der wunderlichen Baum- und Steinfaxen zu meinen Füßen stiegen und schwebten die Oktobernebel phantastisch auf und nieder ; es war der erste und ich glaube auch letzte Märchenschauer meines Lebens , der mich im Dämmerlicht dieses dunkel boisierten , totenstillen Wartezimmers überrieselte . Eine halbe Stunde mochte auf diese Weise vergangen sein , ich war des Antichambrierens und der romantischen Schauer herzlich müde geworden ; da hörte ich das Zurückschieben eines Riegels , das Dröhnen eines Krückstocks , endlich ein pfeifendes Keuchen auf der Schwelle des Turmgemachs . Meine hohe Gastfreundin war eingetreten . Die Eltern , wenn sie überhaupt um die landläufigen Vorstellungen über ihre einzige Verwandtin Näheres gewußt , hatten mir dieselben wohlweislich vorenthalten . Meine Instruktion lautete einfach : einer hochbetagten , daher wunderlichen , möglicherweise stolzen und ein wenig ökonomischen Würdenträgerin mit Ehrerbietung zu begegnen . Da überlief mich denn nun freilich eine Gänsehaut bei dem Anblick , der sich nach und nach mir gegenüber als eine Menschengestalt entwickelte . O du weiser Prediger des Vergänglichen , ja was ist der Mensch in seiner Herrlichkeit ! Eberhardine von Reckenburg , einst an dem schönheitskundigsten Hofe von Deutschland als Schönheitsgöttin gefeiert , und heute wie ein Sprenkel zusammengekrümmt , mühsam am Krückstocke keuchend , bebend vor innerlichem Frost , wie ein Laub im Novembersturm , das kaum noch handgroße Gesicht in tausend kleine Fältchen eingeschrumpft , gleich einem vergilbten Pergament aus der Klosterzeit ! Und dennoch ! Alles , was jemals unter der anmutsvollen Hülle gelebt hatte , das lebte noch heute unter der runzligen Haut , und die schwarzen Augen funkelten noch heute so mutig , scharf und klug , so heimlich passioniert , wie sie in den Tagen des starken August gefunkelt haben mögen . Ein einziger Blitz dieser durchdringenden Augen , und der heimlichste Winkel , die verborgenste Falte in des armen Patenkindes Seele waren bloßgelegt , insofern nämlich Winkel und Falten in besagter Seele bloßzulegen gewesen wären . Die kleine , unheimliche Gestalt war schwarz gekleidet vom Kopf bis zur Zehe , nach einer Fasson , die wir auf Maskenbällen einen Domino nennen . Über einem schleppenden Untergewande hing ein kurzer , faltiger Mantel , unter dem Kinn mit einer dichten Krause geschlossen . Über der Witwenhaube thronte ein runder Hut mit wallendem Federschmuck . Ich habe die Gräfin späterhin , selbst in den vertraulichsten Situationen , niemals ohne ihren » spanischen « Hut und Mantel , wie auch niemals ohne Handschuhe gesehen und ihre Mode praktisch gefunden . Sie war warm und bequem und verlieh ihr in ihren eigenen Augen eine Würde , die Schlafrock und Kapuze gestört haben würden . Beim ersten Eindruck aber , im Dämmerlicht des geisterstillen Palastes , wird man mir ein gelindes Gruseln nicht übelnehmen . Indessen war ich nicht dauernd auf apprehensive Stimmungen angelegt ; bevor die Gräfin sich in ihrem Lehnstuhle verschnauft , hatte ich meine natürliche Fassung wiedergewonnen . Ich schritt herzhaft auf sie zu , und Handkuß wie Reverenz gelangen in dem korrekten Stile , der einer Reckenburgerin fürstlichem Ansehen gegenüber als Vorschrift galt . Die Gräfin hatte , nach einsamer und etwas harthöriger Leute Art , die Gewohnheit angenommen , Eindrücke oder Einfälle vor sich selber laut werden zu lassen , und dankte ich diesen unbewußten Plaudereien in der Folge manche Enthüllung , die sie mir bewußt nicht gemacht haben würde . Bei ihren heutigen Glossen aber war es ihr jedenfalls mehr als gleichgültig , ob ich sie auffing oder nicht . » Grobschlächtig , aber frisches Blut ! « sagte sie nach einem musternden Blick , mit dem Kopfe nickend . » Eine Weiße ! Wir Schwarzen von jeher feiner und schön . - Leidliche Turnüre . - Wo hast du tanzen gelernt ? « fragte sie darauf , zu mir gewendet . » Bei meinem Vater , gnädige Gräfin , « antwortete ich . Glosse der Gräfin : » Sächsischer Kadett . Gute Schule ! « Zweite Frage : » Verstehst du Französisch ? « » Meine Mutter hat immer Französisch mit mir gesprochen , gnädige Gräfin « » Rezitiere ein paar Sätze . Gleichgültig , was . « Mir fiel just nichts anderes ein als meine letzte Gedächtnisübung ; eine Fabel , den Segen schildernd , der den Nachkommen aus der Arbeit der Greise erwächst . Unbekümmert um das A propos oder Mal à propos dieser Wahl , deklamierte ich meinen octogénaire plantant frisch von der Leber weg von A bis Z. » Ingénuité absolue ! « glossierte denn auch die Gräfin mit einer Lippenbewegung , die wohl ein Lächeln bedeuten sollte . » L ' accent passablement pur ! « setzte sie darauf , den Kopf neigend , hinzu . » Die Mutter als Fräulein viel in Dresden zu Hof . Verständige Erziehung ! - Wir werden Französisch miteinander reden , Eberhardine ! « » Wie Sie befehlen , gnädige Gräfin . « » Du magst mich Tante nennen , « sagte die Gräfin . Während ich , zum Dank für diese Huld , ma tante zum zweitenmal die Hand küßte , meldete der diensttuende Heiduck : » Madame la comtesse est servie ! « » Ein zweites Kuvert für meine Nichte , Jacques ! « befahl die Gräfin . Eberhard und Adelheid , o weise Erziehungsauguren ! Ohne den sauren Schweiß deiner Tanzabende , mein braver Vater , ohne deine Sprachmühen , kluge Mutter , würde die letzte Reckenburgerin Gott weiß in welchem Winkel des Stammsitzes ihrer Ahnen eine Abspeisung gefunden haben , und wie höchlich durfte sie nun mit ihrem Entree zufrieden sein ! So folgte ich denn um die Stunde , wo wir daheim unser Vesper zu verzehren pflegten , meiner neuen Tante zum Souper in den Speisesaal . Seine Ausstattung entsprach dem Prunke des übrigen Schlosses . Es brannte ein silberner Kandelaber , dessen braungelbe Wachskerzen die fast fünfzigjährigen Vorräte anzeigten . Das Tafelservice , wenn auch ein wenig verbraucht , bekundete den gediegenen Ursprung ; dem geringsten Stücke war gleichsam der Stempel des