» Rückt mir nicht auf den Hals mit eurem soliden , häuslichen , langweiligen Glück , mit eurer abgestandenen Tugend im Schlafrock ! Wohl hat die Liebe zwei Gesichter wie Janus . Mit dem einen buhlt diese ungetreue , reizende Fortuna auf ihrer farbigen Kugel mit der frischen Jugend um flüchtige Küsse ; doch willst du sie plump haschen und festhalten , kehrt sie dir plötzlich das andere , alte , verschrumpfte Gesicht zu , das dich unbarmherzig zu Tode schmatzt . - Heiraten und fett werden , mit der Schlafmütze auf dem Kopfe hinaussehen , wie draußen Aurora scheint , Wälder und Ströme noch immer ohne Ruhe fortrauschen müssen , Soldaten über die Berge ziehn und raufen , und dann auf den Bauch schlagen und : Gott sei Dank ! rufen können , das ist freilich ein Glück ! - Und doch noch tausendmal widerlicher sind mir die Faungesichter von Hagestolzen , wie sie sich um die Mauern streichen , ein bißchen Rammelei und Diebsgelüst im Herzen , wenn sie noch eins haben . Pfui ! Pfui ! « So jagten sich die Gedanken in seinem Kopfe ärgerlich durcheinander , und er war , ohne daß er es selbst bemerkte , ins Schloß gekommen . Die Tür zu Juliens Zimmer stand nur halb angelehnt , er ging hinein , fand sie aber nicht darin . Sie schien es eben verlassen zu haben ; denn Farben , Pinsel und andere Malergerätschaften lagen noch umher . Auf dem Tische stand ein Bild aufgerichtet . Er betrachtete es voll Erstaunen : es war sein eignes Porträt , an welchem Julie lange heimlich gearbeitet . Er war in derselben Jägerkleidung gemalt , in der sie ihn zum ersten Male gesehen hatte . Mit Verwunderung glaubte er auch die Gegend , die den Hintergrund des Bildes ausfüllte , zu erkennen . Er erinnerte sich endlich , daß er Julien manchmal von seinem Schlosse , seinem Garten , den Bergen und Wäldern , die es umgeben , erzählt hatte , und ihr reiches Gemüt hatte sich nun aus den wenigen Zügen ein ganz anderes , wunderbares Zauberland , als ihre neue Heimat , zusammengesetzt . Er stand lange voller Gedanken am Fenster . Ihre Gitarre lag dort ; er nahm sie und wollte singen , aber es ging nicht . Er lehnte Sich mit der Stirn ans Fenster und wollte sie durchaus hier erwarten , aber sie kam nicht . Endlich stieg er hinab , ging in den Hof und sattelte und zäumte sich selber sein Pferd . Als er eben zum Tore hinausritt , kam Julie eilfertig aus der Gartentür . Sie schien ein Geschäft vorzuhaben , sie grüßte ihn nur flüchtig mit freundlichen Augen und lief ins Schloß . Er gab seinem Pferde die Sporen und sprengte ins Feld hinaus . Ohne einen bestimmten Weg einzuschlagen , war er schon lange herumgeritten , als er mitten im Walde auf einen hochgelegenen , ausgehauenen Fleck kam . Er hörte jemanden lustig ein Liedchen pfeifen und ritt darauf los . Es war zu seiner nicht geringen Freude der bekannte Ritter , den er schon lange einmal auf seinen Irrzügen zu erwischen sich gewünscht hatte . Er saß auf einem Baumsturze und ließ seinen Klepper neben sich weiden . Romantische , goldene Zeit des alten , freien Schweifens , wo die ganze schöne Erde unser Lustrevier , der grüne Wald unser Haus und Burg , dich schimpft man närrisch - dachte Leontin bei diesem Anblicke , und rief dem Ritter aus Herzensgrunde sein Hurra zu . Er stieg darauf selbst vom Pferde und setzte sich zu ihm hin . Der Tag fing eben an , sich zu Ende zu neigen , die Waldvögel zwitscherten von allen Wipfeln in der Runde . Von der einen Seite sah man in einer Vertiefung unter der Heide ein Schlößchen mit stillem Hofe und Garten ganz in die Waldeinsamkeit versenkt . Die Wolken flogen so niedrig über das Dach weg , als sollte sich die bedrängte Seele daranhängen , um jenseits ins Weite , Freie zu gelangen . Mit einem innerlichen Schauder von Bangigkeit erfuhr Leontin von dem Ritter , daß dies dasselbe Schloß sei , wo jetzt die muntere Braut , die er auf jener Jagd kennengelernt , seit lange schon mit ihrem jungen Manne ruhig wohne , wirtschafte und hause . » Aber « , sagte er endlich zu dem Ritter , » wird Euch denn niemals bange auf Euren einsamen Zügen ? Was macht und sinnt Ihr denn den ganzen langen Tag ? « - » Ich suche den Stein der Weisen « , erwiderte der Ritter ruhig . Leontin mußte über diese fertige , unerwartete Antwort laut auflachen . » Ihr seid irrisch in Eurem Verstande , daß Ihr so lacht « , sagte der Ritter etwas aufgebracht . » Eben weil die Leute wohl wissen , daß ich den Stein der Weisen wittere , so trachten die Pharisäer und Schriftgelehrten darnach , mir durch Reden und Blicke meine Majestät von allen Seiten auszusaugen , auszuwalzen und auszudreschen . Aber ich halte mich an das Prinzipium : an Essen und Trinken ; denn wer nicht ißt , der lebt nicht , wer nicht lebt , der studiert nicht , und wer nicht studiert , der wird kein Weltweiser , und das ist das Fundament der Philosophie . « - So sprach der tolle Ritter eifrig fort , und gab durch Mienen und Hände seinen Worten den Nachdruck der ernsthaftesten Überzeugung . Leontin , den seine heutige Stimmung besonders aufgelegt machte zu ausschweifenden Reden , stimmte nach seiner Art in denselben Ton mit ein , und so führten die beiden dort über die ganze Welt das allerseltsamste und unförmlichste Gespräch , das jemals gehört wurde , während es ringsumher schon lange finster geworden war . Der Ritter , dem ein so aufmerksamer Zuhörer etwas Seltenes war , hielt tapfer Stich , und focht nach allen Seiten in einem wunderlichen Chaos von Sinn und Unsinn , das oft die