. » Entschuldigen Sie ... « stammelte er . » Ich verstehe nicht ... « » Hast du denn kein Mitleid mit all dem Elend ? ! « » Natürlich ! « beteuerte Sender gekränkt . » Was denken Sie von mir ? Aber eben darum denk ' ich mir : Das wär ' der Mühe wert , daß man ' s nachmacht ... « » Theater ! « Was sich nicht darauf bezog , interessierte Sender nicht , was ihm nicht dafür nützen konnte , das trieb er gar nicht , oder doch sehr ungern . So gab er sich zum Beispiel mit dem Schreiben anfangs unmenschliche Mühe . Er hatte nur Nachts in verschlossener Kammer Gelegenheit , die Vorlage seines Lehrers nachzumalen , bei Tage war er ja unter den Augen seines Meisters oder der Mutter . Und so saß er beim Scheine seines dürftigen Öllämpchens Stunde um Stunde und schrieb unverdrossen wohl an die hundert Male dasselbe Zeichen oder dasselbe Wort . Mutig kämpfte er gegen die Müdigkeit , aber einmal fielen ihm dabei doch die Augen zu , und er erwachte erst , nachdem ihm ein Stück des brennenden Dochtes auf die Hand gefallen war und eine Wunde hineingebrannt hatte . Das war ihm denn doch zu unangenehm , und als er am nächsten Tage wieder im Burghofe vor dem Soldaten stand , fragte er demütig : » Entschuldigen Sie zur Güte - aber muß ein Komödiant eine schöne Schrift haben ? « » Warum ? « fragte Wild . » Darum ! « Und Sender wies auf seine Wunde . » Nun « , entschied der Lehrer , » eine schöne Schrift muß ein Komödiant nicht unbedingt haben , aber leserlich muß er schreiben können , wie jeder gebildete Mensch . « Sender nickte fröhlich . Von da ab übte er allnächtlich nur eine halbe Stunde . Leserlich schreiben , meinte er , das könne er ja ohnehin ... Einer anderen Mühe hingegen unterzog er sich mit größter Ausdauer . Er wollte und mußte hochdeutsch sprechen , und es gelang ihm mit der Zeit auch überraschend gut . Sein merkwürdiges Nachahmungstalent kam ihm da vortrefflich zu statten . Wie er schon einst als Kind seinem alten Freund Fedko durch sein reines Ruthenisch schwere Zweifel an seiner jüdischen Abkunft erweckt , so setzte er nun den Soldaten durch seine reine Aussprache in Verwunderung . Doch war die Sache nicht so glatt und hatte ihre sonderbare und komische Seite . Wild war im Unterinntal geboren und aufgewachsen , und wenn er auch ein Schriftdeutsch sprach , so schlug dabei doch der grobkörnige , tirolische Dialekt sehr vernehmlich durch . Mit dem Richtigen horchte ihm Sender natürlich auch diese eigentümlichen Mängel ab und sprach daher das Deutsche etwa so , als wäre er in Jenbach geboren oder in einer anderen Zwingburg der katholischen Glaubenseinheit . Ferner hatte es der Jüngling wohl in der Gewalt , alle Unarten seines Jargons , soweit sie Tonfall und Aussprache betrafen , zu vermeiden , aber sein deutscher Sprachschatz war kein allzu reicher , und so mußte schließlich doch sein gewohntes Jüdischdeutsch herhalten . Kurz - Senders Rede hörte sich so an , als wenn ein Tiroler den Dialekt der polnischen Juden sprechen würde . Es ist unbeschreiblich , wie komisch das klang . Der unglückliche Soldat , den sein Schicksal sonst nicht gerade zur Heiterkeit stimmte , bekam oft wahre Lachkrämpfe , bis Sender gekränkt rief : » Oper ichch pitte Sie , pin ichch ein geporener Deutsch ? « Da schwieg Wild , denn entmutigen wollte er den Schüler nicht , und wie die Aussprache etwa zu bessern wäre , dafür wußte er zunächst keinen Rat . » Das schleift sich vielleicht ab « , dachte er , » wenn er erst unter gebildete Leute kommt . « Hingegen erfüllte ihn der tolle Wirrwarr , der in diesem Schädel herrschte , mit bleibender Sorge , und oft genug überkam ihn der Gedanke , daß er Sender durch den seltsamen Unterricht mehr als Gutes zugefügt . Die historischen Kenntnisse des Jünglings beschränkten sich auf die biblische Geschichte und die Ereignisse von 1848 , aus dem Nebel , der dazwischen lag , tauchten nur die Namen der Kaiser Titus und Napoleon auf , weil sie , der eine als Feind , der andere als Freund der Juden auch im entlegensten Ghettowinkel ein unsterbliches Leben führen - daran reihten sich nun in tollem Wirbel die Gagern , Radowitz , Arndt und Robert Blum . Von fremden Völkern und Ländern wußte Sender fast nichts , und daß die Erde eine Kugel sei und sich um die Sonne drehe , glaubte er seinem Lehrer nur aus Höflichkeit . Aber was er so etwa gleichsam zufällig erfuhr , das haftete dann auch , und hatte es zu seinem Idol irgend einen Zusammenhang , so blieb es ihm vollends unvergeßlich . Da buchstabierte er einmal seinem Lehrer die Stelle vor : » Die armen Magyarn haben ' s auch erfahren , Sie büßen heut , daß vor hundert Jahren Sie ihr : Moriamur pro rege riefen Und froh in Tod und Verderben liefen , Zu retten eine fürstige Frau ... « Wild erklärte ihm , daß darunter Maria Theresia gemeint sei , und wie sie auf dem Preßburger Landtag die Stände zur Begeisterung entflammt habe . Sender hörte aufmerksam zu . » Das wär ' auch ein schönes Spiel « , sagte er . » Hat das noch niemand aufgeschrieben ? « Wild verneinte . » Und immer nur das Theater ! « tadelte er dann . » Sonst magst du dir nichts merken . « » Was brauch ' ich denn das andere ? « entschuldigte sich Sender . » Übrigens weiß ich schon was : Vier große Königinnen kenn ' ich schon ! Die Königin von Saba , die zum Salomo zu Besuch gekommen ist , und die Königin Esther , die den Haman hat aufhängen lassen , und die Maria Theresia und dann die Elisabeth