mir unter das Bild , was Sie eben gedichtet haben ; denn ich habe es Ihnen angesehen , daß Sie Verse machten . Oswald nahm den Griffel , den ihm Melitta halb im Scherz und halb im Ernst bot , und schrieb , während die schöne Frau ihm über die Schulter blickte , mit zitternder Hand : Fern zu Paris , im hohen Louvresaale , Inmitten all ' der göttlichen Gestalten , Der marmorschönen , ach ! und marmorkalten , Da thront sie hoch auf dem Piedestale ; Sie , die im stillverschwieg ' nen Bergesthale , Als träumerisch die duft ' gen Nebel wallten , Anchises einst in seinem Arm gehalten , Bis sie entschwand im ersten Morgenstrahle . Die Göttin starb . Man fand die schöne Leiche , Und trug sie still in heil ' ge Tempelhallen ; So herrscht die Todte nun im Todtenreiche . Und , keinem , keinem von den Gläub ' gen allen Neigt gütig sie das Angesicht , das bleiche ; Taub bleibt ihr Ohr für frommer Beter Lallen . Oswald legte den Griffel aus der Hand und schaute zu Melitta empor . Sein Blick begegnete dem ihrigen . Für ein paar Momente ruhten ihre Augen in einander , als ob sie Eines in des Andern Seele lesen wollten . Da erschien in der Thür zum Nebenzimmer , aus dem man schon seit einiger Zeit das Klappern von Tellern gehört hatte , der alte Baumann mit einer Serviette unter dem Arm und sagte feierlich , wie der Comthur im Don Juan : Gnädige Frau , es ist angerichtet . Schnell , kommen Sie , ehe unser Habermus kalt wird , rief Melitta . Nur noch die paar Blätter erlauben Sie , sagte Oswald ; ich sehe , es ist gleich zu Ende . Es ist nichts von Bedeutung mehr darin , sagte Melitta fast ungeduldig . Ei , da ist ja der Park von Grenwitz , rief Oswald , indem er , vom Sessel sich erhebend , das letzte Blatt aufschlug . Der Rasenplatz hinter dem Schlosse . Hier die Flora , dort Bruno im vollen Lauf - Und hier sind Sie ! Wo ? Dort . Dieser Nebelstreif ? sagte Oswald , auf eine Stelle rechts neben der Flora deutend , wo man von einer Figur , die mit Gummi wieder weggewischt war , noch eben die Umrisse erkennen konnte . Dieser Nebelstreif ! antwortete Melitta lachend . Ich wollte Sie erst in Ihrer wirklichen Gestalt zeichnen , konnte aber nicht damit zu Stande kommen . Jetzt sollen Sie als Erlkönig figuriren , der den Knaben Bruno hascht ; das heißt Bruno ' s Leib , denn seine Seele gehört Ihnen schon . Wie haben Sie es nur angefangen , den jungen Leoparden in den paar Tagen vollständig zu zähmen ? Durch ein Bischen aufrichtige Liebe . Shakespeare nennt als untrügliches Mittel , die Menschen zu fangen , die Schmeichelei ; ich finde , daß die Liebe ein noch viel sicheres und dabei viel edleres ist . Und ist nicht die Liebe die größte Schmeichelei ? So sprachen Oswald und Melitta , während sie in das Nebenzimmer gingen , ein hohes , schönes , mit alterthümlichen Möbeln ausgestattetes Gemach , in dessen Mitte auf einem runden Tischchen allerlei Erfrischungen gar einladend servirt waren . Hinter dem einen der reichgeschnitzten , hochlehnigen Stühle stand kerzengerade , die Serviette unter dem Arm , der alte Baumann , einer Anerkennung seiner ausgezeichneten Verdienste und fernerer Befehle gewärtig . Nun , was bietet uns denn unser Tischlein-decke-dich ? sagte Melitta , sich setzend , und Oswald mit einer Handbewegung einladend , ihrem Beispiele zu folgen . Kalten Braten - Eingemachtes - ganz charmant , Baumann ! Mamsell wird sich ärgern , daß wir ohne sie fertig geworden sind . Mamsell ist vor einigen Minuten von Faschwitz retournirt , sagte Baumann , der an einem Nebentisch eine Flasche entkorkte . Ich wette , sie ist gar nicht fortgewesen , flüsterte Melitta lächelnd Oswald zu . Was haben wir denn für unsern Gast zum Trinken , Baumann ? Steinberger Cabinet , zweiundvierziger , sagte Baumann , Oswald ' s Glas mit dem goldigen Weine füllend . Und für mich ? Frisches Brunnenwasser , etwa mit Himbeersaft , antwortete Baumann kaltblütig , die Flasche mit dem Stöpfel darauf vor Oswald hinstellend . Damit bin ich heute schlechterdings nicht zufrieden , Baumann ! Wie steht es denn mit unserm Champagner ? Rein alle , gnädige Frau . Aber wir haben ja doch neulich erst eine Kiste bekommen ? Steht noch nietennagelfest im Keller . Ach , das ist ja jammerschade , klagte Melitta . Und ich komme fast um vor Durst , und muß nun gerade heute ein solches Verlangen nach Champagner haben . Nu , nu , tröstete Baumann , wird sich ja noch bewerkstelligen lassen . Damit schritt er zur Thür hinaus . Sehen Sie , so muß ich mir in meinem eigenen Hause Alles zusammenbetteln , sagte Melitta , aber Sie essen ja nicht ! Und was für ein Stück Sie sich da genommen haben ! Das schlechteste auf dem ganzen Teller . Gott , was seid Ihr Männer doch für hülflose , unpraktische Geschöpfe ! Ich merke schon , daß ich für Sie sorgen muß . Und sie begann trotz Oswald ' s Versicherung , daß er gar keinen Hunger habe , seinen Teller mit dem Besten , was sie auf dem Tisch entdecken konnte , zu füllen . Es schmeckt Ihnen nicht , sagte sie endlich fast traurig , als sie sah , daß der junge Mann selbst jetzt die Speisen kaum berührte . Sie sind krank ? Ich befand mich im Leben nicht wohler . Aber sind Sie nie in der Stimmung gewesen , wo man Essen und Trinken für das Ueberflüssigste von der Welt , und die himmlischen Götter selbst , die doch noch des Nektars und der Ambrosia bedurften , für sehr armselige Götter hält ! O gewiß kenne ich solche Stimmungen