der schönen Lais in meinem Wege finden . Aber nichts weniger ! man sieht ihn nie in ihrem Hause als wenn sie große Gesellschaft hat , und auch dann ist er eine ziemlich seltene Erscheinung , und oft schon wieder verschwunden , ehe man seine Gegenwart recht gewahr wurde . Auch zeigt er nicht die geringste Neugier , von meinem Verhältniß gegen sie mehr zu wissen als andere . Kurz , es ist etwas ganz Exemplarisches , wie wenig wir einander mit unsrer Freundschaft beschwerlich sind . - Ohne Zweifel wundert dich eine solche Gleichgültigkeit gegen eine Nachbarin , wie es keine andere in der Welt gibt ? Es ging mir wie dir ; ich erkundigte mich unter der Hand ein wenig nach seinem Thun und Lassen , und es entdeckte sich , als ein neues Beispiel der Unlauterkeit aller menschlichen Tugenden , daß - mein Freund Eurybates bis über die Ohren in Liebe zu einer - Dame in Aegina , der Frau eines dasigen Rathsherrn , befangen ist , die ihn so künstlich bei der Nase herumzuführen weiß , daß er sich ihr für das Opfer ihrer Tugend zu gränzenloser Erkenntlichkeit verbunden glaubt , während die gleißnerische Spitzbübin einen geheimen Plan mit ihrem ehrenfesten und wohlweisen Gemahl angelegt hat , ihm ihre besagte Tugend so theuer zu verkaufen , daß er sich für das , was sie ihn kostet , das schönste Haus , die schönsten Gemälde und Statuen , die schönsten Pferde und Hunde , und ein Halbduzend der schönsten Tänzerinnen und Flötenspielerinnen im ganzen Achaja hätte anschaffen können ; wiewohl noch viel fehlt , daß sie die schönste Frau auch nur in Aegina wäre . So spielt » der Götter und der Menschen Herrscher Amor « einem Abkömmling des großen Kodrus mit , mein Freund . 15. An Kleonidas . Vor einigen Tagen langte ein junger Künstler aus Paros auf dem Landsitze der schönen Lais an , um ihr eine beinahe vollendete Venus von Parischem Marmor zu überbringen , welche Leontides , kurz vor seiner Reise in das Land , aus welchem man nicht wiederkommt , bei ihm bestellt hatte . Sie war für einen kleinen Tempel in dem Myrtenwäldchen bestimmt , das einen Theil der weitläufigen Gärten dieser schönen Villa ausmacht ; und Lais hatte auf Verlangen ihres Patrons zum Modell dazu dienen müssen . Es versteht sich , daß diese Venus - zwar nur hier und da von einem nebelartigen Gewand umflossen , aber doch nicht gewandlos ist ; denn zu einer noch größern Gefälligkeit hatte sich die junge Dame schlechterdings nicht bequemen wollen . Die Stellung , die der Eupatride selbst gewählt hat , und die dir keine schlechte Meinung von seinem Geschmack geben wird , ist der Augenblick , da die junge Göttin zum erstenmal in der Olympischen Götterversammlung erscheint . Die Ausführung läßt von dem jungen Künstler , der sich Skopas86 nennt , noch viel Schönes und Großes erwarten ; aber schwerlich wird er jemals etwas Vollkommneres aufstellen , als der Kopf und der halb entblößte Oberleib dieser Liebesgöttin ist . - » Man verlangt von uns , « sagte mir Skopas , daß wir göttliche Naturen nach einem höhern Ideal bilden sollen als was die menschliche im Einzelnen darstellt : aber hier war die Rede nicht davon mein Modell zu verschönern ; mir war nur bange daß ich es nicht würde erreichen können , und in der That bin ich noch nicht mit mir selbst zufrieden . - Ich der das Werk freilich mit keinem Künstlerauge ansah , wußte , sogar wenn Lais dabei stand , nichts zu finden , worin es dem Urbilde noch ähnlicher seyn könnte . Selbst den Geist , der die Beschauer anzusprechen scheint , ein wundervolles unbeschreibliches Gemische von jungfräulicher Befangenheit und innigem Selbstbewußtseyn dessen was sie ist , hat er aus dem Zaubergesichte meiner schönen Freundin herausgestohlen ; gleich beneidenswürdig , es mag Geschicklichkeit oder Glück seyn , wodurch es ihm gelang . Fühlt ihr ' s , scheint sie den um sie her sich drängenden Göttern zu sagen , daß ich die Göttin der Schönheit bin ? Dieser Skopas ist ein sehr interessantes Wesen für mich , und wiewohl viel fehlt , daß ich es auch für ihn seyn müßte , so scheint er doch einiges Belieben an meiner Unterhaltung zu finden , und ich bringe täglich etliche Stunden in seiner Werkstatt zu . Denn außer der besagten Venus hat er noch eine Gruppe des Eros und Anteros , und einige Stücke in halberhabener Arbeit zu fertigen , die für den kleinen Tempel bestimmt sind . Er ist ein helldenkender Kopf , und hat ( wie ich sehe ) ohne es von Sokrates gelernt zu haben , ausfindig gemacht , daß ein Bild eben so wohl seine eigene Seele zu haben und dessen was es vorstellen soll , sich bewußt zu seyn , als Leben zu athmen , scheinen müsse . Seiner Versicherung nach , hat er es dem berühmten Sophisten Prodikus zu danken , daß er von Natur und Kunst , und von dem was für den Menschen in beiden das Höchste ist , klärere Begriffe hat als die meisten seiner Kunstverwandten . Lais ist nicht selten die dritte Person in seinem Arbeitsaale , und wenn ich zur Eifersucht geneigt wäre , so käm ' es bloß auf mich an , in dieser häßlichen Leidenschaft schnelle und große Fortschritte zu machen . Denn es ist nicht zu läugnen , daß Skopas durch seine Venus sich eine Art von Recht an sie erworben hat , und ich müßte mich sehr irren , oder er hat auf ihre Dankbarkeit um so sicherer gerechnet , da er wirklich ein liebenswürdiger junger Mann , und , dem Ansehen nach , von unverdorbenen Sitten ist . Wie ich mich in dieser Lage benehme , fragst du ? - wie ein weiser Mann , Kleonidas ! Ich scheine nichts zu merken , nichts zu fürchten , nichts vorauszusehen ; bin offen und vertraulich gegen meinen Nebenbuhler , freundschaftlich und