. Die schöne Frau küßte sie auf die Stirn , und Rodrich , der sich genahet hatte , hörte daß sie ihr leise zuflisterte , bringe doch den Bruder zur Ruhe , die Thorheiten ängstigen mich . Großer Gott ! dachte er , muß dieser Himmel gerade von der gemeinsten Rohheit getrübt werden , und ist denn nichts rein in der Welt , daß man sich an keinem Gebilde ohne wehmüthige Störungen erfreuen darf . Ach es ist wahr , das Glück und die Freude spielen nur auf der Oberfläche des Lebens , und wenn man sie fassen will , so winken sie uns weit aus der unerreichbaren Tiefe , wo der Mensch schaudert , hinabzusteigen . Der Mahler trat jetzt auf ihn zu , und fragte spöttisch , bist du so schnell mit der Wirklichkeit zerfallen , daß Du mit diesen trübseligen Mienen in die allgemeine Freude hineinschauest ? - Und dankt Dirs der fliehende Augenblick nicht besser , dem Du dich so gern hingiebst ? Wer hat ihn , fesseln wollen , fragte Rodrich , durch die Frage schnell zu sich selbst gebracht . Dies Ziehen und Wandeln , dieser ewige Wechsel von Lust und Schmerz ist ja das rechte Leben , dessen höchstes Ziel wohl jedem gleich abwärts steht . Dem Künstler nicht , erwiederte jener , der weiß den Streit zu lösen , und den Augenblick zu verewigen . In den reinen Himmel seiner Phantasie tritt nur das Urbildliche der Welt , und die niedre Mangelhaftigkeit schwindet vor dem ewigen Schönen , das seinen Blick verklärt . Wenn ihn dieser Blick nicht durch das ganze Leben begleitet , sagte Rodrich , so sind dies auch nur Erhebungen , die er überall mit den höhern Menschen gemein hat , und was ist denn der Künstler anders als ein rüstiger Streiter , dem die Siegespalme aus der Ferne winkt . Oder ist es nicht ein Streit zu nennen , wenn Gedanke und That mit einander ringen , und die Schöpfung langsam ans Licht tritt und oft ganz anders , dem schaffenden Geiste fremd da steht , und er das eigne Kind widerstrebend anerkennt ? - Ist es etwa keine Mangelhaftigkeit , wenn der zurückgezogne Blick aus der innern Welt hervortritt und die kleinen Sorgen des Lebens ihm begegnen , den frischen Muth anfallen , an ihm nagen und zerren , bis er geängstet in seinen Himmel flüchtet , und ihm das nur ein Zufluchtsort bleibt , was eigentlich gar nicht von dem Leben losgerissen , sondern Eins mit ihm in der innern und äußern Verklärung gedacht werden soll ? Wohl dem , erwiederte der Künstler , der sich diesen Zufluchtsort nicht versperrte , er ist ihm ein sichrer Anker auf der tosenden Fluth , wo die meisten ohne Halt herumirren und rettungslos untergehen . Wer sich so frech dem Kampfe blosstellt , und mit Riesenarmen die ganze Fülle der Natur im bunten Wiederschein ihres wandelnden Lebens umfassen will , dem widersteht alles , bis die Hand , in der jede Lust zerbrach , dem thörichten Herzen Fesseln schmiedet , und ihm in der gänzlichen Hoffnungslosigkeit erst die rechte Hoffnung erblühet . So ging es manchem frommen Einsiedler , den ein mühevoller Weg doch nur zum verfehlten Ziele drängte . Haben Sie , sagte Rodrich ihn schnell unterbrechend , den Heiligen gekannt , dessen Bild Sie mit der hinreißenden Wahrheit auffaßten , so daß ihn Niemand ohne Rührung sieht . Ja , sagte der Mahler ernst . Mein keimendes Talent entfaltete sich unter seinem Schutz . Er stand zu hoch , als daß ich in sein Inneres hätte dringen sollen , allein ich weiß , wie das Opfer eines geliebten Kindes die schuldbeladne Seele befreien sollte , und darum ward er zum Märtyrer an des Sohnes That . - Rodrich , den diese Worte außerordentlich bewegten , wollte weiter in ihn dringen , und sagte ihm , was er selbst Näheres von dem Zusammenhange des Ganzen wußte ; allein der Mahler bat ihn , diese Erinnerungen nicht wieder aufzuwecken . Hat doch , setzte er hinzu , die Hand des Himmels jede Spur getilgt , und es soll ja vergessen seyn . Ein allgemeiner Lärm zog sie hier zu der Menge hin . Der Wirth hatte in der Trunkenheit das Kind von dem Schooße der Mutter gerissen , und sprang in den gefährlichsten Stellungen mit ihm umher . Niemand wagte sich zu nahen , aus Furcht , ihn zu wildern Ausbrüchen zu reitzen . Vergebens flehete Marie , vergebens streckte die weinende Mutter die Arme aus , er schrie und jauchzte vor innerer Lust und trieb sein tolles Spiel ungestört . Rodrich kannte sich nicht vor Wuth , er theilte schnell die gaffende Einfalt und rief mit fürchterlicher Stimme : steh ' Kobold , und gieb mir das Kind ! Wie gebannt ließ der Erschrockne die Arme sinken , und Rodrich faßte leicht und behend den zarten Liebling , den er in der heiligsten Rührung an das geängstete Mutterherz legte , indem er sagte : die Engel der Unschuld mögen dich hier bewachen und jede Gefahr von dir abwenden ; und als umfinge ihn diese Unschuldswelt , neigte er sich vor der segnenden Hand der bewegten Frau , die ihm nur weinend dankte . Der Mahler drückte ihn an das Herz und konnte lange nicht sprechen , dann sagte er : lebe wohl , mein liebes Kind , ich muß dich jetzt verlassen , aber ich scheide ruhiger von dir , als ich dich begrüßte , und wer weiß wie alles kommt , du kehrst wohl noch einmal zu deiner frühern Beschützerin zurück . Rodrich dachte jetzt nicht an die Kunst , und freuete sich nur der wiederkehrenden Liebe seines Wohlthäters , der sich seinen Umarmungen entriß und forteilte . Er wollte nun auch seinen Weg verfolgen , da ihm ohnehin die vorige Störung das kleine Fest verleidet hatte , und als er hierzu Anstalten machte , sah er mit großer Beschämung den reich gekleideten Felix von der schönen