. Der Baron war von jeher einer der hervorragendsten Besucher dieses Marktes . Er schlug bei solchen Gelegenheiten mehr Geld tot als jeder andere , und es war ihm schon mehr als einmal passiert , daß er eine gehörige Portion Schulden machte , statt einen Haufen Geldes für die verkaufte Wolle mit nach Hause zurückzubringen . Außer dem unvermeidlichen Pferde- und Wollhandel trieb der Baron auch noch die Runkelrübenkultur und die Schnapsbrennerei , so daß er also in seiner Person fast alle » nobeln Passionen « des schlesischen Landadels vereinigte . Diesen robusten schafzüchtenden und schnapsbrennenden Edelmann finden wir als bestes Pendant zu seinem Wirte , dem in Bädern und großen Städten frühzeitig zerrütteten und entnervten Grafen : in der Gesellschaft einer durch ihre Liederlichkeit weltgeschichtlich gewordenen Herzogin v.S. und eines Ritters Schnapphahnski . Der Baron legitimierte sich zu solchem Umgange durch seinen uralten Adel und durch sein kolossales Vermögen . Wie meine Leser wissen , war die Herzogin bereits auf dem Landsitze des Grafen angekommen . Zu ermüdet und zu ängstlich , sich gleich den Blicken vieler ihr noch unbekannter Leute auszusetzen , hatte sie aber am ersten Abend ihre Gemächer noch nicht verlassen wollen , so daß also Ritter Schnapphahnski abermals 24 Stunden in der peinlichsten Erwartung zubringen mußte . Wie sie es stets in Schlössern tat , deren Einrichtung ihr noch nicht geläufig war , hatte die Herzogin auch dieses Mal vor ihrem Erscheinen erst mit dem Grafen in betreff der Beleuchtung des Salons Rücksprache genommen . Es war dies einer der wichtigsten Punkte für die Herzogin . Sie befand sich nämlich in der umgekehrten Lage wie weiland der selige Peter Schlemihl . Der arme Schlemihl hatte keine Schattenseite ; die arme Herzogin hatte deren zu viele . Wenn Schlemihl daher seinen Freund Bendel voranschickte , um die Beleuchtung zu arrangieren , daß ihn alle Lichter trafen , so befahl die Herzogin dem Grafen , die Sache so einzurichten , daß sie möglicherweise von keinem getroffen werde . Der Graf war in die Geheimnisse der herzoglichen Toilette eingeweiht , und er leitete denn auch alles in so umfassender Weise , daß die Konstellation der Lampen am nächsten Abend die günstigste werden mußte . Von der Nacht , die der Ritter und die Herzogin vor ihrem ersten Zusammentreffen zubrachten , kann man sich leicht eine Idee machen . Während ihre Körper noch durch kalte Mauern getrennt waren , schlangen sich ihre Seelen schon ineinander und führten jenen lustigen Tanz der Träume auf , jenen Elfentanz der Gedanken , den alle Liebenden kennen . Oh , das ist der Teufel , daß wir von dem Ziele unserer Wünsche oft nur durch eine Mauer getrennt sind , durch eine Bretterwand , durch einen Vorhang . Wir hören ihn seufzen und lachen und husten und singen : den Gegenstand unserer Verehrung . Aber die Mauer steht wie eine Mauer vor unserm Glück ; die Welt unserer Sehnsucht ist mit Brettern vernagelt , und der Vorhang bleibt verhängt . Während die Dame unsers Herzens vielleicht von uns träumt und gebrochenen Lautes die seltsamsten Worte murmelt und mit den nackten kleinen Füßen in des Bettes Linnen wühlt und die weißen Arme emporstreckt , um ihren Traum zu ergreifen und ihn festzuhalten und an die Brust zu drücken mit Tränen und Küssen - ja , während unser ganzes Sein aufgeht in dem ihrigen : müssen wir vielleicht mit kalten Beinen bei einer Tasse schwarzen Kaffees sitzen , um über eine Zivilklage nachzudenken , über ein philosophisches Problem oder dergleichen Lappalien . Aber alles das liegt an der schlechten Bauart unserer Häuser und an der schlechten Bauart unserer schlechten Gesellschaft . Wie in Menagerien leben wir in Käfigen und in Vogelbauern . Die Löwen verlernen das Brüllen , die Adler das Fliegen und die Nachtigallen das Singen . Unser halbes Leben verstreicht mit nichtsnutziger Arbeit , bei unbefriedigter Sehnsucht . Aus Titanen werden Philister und aus himmlischen Huris : hysterische alte Jungfern . Zu erbärmlichen , rücksichtsvollen Pedanten hat uns die gute Sitte gemacht , zu rechten Geizhälsen , die ihre Schätze so lange konservieren , bis sie rostig und schimmelig sind . Wir faseln wie der König Salomo , als er siebzig Jahr war , und meinen wir , etwas Neues gesagt oder getan zu haben , da war es doch nur altes , abgetakeltes Zeug , was die Griechen schon besser sagten und taten als wir , was längst im Homeros steht , zugänglich für jeden Tertianer . Ach , nach Kaffee riechen wir , nach Wolle , nach alten Büchern und nach schmutzigen Akten - nur nicht nach Menschen ! Schöne Kerls sind wir . Wenn die alten Götter noch leben , so werden sie sich hübsch über uns mokieren , daß wir mit all unserm Scharfsinn , mit unserer immensen Klugheit doch nur so züchtige Krämer geworden sind , so zahme Tagelöhner . Throne werfen wir um und jagen die armen Könige übers Meer , aber unsern sittsamen Zopf , den Rattenschwanz des Aberwitzes , behalten wir im Nacken . Möchte uns das Schicksal daran erhängen ! Oh , es ist Zeit , daß ihr die Mauern einrennt und die Bretterwände zerschlagt und die Vorhänge zerreißt . Wie die Kinder sollt ihr wieder werden - die Kinder nennen sich du und du und betrügen sich selten und lachen miteinander und weinen und küssen sich und schlafen sorglos in einem Bette , und die Kinder sind die einzigen vernünftigen Menschen auf Erden . XVI Der Baron und der Ritter » Nicht wahr , Baron , Sie kennen die Herzogin ? « fragte der Ritter Schnapphahnski . » Die Babylonierin meinen Sie ? « erwiderte der pferdekundige Edelmann . » Nun , die Herzogin von S. ! « » Allerdings kenne ich sie . Ich verkaufte ihr einst zwei Schimmel für 90 Friedrichsdor - zwei Schimmel , sage ich Ihnen , wie zwei Engel ; zwei Gäule , die ich liebte , die ich vergötterte . Wenn ich an diese zwei Schimmel denke