daß er nicht einmal deutlich sein Glück zu erkennen vermag ? .... denn mir fehlen nicht die Elemente dazu , sondern der Brennpunkt in dem sie sich vereinen müßten . Kehrt ' ich dann heim , seelenmüde und seelenwund - sah ich den ruhigen Lampenschein in Sedlaczechs Zimmer - hört ich ihn mit gleichmäßigem Schritt in der lautlosen nächtlichen Stille über mir auf und nieder gehen - klangen gar seine musikalischen Phantasien oder Eingebungen zu mir herab : so staunte ich fast stupid diese feste klare Seele an . Gewiß gewiß ! sprach ich dann in Betrachtung über ihn versunken , sein Genius giebt ihm eine andre Stärke als die , welche uns gewöhnlichen Menschen zu Theil ward ! wir verwachen in Lieb oder Leid diese versengenden Nächte - oder wir verschlafen sie ; aber er ist frei genug um sich ungestört in geistiges Schaffen zu versenken . Eines Tags kam mein Capo de ' gondolieri - wie er sich nannte als er in meinen Dienst trat um meine Gondeln und die beiden andern Gondoliere zu beaufsichtigen - und trug mir die Bitte vor einen vierten Mann anzunehmen . Ich fahre , die Kleine fahre , Sedlaczech fahre - Tag und Nacht sei irgend ein Mitglied meines hohen Hauses auf der Lagune zu finden ; das sei freilich eine große Ehre für die arme , schlechte Lagune , aber nichts desto weniger ein schwerer Dienst , besonders in dieser höllenheißen Sommerzeit . In diesem halb pomphaften , halb spöttischen Styl , mit einem Lächeln das auf der Grenze zwischen Harmlosigkeit und Unverschämtheit schwebte , mit unverwüstlicher guter Laune - diesem Erbtheil des venetianischen Volkes - im kleinen blitzenden Auge , ließ sich Gino äußerst wortreich über die Nothwendigkeit eines vierten Mannes aus . Ich sah das ein , nur drang ich auf einen erprobt geschickten und treuen Menschen , sowol Benvenutas als meiner eigenen nächtlich einsamen Fahrten wegen . » O , rief Gino , der ist treu - treu wie die Madonna mir ist ! - Er zog bei diesen Worten ein zinnernes Medaillon der Madonna das er um den Hals trug hervor , und küßte es mit Andacht . - ' Lustrissima können fahren wohin Sie wollen , thun und sagen was Sie wollen .... der schwazt nicht . « » Ich hoffe auch Du nicht , Gino . « » Kein Fisch in der Lagune ist stummer als ich .... was meine Herrschaft betrift , ' Lustrissima ! entgegnete er mit tiefer Verbeugung . Schweigen ist die Pflicht des Gondoliers , folglich schweige ich und wenn ' s mir noch so schwer wird , aus Tugend . Nino schweigt aus Nothwendigkeit .... und die Nothwendigkeit ist denn doch ein noch festeres Ding als die Tugend - wenn ' Lustrissima gestatten meine Ansicht von der Sache auszusprechen . Genug , Nino ist stumm . « Ich fühlte mich durch sein Unglück für ihn gewonnen , und fragte nur noch ob Gino ihn gut kenne . » Wie sollt ' ich nicht , ' Lustrissima ! er ist ja mein Sohn .... nämlich der Sohn meiner Frau , die schon lange todt ist .... dolce anima , requiescat in pace ! .... sie hieß Ninetta , drum heißt er Nino . « Nino trat in meinen Dienst und wurde mir vorgestellt . Er machte mir einen unangenehmen Eindruck . Hartes rothes Haar hing ihm dick und verwirrt bis auf die Augenbrauen herab und schloß sich an einen buschigen Backenbart . Er hatte nicht den lebhaften Blick , das heftige Mienenspiel und die raschén Geberden der Taubstummen ; er schien mehr das Stumpfsinnige , Plumpe , Schwerfällige des Idioten zu haben . Er stand mit niedergeschlagenen Augen vor mir während ich mit Gino über ihn sprach , und verrieth auf keine Weise eine Theilnahme , die doch sehr natürlich gewesen wäre . Sein Anblick war nicht vertrauenerweckend ; drum gab ich an Gino den strengen Befehl , daß die beiden andern Gondoliere immer und ohne Ausnahme Benvenutas Gondel - er und Nino die meine fahren sollten . Und so geschah es . Abends nach Sonnenuntergang pflegte ich täglich mit Sedlaczech eine Fahrt zu machen und dann in einem der Cafés auf dem Markusplatz Gefrornes zu nehmen . Von dort ging er gewöhnlich gegen Mitternacht zu Hause , während ich meine nächtlichen Excursionen begann . Gegen Morgen , bald früher , bald später , kehrt ' ich heim und ging zuweilen erst schlafen , wenn die Sonne aufging . Es war ungefähr die Sorrentinische Lebensweise , die ich einst mit Paul geführt hatte ; nur fehlte in dieser das sinnlich üppige , berauschende Element , welches damals dessen eigentlichste Essenz gewesen war . Dennoch - und trotz all der Lebenskraft , und Glut und Lust , die mich durchströmten - wünschte ich nicht jene Zeit zurück , noch ihre Wiederbelebung an Pauls Seite . Es war mir zu klar erinnerlich , daß sie damals in eine Art von Seelen-Marasmus übergegangen war . Daher sprach ich oft zu mir selbst : Ist in dieser sinnlichen Lebensrichtung für mich nichts Anderes zu erwarten , als eine lange Atonie für eine kurze Befriedigung : so ist das ungestillte Verlangen vorzuziehen ; denn in ihm weht doch der Athem der Sehnsucht - wenn auch nur einer irdischen . Das war verkehrt , ich weiß es wol ! ich hätte ja nur das Maß zu halten brauchen um nicht in Atonie zu verfallen ! daß ich diese Weisheit und diese Kraft nicht besaß - daß meine zu den Extremen geneigte Natur immer über das rechte Maß hinweg bis zu den äußersten Grenzen sich drängte und dort statt der geahnten Seligkeit .... Leere fand : das eben machte mich unselig . Als ich eines Morgens , d.h. um ein Uhr Mittags , aus meinem Schlafzimmer in mein Cabinet trat , fand ich dasselbe in eine blumige Laube verwandelt . Granatbüsche mit ihren feurigen Blüten übersäet , Oleander mit den großen rosenfarbenen Sternen , Jasmin und Mirthen -