! singt Pindaros . Und ich respectire sogar diese alte Hünennatur des Kronsyndikus ! Dies Geschlecht ist schon seit dem Tage , da Karl der Große seine Vorfahren gebunden in die Weser jagte und mit Gewalt taufte , Hadern und Streiten gewohnt und hat eine Natur dafür , auch den alten reichsunmittelbaren und kaiserebenbürtigen Dünkel , der immer hoch zu Roß sitzt und sich in seinen Rüstkammern sogar noch die Schwerter aufbewahrt , mit denen ihre Ahnen gelegentlich in Regensburg , Gotha oder Soest drüben als Landfriedensbrecher hingerichtet wurden ! Die haben solche Aufregungen nöthig ! Nur wir Plebejervolk verlieren immer gleich den Athem , sind zu kurz , zu dick , zu untersetzt stämmig für solche Fehden ... Kennen Sie meinen Alten ? Lucinde hatte den Deichgrafen oft reiten und fahren sehen und erkannte aus des Doctors Schilderung die kleine , corpulente Persönlichkeit eines Charakters , der , wie sie sah , vom Sohne selber aufgegeben wurde ... Aber dürfen Sie denn drüben überhaupt sagen , daß Sie mit mir gesprochen ? fragte er . Sein Ton war wieder so zärtlich , daß Lucinde sich seiner Annäherung entzog . Und jetzt hatte er zwei Blütenzweige von einem Obstbaum über sich abgebrochen und legte den einen stumm in ihre Hand , den andern senkte er ohne ein Wort zu sagen in die Erde . Er bezeichnete damit eine Stelle , wo Lucinde seitwärts vom Wege eine Weile gestanden hatte . So redete er fast die Sprache seines Freundes , des Kammerherrn . An dergleichen demnach gewöhnt , widersprach sie gar nicht , sondern ließ ihrer neuen Eroberung ruhig lächelnd auch diese Huldigungsform . Der Doctor pflanzte den Zweig und schwieg bewunderungsvoll . Als die Procedur vorüber war , kamen sie an die kleine Pforte des Parkes , zu der Lucinde den Schlüssel hatte . Ringsum war alles still , niemand kam des Weges ... » Das Schweigen ist der Gott der Glücklichen ! « flüsterte Klingsohr rings um sich blickend , und dann wieder seufzend rief er : Jérôme ! Jérôme ! Wie ist es nur möglich , Jérôme ! Verdrießlich über die Anspielung auf ihr Verhältniß zum Kammerherrn erwiderte sie kurz : Ich verstehe Sie gar nicht ! Adieu ! Klingsohr folgte , blieb dann plötzlich stehen und sprach laut : Die Linde blühte , die Nachtigall sang , Sie Sonne lachte mit freundlicher Lust ; Da küßtest du mich und dein Arm mich umschlang , Da preßtest du mich an die schwellende Brust ! Die Blätter fielen , der Rabe schrie hohl , Die Sonne grüßte verdrießlichen Blicks ; Da sagten wir frostig einander : Lebwohl ! Da knixtest du höflich den höflichsten Knix ! Lucinde erwiderte lachend : Ein so gelehrter Mann und fremde Citate ? Hüten Sie sich , mein Fräulein , rief Klingsohr , wenn ich Original werde ! Dabei streckte er wild die Arme aus . Es war eine Geberde , wie wenn er den Himmel auf die Erde herabziehen könnte . Sie erschrak und entschlüpfte . Am Gitter , wo sie aufschloß , wendete sie sich noch einmal ... Ihr Begleiter war nicht mehr weiter gefolgt . Auf sechs oder sieben Schritte blieb er zurück , wie wenn er seiner Kraft nicht traute weiter zu gehen . Nur leise lispelte er ihr nach : Engel ! Seh ' ich Dich wieder ? Dabei hob er die Hände empor , wie anbetend , gerade so wie der Kammerherr einst gethan . Sie winkte , daß er gehen möchte ... Aber es war ja ihre Sache , zu gehen ... Klingsohr rief wieder : Heilige ! Dann sprach er leise und innig : Bitt ' für mich ! ... Erlöse mich ! setzte er dringender und fast feierlich hinzu . Das die Umzäunung bildende geschnittene Zwergholz des Parkes verbarg sie jetzt . Sie schritt unter den hohen , noch fast durchsichtigen Ulmen , die sich über sie mit ihren halbbelaubten Zweigen wölbten , hin gleichsam wie in Lüften . Auf so ergreifende Worte , wie ihr da eben nachklangen , Erwiderungen zu geben hatte sie noch keine Schätze des Geistes , des Herzens und der Phantasie in sich . Es war die erste Begegnung ihres Lebens mit einem Manne , die sie vernichtete . 12. In ihrem Pavillon fand Lucinde den schon ängstlich auf sie harrenden Jérôme . Er hatte ihr Wunderdinge zu erzählen und sie blieb aus ! Nun aber auch bestürmte er sie mit seinem Lachen , das er in der Gewohnheit hatte , wenn ihm irgendetwas nach seiner Voraussetzung besonders Kluges gelungen war . Der Versuch , ihn bei dem großen Familien- und Nachbarsessen , das um vier Uhr begonnen hatte , und in Gegenwart des Regierungsraths , seines ältern Bruders , der Welt als einen zurechnungsfähigen Menschen vorzustellen , war vollständig gescheitert . Nach der Mittheilung , die er von dem übeln Verlauf eines seiner gewohnten Streiche erzählte , merkte man wohl , daß sein eigener Bruder , der Regierungsrath , ihm die Gelegenheit erleichtert hatte , aus der erzwungenen Rolle zu fallen , die er unter den stechenden Augen und der zusammengezogenen Stirn seines Vaters spielen mußte . Für Lucinden , die kaum die Besinnung hatte zuzuhören , war auch noch die Ueberraschung aufgespart , daß , wie es schien , in fröhlicher Weinlaune und im Triumph eines eroberten Sieges der Regierungsrath selbst erschien und zum ersten mal sie zu sehen verlangte . Der von der Tafel angeregte Mann , der mit dem Vater und Bruder wenig Aehnlichkeit hatte , kam in Begleitung des » schönen Enckefuß « , der in weinseliger Laune den Arm um den Regierungsrath geschlungen hielt und der Verwilderung seiner künstlichen Verjüngungen nicht mehr zu achten schien . Beide kamen die schmale Stiege des Pavillons herauf und reizten die Eifersucht des Kammerherrn nicht wenig durch ihre verfänglichen Grüße und Reden . Ihren Paß , mein - Fräulein - , lallte der Landrath mit galanten Verbeugungen , die das Mobiliar des kleinen Zimmers in Gefahr brachten .