nicht in irgend einem Zweifel an ihren Worten suchen müssen . Können Sie mir irgend ein materielles Zeichen geben , daß ich von der Gräfin betrogen bin ? Ich glaube eine größere moralische Bestimmtheit in der Ausführung unserer Pläne dadurch gewinnen und der Verrätherei mit größerer Festigkeit gegenübertreten zu können . - Ich wünschte , theurer Prinz , Sie ließen diese für Sie unangenehme Angelegenheit auf sich beruhen ; noch mehr aber wünschte ich - Alice ergriff bei diesen Worten seine Hand - ich könnte Sie für unsere Sache , für die Sache der Demokraten , deren Sieg näher bevorsteht , als Sie ahnen , gewinnen . Der Prinz lächelte . Aber dieses Lächeln enthielt , so wollte es Alicen bedünken , Etwas von Mißtrauen in sich . Sie zog einen Brief aus ihrer Schreibtafel und reichte ihn dem Prinzen . - Diesen Brief , wie Sie am Postzeichen ersehen , erhielt ich in Wien vor 8 Tagen . Er ist von St. Just und enthält die Aufforderung an mich , schnell nach Berlin zu kommen , um den Plan , welchen ich Ihnen mittheilte , ausführen zu helfen . Die » hohe Person « , welche darin erwähnt ist , sind Sie und die Unterschrift - - Gilbert ! - rief aufspringend der Prinz - Sie kennen diesen Elenden ! - Alice erschrak über die Heftigkeit des Prinzen . - Was ist Ihnen ? Ums Himmelswillen - - Antworten Sie , Alice , ich bitte , ich beschwöre Sie , keuchte der Prinz in fast sprachlosem Zorn . Der Brief knitterte in den krampfhaft zitternden Händen , und seine Augen rollten wild , als suchten sie den verborgenen Feind . - Gilbert - sagte Alice - ist Ihr Nebenbuhler , er ist der Chevalier von St. Just . Während der Pause , welche Alicens Worten folgte , hörte man nur das Rauschen des Briefes , der des Prinzen Hand entfiel . Dann taumelte er ohne Bewußtsein auf den Divan nieder . Nach einer qualvollen halben Stunde schlug der Prinz die Augen auf und blickte noch halb betäubt um sich . Endlich erkannte er Alicen , deren Anblick ihm die ganze Erinnerung über das , was mit ihm vorgegangen war , zurückgab . Ein Schauer durchzitterte seinen Körper - doch versuchte er zu lächeln . - Seien Sie ruhig , meine Freundin - es ist vorüber . Doch verlassen Sie mich jetzt - ich muß allein sein . - Heute Nachmittag werde ich Sie besuchen . Schweigend schritt Alice auf die Thüre zu . - Alice ! - sagte noch einmal der Prinz . Sie kehrte zurück und sah ihn fragend an . - Alice ! Sie nannten sich heute meine Freundin . Ich halte Sie beim Wort und erinnere Sie daran , daß in der Freundschaft Zweierlei vor Allem gilt : Vertrauen gegen einander und Verschwiegenheit gegen den Andern . - Seien Sie ruhig , mein Prinz - auch wenn Sie nicht mein Freund wären , würde diese Stunde ein Heiligthum für mich sein , in das ich nie einen Menschen schauen lassen würde . VI Der 18. März ist wirklich ein denkwürdiger Tag in der preußischen - ich wollte sagen : deutschen Geschichte . Nicht etwa darum , weil Mailand und Berlin an diesem Tage » Revolution « gemacht haben - eine Thatsache , die übrigens von der extremen Demokratie , und daher natürlich auch von der extremen Aristokratie einmüthig bestritten wird ; - noch viel weniger darum , weil in Preußen an diesem Tage der Absolutismus gestürzt wurde - denn auch daran wird von den rothen - und schwarzweißen Enthusiasten nicht geglaubt ; - am allerwenigsten aber darum , weil der 18. März der Vorabend des Geburtstages der Berliner Bürgerwehr , jener durch ihr Motto des » passiven Widerstands « auf deutsch : der aktiven Feigheit berühmten Phalanx , war : - sondern weil sicherlich kein Tag mehr verflucht und gesegnet , mit Füßen getreten und in den Himmel erhoben , betrauert und gefeiert , geschmäht und besungen ist , und das Alles mit Unrecht . - Der 18. März ist unschuldig wie ein neugebornes Kind , das Berliner Volk hat es sattsam dadurch bewiesen , daß es mit ihm gespielt hat , wie mit einem Kinde . Denn man muß wissen , daß das Berliner Volk selbst noch ein Kind war , obgleich ihm an diesem Tage die Wiege nicht mehr - wie Schiller sagt - als ein » unendlicher Raum « erschien , wie bisher , weshalb es denn auch herauszusteigen versuchte ; daß der Versuch nicht gelang , daß es sich nachher , als der rechte Zuchtmeister kam , in den Winkel des passiven Widerstands verkroch und schließlich wieder folgsam in die alten Windeln wickeln und in die alte Wiege hineinlegen ließ , das ist für ein Kind , dem die Ruthe gezeigt wird , ja ganz natürlich . Also warum so viel Aufhebens vom 18. März ? - Die Bewegung , deren Schlußakt die Nacht vom 18. zum 19. März bildete , hatte sich schon einige Wochen vorher angekündigt . Eine dumpfe Gährung , über deren Ursache sich nur wenige Rechenschaft geben konnten , hatte sich der Gemüther bemächtigt . Trotz der unfreundlichen Witterung waren die öffentlichen Plätze und Promenaden fast den ganzen Tag über mit Menschen übersäet , die entweder zu Gruppen zusammentretend aufmerksam auf eine Stimme lauschten , die aus ihrem Mittelpunkt hervordrang , oder paarweise dahin schlendernd mit lebhaften Gestikulationen über die neuesten Dekrete der provisorischen Regierung in Paris diskutirten . Dasselbe Schauspiel wiederholte sich in den Restaurationen , Kaffeehäusern und Conditoreien . Besonders in der » Zeitungshalle « und bei » Stehely « fand sich gegen 6 Uhr Abends , wenn die neuesten Zeitungen vom Rhein ankamen , stets ein zahlreiches , aus Gelehrten , Künstlern , Beamten , Officieren u.s.w. zusammengesetztes Publikum ein , und horchte Kopf an Kopf gedrängt mit angehaltenem Athem auf die Worte Dr. R-s , welcher bei Stehely meist das Amt des » Vorlesers