und er fand sich mit Charlotten allein . Mit zutraulicher Freundlichkeit erklärte er nun , daß seine Abreise nahe bevorstehe . Sie hatte diesen Abend so viel erlebt , daß diese Entdeckung wenig Eindruck auf sie machte ; sie hatte gesehen , wie der Freund sich aufopferte , wie er rettete und selbst gerettet war . Diese wunderbaren Ereignisse schienen ihr eine bedeutende Zukunft , aber keine unglückliche zu weissagen . Eduarden , der mit Ottilien hereintrat , wurde die bevorstehende Abreise des Hauptmanns gleichfalls angekündigt . Er argwohnte , daß Charlotte früher um das Nähere gewußt habe , war aber viel zu sehr mit sich und seinen Absichten beschäftigt , als daß er es hätte übel empfinden sollen . Im Gegenteil vernahm er aufmerksam und zufrieden die gute und ehrenvolle Lage , in die der Hauptmann versetzt werden sollte . Unbändig drangen seine geheimen Wünsche den Begebenheiten vor . Schon sah er jenen mit Charlotten verbunden , sich mit Ottilien . Man hätte ihm zu diesem Fest kein größeres Geschenk machen können . Aber wie erstaunt war Ottilie , als sie auf ihr Zimmer trat und den köstlichen kleinen Koffer auf ihrem Tische fand ! Sie säumte nicht , ihn zu eröffnen . Da zeigte sich alles so schön gepackt und geordnet , daß sie es nicht auseinanderzunehmen , ja kaum zu lüften wagte . Musselin , Batist , Seide , Schals und Spitzen wetteiferten an Feinheit , Zierlichkeit und Kostbarkeit . Auch war der Schmuck nicht vergessen . Sie begriff wohl die Absicht , sie mehr als einmal vom Kopf bis auf den Fuß zu kleiden ; es war aber alles so kostbar und fremd , daß sie sichs in Gedanken nicht zuzueignen getraute . Sechzehntes Kapitel Des andern Morgens war der Hauptmann verschwunden und ein dankbar gefühltes Blatt an die Freunde von ihm zurückgeblieben . Er und Charlotte hatten abends vorher schon halben und einsilbigen Abschied genommen . Sie empfand eine ewige Trennung und ergab sich darein ; denn in dem zweiten Briefe des Grafen , den ihr der Hauptmann zuletzt mitteilte , war auch von einer Aussicht auf eine vorteilhafte Heirat die Rede , und obgleich er diesem Punkt keine Aufmerksamkeit schenkte , so hielt sie doch die Sache schon für gewiß und entsagte ihm rein und völlig . Dagegen glaubte sie nun auch die Gewalt , die sie über sich selbst ausgeübt , von andern fordern zu können . Ihr war es nicht unmöglich gewesen , andern sollte das gleiche möglich sein . In diesem Sinne begann sie das Gespräch mit ihrem Gemahl , um so mehr offen und zuversichtlich , als sie empfand , daß die Sache ein für allemal abgetan werden müsse . » Unser Freund hat uns verlassen , « sagte sie ; » wir sind nun wieder gegeneinander über wie vormals , und es käme nun wohl auf uns an , ob wir wieder völlig in den alten Zustand zurückkehren wollten . « Eduard , der nichts vernahm , als was seiner Leidenschaft schmeichelte , glaubte , daß Charlotte durch diese Worte den früheren Witwenstand bezeichnen und , obgleich auf unbestimmte Weise , zu einer Scheidung Hoffnung machen wolle . Er antwortete deshalb mit Lächeln : » Warum nicht ? Es käme nur darauf an , daß man sich verständigte . « Er fand sich daher gar sehr betrogen , als Charlotte versetzte : » Auch Ottilien in eine andere Lage zu bringen , haben wir gegenwärtig nur zu wählen ; denn es findet sich eine doppelte Gelegenheit , ihr Verhältnisse zu geben , die für sie wünschenswert sind . Sie kann in die Pension zurückkehren , da meine Tochter zur Großtante gezogen ist ; sie kann in ein angesehenes Haus aufgenommen werden , um mit einer einzigen Tochter alle Vorteile einer standesmäßigen Erziehung zu genießen . « » Indessen « , versetzte Eduard ziemlich gefaßt , » hat Ottilie sich in unserer freundlichen Gesellschaft so verwöhnt , daß ihr eine andere wohl schwerlich willkommen sein möchte . « » Wir haben uns alle verwöhnt , « sagte Charlotte , » und du nicht zum letzten . Indessen ist es eine Epoche , die uns zur Besinnung auffordert , die uns ernstlich ermahnt , an das Beste sämtlicher Mitglieder unseres kleinen Zirkels zu denken und auch irgendeine Aufopferung nicht zu versagen . « » Wenigstens finde ich es nicht billig , « versetzte Eduard , » daß Ottilie aufgeopfert werde , und das geschähe doch , wenn man sie gegenwärtig unter fremde Menschen hinunterstieße . Den Hauptmann hat sein gutes Geschick hier aufgesucht ; wir dürfen ihn mit Ruhe , ja mit Behagen von uns wegscheiden lassen . Wer weiß , was Ottilien bevorsteht ; warum sollten wir uns übereilen ? « » Was uns bevorsteht , ist ziemlich klar , « versetzte Charlotte mit einiger Bewegung , und da sie die Absicht hatte , ein für allemal sich auszusprechen , fuhr sie fort : » Du liebst Ottilien , du gewöhnst dich an sie . Neigung und Leidenschaft entspringt und nährt sich auch von ihrer Seite . Warum sollen wir nicht mit Worten aussprechen , was uns jede Stunde gesteht und bekennt ? Sollen wir nicht soviel Vorsicht haben , uns zu fragen , was das werden wird ? « » Wenn man auch sogleich nicht darauf antworten kann , « versetzte Eduard , der sich zusammennahm , » so läßt sich doch soviel sagen , daß man eben alsdann sich am ersten entschließt abzuwarten , was uns die Zukunft lehren wird , wenn man gerade nicht sagen kann , was aus einer Sache werden soll . « » Hier vorauszusehen , « versetzte Charlotte , » bedarf es wohl keiner großen Weisheit , und soviel läßt sich auf alle Fälle gleich sagen , daß wir beide nicht mehr jung genug sind , um blindlings dahin zu gehen , wohin man nicht möchte oder nicht sollte . Niemand kann mehr für uns sorgen ; wir müssen unsre eigenen Freunde sein