Frau sollte , seinem Wunsche nach , den Vorteil davon ziehn . Aber ihre vornehmere Natur sträubte sich innerlichst gegen eine solche Behandlungsweise . Das Geschehene , das wußte sie , war ihre Verurteilung vor der Welt , war ihre Demütigung , aber es war doch auch zugleich ihr Stolz , dies Einsetzen ihrer Existenz , dies rückhaltlose Bekenntnis ihrer Neigung . Und nun plötzlich sollt es nichts sein oder doch nicht viel mehr als nichts , etwas ganz Alltägliches , über das sich hinwegsehn und hinweggehen lasse . Das widerstand ihr . Und sie fühlte deutlich , daß das Geschehene verzeihlicher war als seine Stellung zu dem Geschehenen . Er hatte keinen Gott und keinen Glauben , und es blieb nur das eine zu seiner Entschuldigung übrig : daß sein Wunsch , ihr goldne Brücken zu bauen , sein Verlangen nach Ausgleich um jeden Preis , ihn anders hatte sprechen lassen , als er in seinem Herzen dachte . Ja , so war es . Aber wenn es so war , so konnte sie dies Gnadengeschenk nicht annehmen . Jedenfalls wollte sie ' s nicht . » Du meinst es gut , Ezel « , sagte sie . » Aber es kann nicht sein . Es hat eben alles seine natürliche Konsequenz , und die , die hier spricht , die scheidet uns . Ich weiß wohl , daß auch anderes geschieht , jeden Tag , und es ist noch keine halbe Stunde , daß mir Christel davon vorgeplaudert hat . Aber einem jeden ist das Gesetz ins Herz geschrieben , und danach fühl ich , ich muß fort . Du liebst mich , und deshalb willst du darüber hinsehen . Aber du darfst es nicht , und du kannst es auch nicht . Denn du bist nicht jede Stunde derselbe , keiner von uns . Und keiner kann vergessen . Erinnerungen aber sind mächtig , und Fleck ist Fleck , und Schuld ist Schuld . « Sie schwieg einen Augenblick und bog sich rechts nach dem Kamin hin , um ein paar Kohlenstückchen in die jetzt hell brennende Flamme zu werfen . Aber plötzlich , als ob ihr ein ganz neuer Gedanke gekommen , sagte sie mit der ganzen Lebhaftigkeit ihres früheren Wesens : » Ach , Ezel , ich spreche von Schuld und wieder Schuld , und es muß beinah klingen , als sehnt ich mich danach , eine büßende Magdalena zu sein . Ich schäme mich ordentlich der großen Worte . Aber freilich , es gibt keine Lebenslagen , in denen man aus der Selbsttäuschung und dem Komödienspiele herauskäme . Wie steht es denn eigentlich ? Ich will fort , nicht aus Schuld , sondern aus Stolz , und will fort , um mich vor mir selber wieder herzustellen . Ich kann das kleine Gefühl nicht länger ertragen , das an aller Lüge haftet ; ich will wieder klare Verhältnisse sehen und will wieder die Augen aufschlagen können . Und das kann ich nur , wenn ich gehe , wenn ich mich von dir trenne und mich offen und vor aller Welt zu meinem Tun bekenne . Das wird ein groß Gerede geben , und die Tugendhaften und Selbstgerechten werden es mir nicht verzeihn . Aber die Welt besteht nicht aus lauter Tugendhaften und Selbstgerechten , sie besteht auch aus Menschen , die Menschliches menschlich ansehen . Und auf die hoff ich , die brauch ich . Und vor allem brauch ich mich selbst . Ich will wieder in Frieden mit mir selber leben , und wenn nicht in Frieden , so doch wenigstens ohne Zwiespalt und zweierlei Gesicht . « Es schien , daß van der Straaten antworten wollte , aber sie litt es nicht und sagte : » Sage nicht nein . Es ist so und nicht anders . Ich will den Kopf wieder hochhalten und mich wieder fühlen lernen . Alles ist eitle Selbstgerechtigkeit . Und ich weiß auch , es wäre besser und selbstsuchtsloser , ich bezwänge mich und bliebe , freilich immer vorausgesetzt , ich könnte mit einer Einkehr bei mir selbst beginnen . Mit Einkehr und mit Reue . Aber das kann ich nicht . Ich habe nur ein ganz äußerliches Schuldbewußtsein , und wo mein Kopf sich unterwirft , da protestiert mein Herz . Ich nenn es selber ein störrisches Herz , und ich versuche keine Rechtfertigung . Aber es wird nicht anders durch mein Schelten und Schmähen . Und sieh , so hilft mir denn eines nur und reißt mich eines nur aus mir heraus : ein ganz neues Leben und in ihm das , was das erste vermissen ließ : Treue . Laß mich gehen . Ich will nichts beschönigen , aber das laß mich sagen : es trifft sich gut , daß das Gesetz , das uns scheidet , und mein eignes selbstisches Verlangen zusammenfallen . « Er hatte sich erhoben , um ihre Hand zu nehmen , und sie ließ es geschehen . Als er sich aber niederbeugen und ihr die Stirn küssen wollte , wehrte sie ' s und schüttelte den Kopf . » Nein , Ezel , nicht so . Nichts mehr zwischen uns , was stört und verwirrt und quält und ängstigt und immer nur erschweren und nichts mehr ändern kann ... Ich werd erwartet . Und ich will mein neues Leben nicht mit einer Unpünktlichkeit beginnen . Unpünktlich sein ist unordentlich sein . Und davor hab ich mich zu hüten . Es soll Ordnung in mein Leben kommen , Ordnung und Einheit . Und nun leb wohl und vergiß . « Er hatte sie gewähren lassen , und sie nahm die kleine Reisetasche , die neben ihr stand , und ging . Als sie bis an die Tapetentür gekommen war , die zu der Kinderschlafstube führte , blieb sie stehen und sah sich noch einmal um . Er nahm es als ein gutes Zeichen und sagte : » Du willst die Kinder sehen ! « Es war das Wort , das