« » Ja , aber zum Glück habe ich keinen grimmigen Landgrafen zu fürchten ... Uebrigens , wenn auch - ich würde ihm trotzdem keine Unwahrheit sagen . « » Potztausend , was für eine Heldenseele ! « » Nun , ich meine , es gehöre ungleich mehr Mut dazu , eine offenbare Lüge dreist zu sagen , und wenn es zehnmal eine fromme sein sollte . « » Hast recht , mein Töchterchen - brächt ' s auch nicht fertig ... Na , da kommt auch die Sabine . « Die alte Haushälterin trat aus der Thür , und während sie auf des Oberförsters Wink Elisabeth das Fleisch hinreichte , flüsterte sie ihm zu , Herr von Walde , der gestern spät abends von seiner Reise zurückgekehrt sei , warte schon seit einiger Zeit auf ihn . » Wo ? « fragte er . » Hier unten in der Wohnstube . « Sie standen aber gerade vor dieser Stube , und die Fenster waren offen . Elisabeth drehte sich überrascht um , konnte aber nichts entdecken , sie war feuerrot geworden . Der Onkel jedoch zog , ohne sich umzusehen , seinen Kopf auf eine unendlich komische Weise zwischen die Schultern , strich schmunzelnd seinen Bart und sagte leise mit unterdrücktem Lachen : » Da haben wir die Bescherung ; du hast dir ein gutes Süppchen eingebrockt , der hat alles mit angehört . « » Desto besser , « erwiderte das junge Mädchen und hob fast trotzig den Kopf , » er wird ohnehin selten genug die Wahrheit zu hören bekommen . « Dann reichte sie dem Onkel und Sabine die Hand zum Abschiede und schritt langsam durch den Wald nach Lindhof zu . Im ersten Augenblicke war ihr der Gedanke peinlich gewesen , daß Herr von Walde ihr Urteil über ihn so wider Willen hatte mit anhören müssen ; dann aber meinte sie , ganz ebenso würde sie ihm ja auch die Wahrheit ins Gesicht gesagt haben . Da aber nicht zu vermuten stand , daß er sie je um ihr Gutachten befragen würde - ein Gedanke , der sie lächeln machte im Hinblicke auf seine Unnahbarkeit - so konnte es ihm wirklich nicht schaden , daß ihn der Zufall zum Zeugen eines völlig unparteiischen Ausspruchs - wenn auch nur aus einem Mädchenmunde - gemacht hatte ... Wie mochte es aber kommen , daß er so plötzlich und unerwartet zurückgekehrt war ? Fräulein von Walde hatte stets ein mehrjähriges Ausbleiben ihres Bruders vorausgesetzt und war vorgestern noch gänzlich ahnungslos in Bezug auf seine Rückkehr gewesen ... Die Begegnung am gestrigen Abend fiel ihr plötzlich ein . Der alte Herr hatte ja auch gesagt , er sei ein heimkehrender Reisender , aber er mit seinen gemütlich lächelnden Zügen und seinem behäbigen Wesen war nun und nimmermehr der ernste , stolze Besitzer von Lindhof ; dann wohl eher der , der schweigend im Dunkel der Gebüsche gewartet hatte , bis seinem Begleiter die gewünschte Auskunft über das fragliche Licht zu teil geworden war ... Was aber mochte Herr von Walde von ihrem Onkel wollen , der , wie sie wußte , niemals in irgend welchem Verkehr mit ihm gestanden hatte ? Diese und ähnliche Gedanken beschäftigten sie lebhaft auf ihrem Wege nach dem Hause des Webers . Mann und Frau weinten vor Freude über die unverhofften Spenden , und von tausend Segenswünschen der armen Leute begleitet , verließ Elisabeth das Häuschen . Elisabeth schritt durch das Dorf nach Lindhof zu ihren gewöhnlichen Musikübungen , die trotz der Ankunft des Herrn von Walde nicht abgesagt worden waren . Mit der Rückkehr des Besitzers hatte das Schloß eine ganz andere Physiognomie angenommen . Sämtliche Fenster im Erdgeschoß an der Südseite , die so lange verschwiegen und geheimnisvoll hinter den weißen Läden gesteckt hatten , spiegelten ihre lange glänzende Reihe im Sonnenlichte . In den Räumen selbst wurde gewaltig gelärmt und hantiert , gesäubert und gelüftet . Eine Glasthür , die das Innere eines großen Saales zeigte , stand weit offen ; auf einer der Stufen , die hinunter nach dem Garten führten , lag ein schneeweißes Windspiel ; den schlanken Leib unbeweglich hingestreckt auf den sonnenbeschienenen heißen Stein , und die Schnauze auf die Vorderpfoten gelegt , blinzelte es Elisabeth an , als sei sie eine alte Bekannte . An einem offenen Fenster ordnete der Gärtner einen Blumentisch und der alte Hausverwalter Lorenz schritt eben mit dem Blick eines Untersuchungsrichters durch das Zimmer . Es war auffallend , daß sämtliche Menschen , die dem jungen Mädchen im Hause begegneten , wie durch einen Zauberschlag einen völlig anderen Gesichtsausdruck angenommen hatten . War ein Sturmwind durch die schwüle Atmosphäre gebraust und hatte einen neuen Odem in die Räume gebracht , so daß die Stimmen heller klangen , und die gedrückten Menschengestalten sich erfrischt und elastisch aufrichteten ? ... Selbst der alte Lorenz , dessen Gesichtsmuskeln stets so schlaff und grämlich herabhingen , als ob sie Bleigewichten nachgeben müßten , hatte heute einen wahren Sonnenschein in den Augen , obgleich er einen Augenblick auf die Staubausklopfer erbost war ; auch klang seine Stimme so laut , daß Elisabeth überrascht aufsah , denn sie kannte den alten Mann ja nur , wie er geräuschlos auf den Zehen in das Zimmer der Damen trat und lispelnd , mit möglichst unterdrückter Stimme seine Meldungen machte . Erstaunt über dies urplötzlich aufgeblühte neue Leben und Treiben wandte sich Elisabeth nach dem Flügel , den die Damen bewohnten . Hier herrschte jedoch die tiefste Stille . In der Wohnung der Baronin hingen sämtliche Rouleaus dicht und schwer hinter den Scheiben . Kein Laut drang durch die Thüren , an denen Elisabeth vorbei mußte . Die Luft des schmalen Korridors war mit dem durchdringenden Geruche starker Baldriantropfen gemischt , und als endlich am untersten Ende des Ganges eine Thür geöffnet wurde , erblickte Elisabeth wohl ein menschliches Haupt , aber in welcher Verfassung ! Es war die alte Kammerjungfer der Baronin , die vermutlich sehen wollte , wer so