meinen furchtbaren Erinnerungen fort . Eine lange Sinnlosigkeit hielt mich umfangen , nur von einzelnen Schreckbildern meiner Vergangenheit in deutlichen Umrissen unterbrochen . Endlich erwachte ich aus diesem Zustand , ich befand mich allein in meinem Zimmer ; meine Flucht , meine demüthigende Rückkehr , der Verrath an meiner Freundschaft , die Aussicht auf gänzliches Verderben stieg plötzlich vor meinem Bewußtseyn auf . Alles , alles hat mich verlassen , rief es in meinem Innern , nur bei ihm , der mich zu lieben nie aufhörte , nur bei meinem Vater werde ich Theilnahme , Verzeihung , Liebe finden - und sey es in Armuth ... weiter ging meine Vorstellungskraft nicht ; ich sprang vom Bett herab , ich eilte durch die halb dunkelnden Gänge in meines Vaters Vorzimmer . Wo sonst bei frühem Kerzenschein mehr wie ein Diener mir die Thüren eröffnete , war alles einsam und still ; hastig trete ich in sein Cabinet , ein düstrer Abendstrahl leitet meine Blicke zum Sopha - da liegt eine Gestalt , die ich für die meines Vaters erkannte ; sein Gesicht verhüllt , - Blut - Blut befleckte seine Kleider . - O das zu erzählen vermag ich nicht ! - Aus einer langen todähnlichen Ohnmacht erwachte ich zu einem Zustand , der von Raserei nicht weit entfernt war . Kein Gedanke ward mir klar , keiner rief mich zu einer Pflicht , zu einer That auf , meine ganze Seelenkraft vermochte sich nur mit dem Bilde meines Elends zu beschäftigen . Wie eine undeutliche Stimme unter Sturmesgeheul in einzelnen Tönen schallt , wiederholten sich einzelne Worte meiner vernachlässigten Freundin , meiner theuren Miß Mortimer , in meinem trüben Gedächtniß , aber das Sturmesgeheul war mir lieber , und mit einer Art Bitterkeit , als habe ihre Prophezeiung mein Schicksal herbeigezogen , ließ ich diese schwachen Töne sich nicht zu einem verständlichen Sinne sammeln . Juliette - die Freundin meiner Kindheit , die Theilnehmerin all meines Glanzes , meiner Freuden , sie , glaubte ich , sey es , die mir jetzt Trost geben könnte , und mit der Ahnung , daß es doch eine Abwechslung im Gefühl meines Elends gäbe , sah ich mich , da mein Bewußtseyn wieder einige Klarheit erhielt , in ihren Armen . Die ersten Thränen erleichterten mein gespanntes Gehirn , ich horchte auf ihre Stimme , die mir freundliche Worte sagte , und litt es endlich , daß sie mich , unter dem Vorwand , für meine Angelegenheiten zu sorgen , um bald wiederzukehren , verließ . Ich verband keinen bestimmten Sinn mit ihren Worten , und ihr lag es nur daran , mir zu verhehlen , daß kalter Eigennutz allein sie zu mir geführt , um noch , so lange es ihr die Umstände gestatteten , ihr Eigenthum , welches sie durch meines Vaters Güte gesammelt , aus seiner jammererfüllten Behausung zu schaffen . Von neuem meiner trostlosen Einsamkeit überlassen , fühlte ich mich durch Juliens Besuch nur elender , weil er meinen Geisteskräften wieder eine gewisse Thätigkeit gegeben hatte . Ich nahm wahr , wie in den wenigen Stunden , die seit dem Umsturz meines Glücks verflossen , alle Verhältnisse um mich her zerfallen waren . Unsere Dienerschaft ward ohne Rücksicht auf ihren persönlichen Charakter , wegen ihrer Geschicklichkeit , ihrer Gestalt , höchstens auf Empfehlung gewählt ; die Bemühung , sie in ihrem Dienst zu bessern Menschen zu machen , fiel uns nie ein , in den Kreis unsrer Obliegenheiten aufzunehmen ; von ihrer Herrschaft hatten sie nur das Beispiel unbegrenzter Bedürfnisse , gedankenloser Zerstreuung gehabt . - Was konnte sie an mich binden , da mir die Mittel , ein ungebundnes Leben fortzusetzen , geraubt waren ? Zwei Tage hatten sie zu eigenmächtigen Herren ihrer Zeit gemacht , so daß ich nur mühselig die wenigen Dienste von ihnen erhielt , die mein hülfloser Zustand erheischte . Noch war keine Stunde nach Juliens Abschied verflossen , so trat , ohne einen Bedienten im Vorzimmer gefunden zu haben , ein unbekannter Mann ins Zimmer , der mir andeutete , daß es nöthig sey , meine Schränke zu versiegeln , indem man erfahren , daß einige Juwelen von Werth in meinem Besitz seyen ; ich möchte aber vorher die mir nöthigen Kleidungs- und Wäschvorräthe herausnehmen . Gewohnt , nur mit der schonendsten Ehrerbietung behandelt zu werden , mein Zimmer nie von Jemand betreten zu sehen , als der den Zutritt wie die schmeichelhafteste Gunst zu erkennen verstand , fühlte ich mich durch den unerwarteten Eintritt dieses Mannes tief verwundet , noch mehr aber durch sein Geschäft , das mir den beleidigendsten Verdacht anzudeuten schien , auf das heftigste empört . Hätten alle Juwelen Indiens zu meinen Füßen gelegen , ich würde sie ihm unberührt , wie alle meine Schlüssel , übergeben haben , und durch diesen traurigen Stolz brachte ich mich um eine Menge kostbarer Kleinigkeiten , die mir eine geringe Hülfe für meine nächste Zukunft gewährt haben könnten . Aber nach diesem Vorgang war mein Entschluß gefaßt , ich sah die Nothwendigkeit ein , meines Vaters Haus zu verlassen , und schrieb Miß Julie einige Zeilen , in denen ich sie bat , mich sogleich zu sich abzuholen , um ihren jetzigen Aufenthalt zu theilen . Sie hatte mir hinreichende Gründe anzugeben gewußt , warum sie , gleich nach der schrecklichen Entscheidung von meines Vaters Schicksal , den Befehlen ihres Bruders , ihres Vormunds , gehorchen und sich in sein Haus begeben müssen . Jetzt schien mir dieses ein glücklicher Umstand , und die einzige Bedingung , die ich ihr machte , war die Freiheit , die ich mir vorbehielt , nur sie allein zu sehen , nie zu irgend einem Umgang , auch nicht dem mit ihres Bruders Familie , gezwungen zu seyn . Kaum hatte ich das Billet abgeschickt , so sehnte ich mich ängstlich nach einer Antwort . Der Bediente kam mit dem . Bescheide zurück : Miß Arnold sey nicht zu Hause . Bisher das verzogne Schooskind des