und bei andern öffentlichen Gelegenheiten . Es wurde , wie es schien , Alles hervorgesucht , um mir Vergnügen zu machen , und meine Sinne in einen beständigen Taumel zu wiegen . Von Vergnügen hatte ich ja schon immer geträumt , und danach mit Herzklopfen verlangt , und nun konnte ich den ganzen Flitter von dem vollen Goldstrom der Welt wegschöpfen , wie und wo ich nur wollte . Kein Wunsch blieb mir versagt , jeder Gegenstand , den ich gern hätte erhaschen mögen , war auch schon mein , und ich war unerfahren und zugleich leidenschaftlich genug , um mich sogar an Alltäglichkeiten zu berauschen . Jede Promenade im Mittagssonnenschein , auf der ich den Vorübergehenden auffiel , war mir ein festliches Ereigniß , und ich konnte nachher vor Freuden ordentlich in der Stube herumhüpfen . Nur dämpfte es einigermaßen mein aufjauchzendes Temperament , wenn ich einmal zufällig daran dachte , daß ich diese neue feiertägige Lust , die ich am Leben kennen gelernt hatte , dem Grafen verdanken sollte . Dann war ich einige Tage traurig und von trüben Ahnungen geplagt , bis er mich durch ein neues Geschenk wieder heiter machte . Seinen Liebkosungen hatte ich mich übrigens noch immer standhaft widersetzt , und mit einer Entschlossenheit , vor der ich nachher selbst erschrak , denn was mein Gefühl zuletzt am meisten gegen ihn empört hatte , war die Bemerkung , daß er sich nie öffentlich mit uns zeigte , sondern uns nur immer ganz im Geheimen zu besuchen schien . Dagegen hatte die Tante mit mehreren Familien Umgang , zu denen ich geführt wurde , und wo es Feste , Landpartieen , Kränzchen und Tanzgesellschaften in Ueberfluß gab . Ich tanzte außerordentlich gern , und war immer auf dem Platze und die gesuchteste Tänzerin . Der Tanz kam mir wie eine festliche Dithyrambe zu Ehren einer Göttin vor . Sonst gefielen mir alle diese Menschen nicht , mit denen mich die Tante in Berührung brachte . Sie erschienen mir einfältig , ungebildet , seelenlos , unsittlich und doch ohne Leidenschaft , verworfen und doch ohne Verzweiflung , leichtsinnig und doch ohne Genialität , trübseelig und doch ohne Melancholie , mithin ohne jedes menschliche Interesse . Ich schauderte zuweilen unwillkürlich vor diesem Blick in die Menschenverhältnisse , aber dennoch ließ ich mich nicht nüchtern machen aus meiner selbstvergessenen Trunkenheit , die mich wie ein rascher Wirbeltanz von einer Stelle zur andern bewegte . Und die Tante sagte in ihrer allerliebsten fetten Naivetät , das seien die Freuden der großen Welt , wenn wir spät um Mitternacht aus einem Pickenick von reichen Kaufmannssöhnen und jungen heirathslustigen Offiziers-und Beamtentöchtern nach Hause kehrten . Dann warf ich mich erschöpft und seufzend in einen Stuhl , und betrachtete mir beim Auskleiden noch einmal meinen schimmernden Putz , und ließ mein Geschmeide und meine Juwelen durch die Finger gleiten . Ich betete nicht mehr zu Gott , den ich als kleines böhmisches Mädchen so heiß um Leben angerufen hatte . Also statt des Lebens hatte ich jetzt die große Welt , wie es die Tante genannt , gefunden . Welt , Welt , große Welt , ist das Leben ? Doch ich dachte jetzt über nichts genau , und flatterte nur , mochte es Welt oder Leben sein , das ich mit meinen flüchtigen Sohlen berührte . Auch konnte ich um diese Zeit fast den ganzen Rossini vom Blatte singen . Ich muß doch auch wieder ein Wort von Mellenberg sagen . Obwohl ich fast keinen Unterricht mehr bei ihm nahm , blieb er doch immer noch in unserm Hause , da er sehr arm war und die Tante ihm wenigstens die freie Wohnung gelassen hatte . Er schien mir , seitdem ich mich so in diese glänzenden Zerstreuungen gestürzt hatte , heimlich zu zürnen , und doch war es anfänglich von mir nur aus Trotz geschehen , weil ich mich in meiner Zuneigung zu ihm - der ersten wahrhaften , die seit der Trennung von meinem Rothkehlchen in mein Herz gekommen war - geirrt zu haben glaubte . Ach wo war Rothkehlchen , wo war Böhmen , wo waren die abendrothen Gipfel des großen Milleschauers ? Dennoch schien es mir auch wieder , als thäte ich Mellenberg Unrecht , wenn ich ihm eine von Büchern und Wissen erkältete Seele zuschrieb . Obgleich er mich vermied und ich ihn , so betrachtete er mich doch zuweilen , wenn wir uns begegneten , mit einem seltsam schmerzlichen und theilnehmenden Blick , der tief in mich hineinfuhr und nachher lange in mir haften blieb . Dann konnte er ordentlich schön aussehen , wann er mich so anblickte , und sein edles , ernstes , tiefliegendes Auge beleuchtete sein ganzes Gesicht mit einer stillen , sinnreichen Anmuth . Ueber den Protestantismus hatten wir nie wieder gesprochen . Diese klaren Ausstrahlungen meines erwachten Selbstbewußtseins waren für jene Zeit ganz in mir verdunkelt worden . Hätte er daran wieder angeknüpft , so würden wir uns wieder inniger genähert haben , und zu meinem Heil . Aber er war stumm , verschlossen , und hatte nicht den freien und kecken Muth der Seele , welcher einem Mädchen sonst immer als das Liebenswertheste am Manne erscheint . Und einmal kam mir sogar der wunderliche Gedanke ein , wie ein so edler , begabter junger Mann , als er , in einem so schlechten Hause , wie dem unsrigen , zu bleiben vermochte ! Ich schrak ordentlich zusammen , als mir dieser Gedanke klar zu werden anfing . Ich dachte , wenn ich ein Mann wäre , wollte ich fortlaufen , und mich lieber in eine Bodenkammer bei einer armen Weberfamilie einmiethen , als hier bleiben ! Hier , wo ein zweideutiges Weib der raffinirten Unterhaltung eines Grafen Opfer erzieht . Und am andern Morgen war immer Alles wieder vergessen , was ich gedacht hatte . Inzwischen muß ich noch bemerken , wie ich schon früher , gleich nach dem Anheben meiner großen innern und äußern Verwirrung , durch den