Kreuzweg stand wie mahnend vor ihrer Seele ... Sie kennen die Lauretanische Litanei ? fuhr Bonaventura voll Gelassenheit fort , still zu seinen guten Genien betend ... Die Lauretanische Litanei ! dachte sie und plötzlich fuhr durch ihr Innerstes ein Streiflicht ihrer Doppelnatur . Die Gottesmutter hat in dieser Litanei Bezeichnungen , als da sind » Gefäß der Andacht « , » geistliche Rose « , » elfenbeinerner Thurm « , » goldenes Haus « , » Arche des Bundes « . Heute in der Frühe , als noch Bonaventura ' s Ja ! nicht gekommen war und sie in die Messe stürmte , wo eben die Lauretanische Litanei gesprochen wurde , hatte sie sich in ihrer aufgeregten , gottfeindlichen Stimmung gesagt : Namen sind das ja , wie das Verzeichniß zu einer Auction oder als säh ' ich die Fenster der Trödler in Seligmann ' s Rumpelgasse ! Die seligste Jungfrau , fuhr Bonaventura in Sanftmuth fort , die Ihr früheres protestantisches Bekenntniß nur in ihrer Menschennatur kennt , nennt die Litanei unter anderm die mystische Rose . Mag sie von denen , die sie als solche sehen mögen , in dieser Eigenschaft als ein liebliches Symbol alles Unaussprechlichen verehrt werden , Ihnen gegenüber ziehe ich eine andere Bezeichnung aus dieser Litanei vor , daß uns die heilige Frau - ein Spiegel sein solle . Gerade Sie möcht ' ich fragen : Wie ist Ihnen das nur ? Wenn Sie nach einem solchen Leben , wie Sie es mir geschildert haben , jetzt an Maria denken , zu dieser aufblicken , sich mit dieser ganz einig , ganz verbunden , ganz Freundin zu sein wünschen , was empfinden Sie da ? Lucinde blickte im Geist aus das kleine , in unterirdischer Einsamkeit stehende Muttergottesbild - und mußte schweigen ... Maria , fuhr Bonaventura fort , mag Ihnen in Ihrer menschlichen Gestalt erscheinen , wie sie will ; die Evangelisten haben nichts verschwiegen , was die Vernunftkritik gegen sie deuten kann . Halten Sie sich aber an das , was Maria durch das Christenthum erst selbst geworden ist , wie denn überhaupt die Tradition und das lebendig fortwirkende Leben innerhalb der christlichen Gemeinschaft eine der immer frisch zuströmenden Quellen unseres Glaubens ist . Maria wurde schon der allerersten christlichen Zeit eine Mutter , so groß , so verklärt , daß sie ohne Sünde empfing , die Verehrung vor der Frauenreinheit Mariä wird noch dahin kommen , daß die Kirche dem Verlangen nicht widersteht , sogar von ihr zu sagen , daß sie selbst ohne Sünde empfangen wurde . Das sind Dogmen des Bedürfnisses , Dogmen der Huldigung und der nicht versiegenden Liebesströme innerhalb unserer kirchlichen Gemeinschaft selbst . Wir wissen , wer die heilige Anna , die Mutter Maria ' s war , wir kennen die Schleier , die auf ihrer Verbindung mit dem heiligen Joseph ruhen ; aber alles das schwindet gegen das , was Maria in den wilden Geburten der Geschichte wurde . In der Barbarei der Zeiten ! In der rohen Entwürdigung der Frauen ! Immer schwebte sie da in den Lüften als ein unentweihtes Symbol des Fraueuthums . Der glühende Spanier und Provençale mag sie wie eine Geliebte verehrt haben , der Slawe wie eine Mutter , der Germane vielleicht am kühlsten nur wie eine Schwester : immer war es Maria , die die Wildheit zähmte und der Leidenschaft die tödliche Waffe aus der Hand schmeichelte . Die Civilisation der Sitten ist durch sie gewonnen und erhalten worden . Und erst in unserer Zeit ! Der Mariencultus ist nicht mehr die Bürgschaft der mildern Sitten ; jetzt ist er der lebendig gewordene reine weibliche , sittliche Sinn . Gerade die Reinheit Mariä zu verehren drängt es diese unreine Zeit , die Zeit der Frivolität , der Emancipation von der Sitte , die Zeit des fast ins Allgemeine mitwirkend und mitstimmend aufgenommenen Frauenberufes , die Zeit der Nivellirung der Familie und Erziehung . Und nun , nun frag ' ich Sie : Finden Sie den Weg zwischen Ihrem Innern und diesem Frauenbilde , das Sie ja in jeder Kirche sehen können , ganz frei und ungehindert ? Fühlen Sie sich so , daß Sie den ob milden , ob strengen , immer sittlich reinen Blick unserer Himmelskönigin nicht zu fürchten brauchen ? Können Sie , als Weib , als Jungfrau , zur Mutter mit dem Kinde aufblicken und sagen : Das Leben hat mich viel umgetrieben , ich war mancherlei und erlebte noch mehr , aber du , du kannst nichts gegen mich haben ! Du würdest mich nicht aus deinem himmlischen Hofstaat verweisen ! Ich füge hinzu , liebe Freundin , ich fand immer , daß die Frauen voneinander mehr wissen , als wir Männer . Untereinander beurtheilen sie sich strenger , als wir ahnen . Sie durchschauen die weibliche Eitelkeit und Koketterie leichter als wir . Sie lassen sich nichts ungerügt hingehen , dulden keine Verschönerung und Ausschmückung , die wir Männer , geblendet vom Frauenreiz , immer noch in Bereitschaft haben . Jeder Blick einer Frau , die ihr Geschlecht beurtheilt , sagt : Was wir Frauen uns sein müssen , das wissen wir schon ! ... Und so denn also - im Chor der seligen Jungfrauen denken Sie sich die Königin des Himmels und prüfen Sie sich , was die Allerseligste sagen würde , wenn unter Tausenden nun auch Sie zu ihr hinträten und sie bäten , in ihrem Hofstaat eine Ehrenstelle im weißen Kleide erhalten zu dürfen , eine Ehrenstelle durch die Reinheit des Herzens , die wahre , geistige Schönheit , die Lauterkeit des Gemüths ! Können Sie ein solches Bild der allerseligsten Jungfrau festhalten ? Können Sie , rückblickend auf Ihr ganzes Leben , von sich sagen : Maria ! Mit dir bin ich einverstanden ! Maria ! Du bist es mit mir ! Maria hat nichts gegen mich ? Lucinde , von Bonaventura geführt wie ein Kind , schlug ihre Augen anfangs nieder . Jetzt schlug sie sie auf