Enge beinahe geräumig wirkte , trotzdem es nur ein einziges , erkerartig vorspringendes Fenster , ein sogenanntes bow-window , hatte . Dies Zimmer hieß das Howardcabinet und enthielt ausschließlich Landschaften , die der englischen Mutter des Grafen , der schönen Arabella Howard , bei Gelegenheit einer Erbschaft zugefallen waren . Einige dieser Landschaften waren von Gainsborough , andere von Everdingen oder doch aus seiner Schule . Franziska , trotz allem , was sie vor wenig Stunden erst über Galeriebesuch gesagt und geklagt hatte , hatte doch Verständnis für Bilder und erkannte leicht , daß es sich hier um etwas Besonderes und Hervorragendes handle , was eine sorgliche Musterung nicht nur verlohne , sondern sogar fordere ; der Graf aber verriet augenscheinlich Ungeduld und wollte weiter , weil er sich auf den Eindruck freute , den der Ahnensaal auf Franziska machen würde . Diese Freude blieb ihm aber aus , denn im selben Augenblick , wo man unter Zurückschlagung einer Portière von dem Cabinet her in den Bilder- und Ahnensaal eingetreten war , erschien auch schon Herr Koloman Czagy mit der Meldung , daß Besuch gekommen sei . » Wer ? « fragte der Graf ungehalten und beinahe barsch . » Oberst Szabô mit Baron Perczel und Graf Devaviany . « » Ah , Szabô « , rekolligierte sich der Graf . » Unsere medisanteste Zunge ! Die Herren sind offenbar neugierig , dich kennenzulernen , und warten auf den Augenblick , um mit ihrer Klatsch- und Lügenpost um unsern See herumfahren zu können . Aber meinetwegen . Komm , laß uns abbrechen , Fränzl ; ich werde dich vorstellen . « » Ist es so dein bestimmter Wunsch und Wille ? « » Wille ? Was Wille ! Der deine gilt ; du bestimmst . « » Dann zieh ich es vor , hier zu bleiben und die Neugier der drei Herren noch ein weniges warten zu lassen . « » Einverstanden . Man soll es den Klatschbasen beiderlei Geschlechts nicht allzu bequem machen . Und nun sieh dich um in der Galerie . Toldy kennt sie besser als ich . « Damit ging er , und Franziska blieb mit Toldy zurück . Dieser , sowenig er von Bildern verstand , war doch in dem einen ein guter und geschulter Galeriediener , daß sich die schwere Kunst , » nicht zu stören « , all seiner sonstigen Plauderhaftigkeit zum Trotz angeeignet hatte . Klug hielt er sich zurück , auch heute wieder , immer abwartend , ob Franziska nach ihm verlangen würde . Diese trat ohne weiteres an eine der Längswände heran , an der sich in stattlicher Reihe die lebensgroßen Bilder der Familie Petöfy befanden . Über alles , was noch Rüstung und hohe Reiterstiefel trug , ging sie schnell hinweg und verriet erst Aufmerksamkeit , als sie bei Bildnissen angekommen war , die diesem Jahrhundert angehörten . Alle hatten Inschriften , entweder unmittelbar auf der Unterleiste des Goldrahmens oder aber auf kleinen Täfelchen , die , so schien es , neuerdings erst angehängt worden waren . Eine Rotblondine mit einem Rembrandthut und einer Straußenfeder darauf fesselte sie ganz besonders . Sie zweifelte keinen Augenblick , wer es sei , befragte aber doch das Täfelchen und las : » Arabella Howard , geb . 9. März 1785 auf Arundel Castle , Sussex ; vermählt 21. März 1803 mit Graf Michael Petöfy ; gest . 11. Februar 1837 auf Schloß Arpa . « Des Grafen Mutter also , wie sie gedacht hatte . Das Bild schien bereits Jahr und Tag vor der Verheiratung , trotzdem diese schon mit achtzehn Jahren stattgefunden hatte , gemalt worden zu sein und ließ die Lady jugendlicher als ihre zwei Töchter erscheinen , unter denen nur die Züge der jüngeren an