Wenn ich in Nr. zwölf die Treppe hinaufgestiegen bin , so finde ich dort in dem einfach , aber hübsch ausgestatteten Zimmer des ersten Stocks eine Dame vor dem Klavier sitzen , die mir freundlich zunickt , ohne sich in ihren Phantasien stören zu lassen . Ich setze mich neben die Rosen- und Resedatöpfe im Fenster , der Musik lauschend , und kann dabei zugleich einen musternden Blick über das Zimmer gleiten lassen . Hier gleich neben mir unter den Blumen steht Flämmchens Messingbauer , in welchem der kleine Vogel bereits auf der Stange sitzt und das Köpfchen unter den Flügel gezogen hat . Müde von den Anstrengungen des Tages , ist er früh zu Bett gegangen . Im zweiten Fenster mir gegenüber steht ein ähnliches Nähtischen wie das , vor welchem ich sitze ; ein Stickrahmen mit angefangener Arbeit liegt darauf . Das ist Elisens Platz ; auch sie hat wie Flämmchen hier eine zweite Behausung . Zwischen beiden Fenstern , gegen das Licht gezogen , macht sich ein einst rot bemalt gewesener Tisch breit ; bedeckt mit Büchern , Schreibzeug , Heften , Federmessern usw. usw. , bekritzelt , zerschnitten , zerhackt , ist er der Schauplatz von Gustavs » stillen Freuden « . Hier brütet das Genie über seinen » locibus « , den Kopf auf beide Fäuste gestützt und in den Haaren wühlend ; hier füllen sich die Blätter mit Fratzen aller Art statt mit lateinischen Phrasen ; hier werden alle die Dummheiten ausgebrütet , welche die Gasse in Verwunderung und Verwirrung setzen sollen ; hier werden mit dem demütigsten Gesicht , der reuevollsten Miene die Ermahnungen und Vorwürfe , welche die Mutter von ihrem Thron herab auf das Haupt des Taugenichts der Sperlingsgasse schüttet , in Empfang genommen und richtig quittiert durch - einen tollen Streich eine Viertelstunde nachher ; hier , kurz hier - ist Gustav Bergs Schreibtisch ! Als die Tante Helene ihr Spiel beendet hat , erzähle ich ihr die Geschichte des Katzendiners , von dem sie natürlich noch nicht das mindeste weiß . » Ich kann ihn nicht mehr bändigen ! « ruft sie halb lachend , halb in Verzweiflung aus . » Und die Elise verdirbt er mir auch ganz ! Statt zu sticken und Vokabeln aufzuschlagen , schießen sie sich mit Papierkugeln : wenn er ihr einen Käfer in den Nacken gleiten läßt , bin ich sicher , daß sie ihm einen Zopf ansteckt oder einen Eselskopf auf den Rücken malt . Ich spreche und schelte mich heiser und müde , aber es hilft nichts ! Tante , er hat angefangen , ich saß ganz ruhig ! Mutter , ' s ist nicht wahr , sie hat zuerst geschossen ! So geht das den ganzen lieben Tag ! Wo mögen sie nur jetzt wieder stecken ? « » Wenn man den Wolf an die Wand malt , so kommt er um die Ecke ! « sagt das Sprichwort , und unsere Altvordern wußten , was sie taten , als sie es aufbrachten . Mit Helenens Frage öffnet sich die Tür , oder vielmehr sie wird aufgerissen , und herein , hochrot , stürzen - Windbeutel und Wildfang ! Kaum erblickt mich aber Freund Gustav , so macht er kehrt und sucht schleunigst die Tür wiederzugewinnen , glücklicherweise aber bin ich diesmal schneller . » Halt , Meister ! Hiergeblieben ! « » Ja , hiergeblieben , Gustav ! « ruft die Mutter . Ich beginne nun das Verhör . » Wie alt bist du jetzt , Gustav ? Antwort ! « » Vierzehn und ein halb ! « » Welchen Platz in der Klasse hast du jetzt ? « » Ich bin der Vierundzwanzigste von oben ! « » Und von unten ? « » Der - der - der Fünfte ! « - ( Pause . ) Ich lege nun ein Gesicht an wie Zeus Kronion , wenn ' s lange heiß gewesen ist und er donnern will , und beginne eine Rede , die anfängt : Als ich in deinem Alter war ( wie notabene alle Väter und Erzieher beginnen , seit Adam seinen Erstgeborenen » rüffelte « ) ; ich flechte die Milchgeschichte ein , gehe dann zu den » locibus « in der letzten Arbeit über , bringe einen kleinen Seitenhieb auf Elise an und ende , indem ich die rührend-pathetische Seite - den Kummer der Mutter - herauskehre . Während der ganzen Dauer dieser » Pauke « hat mein Missetäter , bald auf dem einen , bald auf dem andern Fuß stehend , mit einem dummpfiffigreuigwehmütigen Gesicht angestrengt einen Punkt oben an der Decke , der ihm sehr merkwürdig erscheinen muß , ins Auge gefaßt . Kaum aber habe ich geendet , so verliert auch besagter Punkt alles Interesse für den Schlingel , » die Erde hat ihn wieder « , er schiebt sich hinter Elise , die fortwährend mit ihrer Schürze zu tun gehabt hat , und dann zu seiner Mutter , die ihm bemerkt : » Siehst du ; ich hab ' s dir oft gesagt , aber auf mich hörst du nicht . Wie heiß ihr seid ! Geh aus dem Zugwind , Elise , Kind , du erkältest dich ! Wo habt ihr eigentlich gesteckt ? « » Wir sind nur auf dem Fontänenplatz gewesen ! « sagt Elise , mit dem Rücken der Hand über den Mund fahrend . » So ! - Und was habt ihr da gemacht ? « » Wir haben die Goldfische gefüttert ! « » Die Goldfische ? ! - Gustav , wieviel von deinem Taschengeld hast du noch ? « Bei dieser Wendung des Gesprächs steht Gustav auf einmal wieder auf einem Bein und scheint sehr zu bedauern , daß er sich nicht wie die Gänse mit dem andern hinterm Ohr kratzen kann . Langsam fährt er mit der Hand in die Tasche , besinnt sich aber und zieht sie schnell zurück . » Nun ? « » Hast du ' s mir