anderen , nicht mir , geschehen ; dieser andere war doch wieder der Kapuziner , aber nicht ich selbst . Nur der Gedanke an Aurelien verknüpfte noch mein voriges Sein mit dem jetzigen , aber wie ein tiefer , nie zu verwindender Schmerz tötete er oft die Lust , die mir aufgegangen , und ich wurde dann plötzlich herausgerissen aus den bunten Kreisen , womit mich immer mehr das Leben umfing . - Ich unterließ nicht , die vielen öffentlichen Häuser zu besuchen , in denen man trank , spielte u.d.m. , und vorzüglich war mir in dieser Art ein Hotel in der Stadt lieb geworden , in dem sich des guten Weins wegen jeden Abend eine zahlreiche Gesellschaft versammelte . - An einem Tisch im Nebenzimmer sah ich immer dieselben Personen , ihre Unterhaltung war lebhaft und geistreich . Es gelang mir , den Männern , die einen geschlossenen Zirkel gebildet hatten , näher zu treten , indem ich erst in einer Ecke des Zimmers still und bescheiden meinen Wein trank , endlich irgend eine interessante , literarische Notiz , nach der sie vergebens suchten , mitteilte und so einen Platz am Tische erhielt , den sie mir um so lieber einräumten , als ihnen mein Vortrag sowie meine mannigfachen Kenntnisse , die ich , täglich mehr eindringend in all die Zweige der Wissenschaft , die mir bisher unbekannt bleiben mußten , erweiterte , zusagten . So erwarb ich mir eine Bekanntschaft , die mir wohl tat , und mich immer mehr und mehr an das Leben in der Welt gewöhnend , wurde meine Stimmung täglich unbefangener und heitrer ; ich schliff all die rauhen Ecken ab , die mir von meiner vorigen Lebensweise übrig geblieben . - Seit mehreren Abenden sprach man in der Gesellschaft , die ich besuchte , viel von einem fremden Maler , der angekommen und eine Ausstellung seiner Gemälde veranstaltet habe ; alle außer mir hatten die Gemälde schon gesehen und rühmten ihre Vortrefflichkeit so sehr , daß ich mich entschloß auch hinzugehen . Der Maler war nicht zugegen , als ich in den Saal trat , doch machte ein alter Mann den Cicerone und nannte die Meister der fremden Gemälde , die der Maler zugleich mit den seinigen ausgestellt . - Es waren herrliche Stücke , mehrenteils Originale berühmter Meister , deren Anblick mich entzückte . - Bei manchen Bildern , die der Alte flüchtige , großen Freskogemälden entnommene Kopien nannte , dämmerten in meiner Seele Erinnerungen aus meiner frühsten Jugend auf . - Immer deutlicher und deutlicher , immer lebendiger erglühten sie in regen Farben . Es waren offenbar Kopien aus der heiligen Linde . So erkannte ich auch bei einer heiligen Familie in Josephs Zügen ganz das Gesicht jenes fremden Pilgers , der mir den wunderbaren Knaben brachte . Das Gefühl der tiefsten Wehmut durchdrang mich , aber eines lauten Ausrufs konnte ich mich nicht erwehren , als mein Blick auf ein lebensgroßes Porträt fiel , in dem ich die Fürstin , meine Pflegemutter , erkannte . Sie war herrlich und mit jener im höchsten Sinn aufgefaßten Ähnlichkeit , wie Van Dyck seine Porträts malte , in der Tracht , wie sie in der Prozession am Bernardustage vor den Nonnen einherzuschreiten pflegte , gemalt . Der Maler hatte gerade den Moment ergriffen , als sie nach vollendetem Gebet sich anschickt aus ihrem Zimmer zu treten , um die Prozession zu beginnen , auf welche das versammelte Volk in der Kirche , die sich in der Perspektive des Hintergrundes öffnet , erwartungsvoll harrt . In dem Blick der herrlichen Frau lag ganz der Ausdruck des zum Himmlischen erhobenen Gemüts , ach , es war , als schien sie Vergebung für den frevelnden frechen Sünder zu erflehen , der sich gewaltsam von ihrem Mutterherzen losgerissen , und dieser Sünder war ja ich selbst ! Gefühle , die mir längst fremd worden , durchströmten meine Brust , eine unaussprechliche Sehnsucht riß mich fort , ich war wieder bei dem guten Pfarrer im Dorfe des Zisterzienserklosters , ein muntrer , unbefangener , froher Knabe , vor Lust jauchzend , weil der Bernardustag gekommen . Ich sah sie ! - » Bist du recht fromm und gut gewesen , Franziskus ? « frug sie mit der Stimme , deren vollen Klang die Liebe dämpfte , daß sie weich und lieblich zu mir herübertönte . - » Bist du recht fromm und gut gewesen ? « Ach , was konnte ich ihr antworten ? - Frevel auf Frevel habe ich gehäuft , dem Bruch des Gelübdes folgte der Mord ! - Von Gram und Reue zerfleischt , sank ich halb ohnmächtig auf die Knie , Tränen entstürzten meinen Augen . - Erschrocken sprang der Alte auf mich zu und frug heftig : » Was ist Ihnen , was ist Ihnen , mein Herr ? « - » Das Bild der Äbtissin ist meiner , eines grausamen Todes gestorbenen Mutter so ähnlich « , sagte ich dumpf in mich hinein und suchte , indem ich aufstand , so viel Fassung als möglich zu gewinnen . » Kommen Sie , mein Herr ! « sagte der Alte , » solche Erinnerungen sind zu schmerzhaft , man darf sie vermeiden , es ist noch ein Porträt hier , welches mein Herr für sein bestes hält . Das Bild ist nach dem Leben gemalt und unlängst vollendet , wir haben es verhängt , damit die Sonne nicht die noch nicht einmal ganz eingetrockneten Farben verderbe . « - Der Alte stellte mich sorglich in das gehörige Licht und zog dann schnell den Vorhang weg . - Es war Aurelie ! - Mich ergriff ein Entsetzen , das ich kaum zu bekämpfen vermochte . - Aber ich erkannte die Nähe des Feindes , der mich in die wogende Flut , der ich kaum entronnen , gewaltsam hineindrängen , mich vernichten wollte , und mir kam der Mut wieder , mich aufzulehnen gegen das Ungetüm , das in geheimnisvollem Dunkel auf mich einstürmte