ihm gelungen sey , auch jeden Reiz aus einer Gestalt zu verbannen , den diese nur anwendete , um verderblich zu wirken . Er bat sich jetzt eine Ruhezeit aus , und das Bild wurde auf sein einsames Zimmer gebracht , wo er es verhüllte und tief in einen Winkel stellte , dann riß er das Fenster auf und lehnte sich weit in die Dämmerung des Abends hinaus . Der Hollunder hing seine Blüthe dicht am Fenster nieder und flüsternde Pappeln ragten in den rosigen Schein hinein . In seltsame Träume versenkt , griff er nach dem Papier und entwarf eine Zeichnung , welche er , durch die eintretende Dunkelheit verhindert , liegen lassen mußte ; er lehnte wieder zum Fenster hinaus , und sein Blick verlor sich in der unermeßlichen Bläue über ihm , dann sah er am Gebirge den ersten Stern mit räthselhaftem Glanze aufgehen . Es war ihm unmöglich , in dieser Stimmung zur Gesellschaft hinabzugehen oder überhaupt Menschen aufzusuchen ; seine Thüre verschließend , warf er sich auf ' s Lager und in wunderbaren Bildern zog eine ferne Zeit an seiner Seele vorüber ; ein nagender Schmerz bemächtigte sich seiner , zugleich gab ihm das Bewußtseyn dieses Schmerzes ein seliges Gefühl , das er in diesem Grade noch nie empfunden hatte ; so sank er zuletzt in einen wohlthätigen Schlummer , durch das offengebliebene Fenster strömte Kühlung über seine heiße Stirne . Als er sich am Morgen erhob , fühlte er sich abgespannt und verstört ; einen Theil der Nacht hatten Träume gefüllt , die ihm durchaus kein klares Bild hinterließen . Mißmuthig setzte er sich an den Tisch und wühlte unter den Papieren , da kam ihm das Blatt von gestern in die Hände , er betrachtete es aufmerksam und war nicht wenig verwundert über die Zeichnung , die es enthielt . Sie stellte einen Wald vor ; ein Mann im Jägerkleide stand im Vorgrund , durch die Bäume wurde im Hintergrunde eine fliehende weibliche Gestalt bemerkbar , die das Antlitz mit einem schmerzlich fragenden Ausdruck umwandte und die Worte zu rufen schien : » Warum verfolgst du mich ? « Er führte das Bild vollends aus , und schrieb jene Worte unter dasselbe . Als er in das Familienzimmer hinunter ging , fand er darin den Journalisten allein , der die Arme auf der Brust verschränkt mit langen Schritten auf und nieder ging und durch die Brillengläser feurige und unstäte Blicke umherwarf . Als er Eduarden bemerkte , rief er freudig : » Schön , daß Sie kommen ; ich muß meinen Geist , der unerhört glüht , durch einige heitere , gleichgültige Gespräche abkühlen , lassen Sie uns von Kunst , von Malerei sprechen . Sie malen jezt das Fräulein ; nicht wahr , eine geistreiche Physiognomie ? o , das ist ein weiblicher Marquis Posa ! Man sagt , Sie werden auch vielleich die Prinzessin Braut malen - ein anderes Geschöpf ! werth eine schlichte Bürgerin zu seyn - und wie wird sie behandelt ; doch klagt sie nicht , so gibt es andere Zungen , welche klagen , - es ist weit gekommen , sage ich Ihnen , das Land - die Stände - « Er hielt inne , schlug sich vor die Stirne und rief : » Doch wir wollten ja leichte und kühlende Dinge sprechen ; « hiermit zog er einen Pack Zeitungen hervor und schrie Eduarden in ' s Ohr : » Haben Sie schon gelesen , Freund ? - doch still , still . « Eduard mußte lächeln ; er nahm einen Vorwand , sich zu entfernen und stieg in den Park hinab . Sein Wunsch war , Niemanden zu begegnen , dennoch verging keine halbe Stunde , als er einen Mann auf sich zu wandeln sah , der ihn durch ein Glas fixirte und endlich mit einem herzlichen Gruß zu ihm trat ; es war Ottfried . » Oh , sieh da , unser Maler , « rief der freundliche Mann , » so bringt uns eine günstige Stunde im Tempel der schönen Natur zusammen . « Sie gingen jezt beide den Gang hinab und über einen romantischen , hoch gelegenen Pfad , der zu einer einsamen Thalmühle führte , welche im Gebüsche lieblich und idyllisch geschmückt da lag . Ottfried erzählte , wie er hier seine früheste Jugend verlebt , wie er alle Blumen und Bäume kenne und liebe ; er sprach mit Wärme und Begeisterung von der Einsamkeit und jener Stille des Gemüths , in der es den süßesten , beglückendsten Gefühlen allein möglich werde , zu keimen . » Doch glaube ich , « fuhr er fort , » daß Beschaulichkeit und Andacht nicht allein den Dichter so wie den ächten Religiösen bilden ; es gibt einen Zustand , der hier wie überall , wo etwas Tüchtiges sich gestalten soll , dem Menschen gleichsam die erste und heiligste Weihe gibt . « Eine Pause entstand und Eduard sah seinen Begleiter fragend an . » Es ist der Schmerz , « sagte dieser ; » glauben Sie einem Manne , der aus Ueberzeugung spricht ; der Schmerz , die Thräne bringt uns dem Gott wieder nah , wenn wir durch Witz und Lachen uns von ihm entfernt haben ; ebenso in der Poesie , ohne Unglück keine Größe , ohne Kampf kein Sieg , ohne Erniedrigung keine Erhöhung ; wen die Musen lieben , den züchtigen sie . Wem nicht das Hinderniß von Außen kommt , der findet im Innern ein ' s. Eine große Seele findet überall Schmerz , weil sie groß ist , und der Kampf mit dem Schmerz ist Poesie . « Eduard sah dem seltsamen Manne in ' s Auge und bemerkte , daß dieses sich mit Thränen füllte . » Ja , « fuhr er fort , » mein ganzes Unglück besteht darin , daß ich die Zeit meines Lebens über glücklich gewesen bin ! o Freund , lächeln Sie nicht , ich spreche im heiligsten Ernst : ich