. Nicht zum ersten Male hatte er den Kampf gekämpft , aus dem er jetzt wieder als Ueberwinder hervorging ; nicht zum ersten Male hatte sein Gewissen seine Phantasie bemeistert , aber noch nie zuvor hatte er so lebhaft wie heute den Wunsch gehegt , sich nicht gebunden zu haben oder jene ungebrochene Willenskraft , jene muthige Rücksichtslosigkeit der Menschen zu besitzen , die sich selbst als den Mittelpunkt der Schöpfung , ihr Wohlbefinden als den letzten Zweck derselben ansehen . Er ? - Er konnte nicht vergessen , daß er von früher Jugend an gelernt hatte , sich als einen mitwirkenden Theil der großen Gemeinschaft anzusehen , welche sich das Recht der Herrschaft über die Geister zuerkennt , welche die Anwartschaft zu diesem Rechte aus Gottes Hand empfangen zu haben behauptet , aus der Hand des Gottes , dessen Anerkennung und Verehrung zu predigen die Aufgabe der katholischen Kirche ist . Wohin hatten sein Geist , seine Phantasie sich verirrt , daß er wachend in Träume verfallen konnte , die ein Verbrechen für ihn waren ? Und was konnte andererseits die Kirche ihm denn bieten und gewähren , ihn schadlos zu halten für die furchtbare Entsagung , die er über sich genommen hatte ? Er schauderte zusammen , als er sich mit seinen Gedanken wieder auf demselben Wege , wieder auf denselben Bildern fand , von denen er sich gewaltsam abzuwenden beschlossen hatte . Er stand an dem Abgrunde , an welchem Mächtige gestanden hatten und zu Grunde gegangen waren , er erlebte und erlitt , was er selber über sich heraufbeschworen , als er sich die Kraft , die Festigkeit und den Glauben zugetraut hatte , die ihm alle jetzt versagten . Immer wieder hatte er sich in diesen letzten Jahren wiederholt , daß er nicht zu der großen Masse jener entsagenden , demüthigen Seelen gehöre , die in frommem Glauben , in nicht wankender Hingebung an ein stilles Thun , ihres Geistes Befriedigung , ihres Herzens Beseligung genießen . Von früher Jugend auf hatten seine Lehrer und Meister ihm in der Schule und in in den Seminarien ein weites , ein hohes Ziel gesteckt . Er hatte Herrschaft gewonnen , wo immer er mit Anderen in Gemeinschaft gewesen war , Herrschaft hatte ihm das höchste Glück , Herrschaft im Dienste der Kirche , die ihn trug , so lange er sie stützen half , das höchste , erstrebenswertheste Ziel gedünkt , und Herrschaft , Herrschaft über die Anderen , das hatte er immer gefühlt , war das Einzige , das Ersatz zu bieten vermochte für Selbstbefriedigung , für Liebe und für Glück . Er kannte die Kirche und den Clerus , denen er angehörte . Er wußte , was der Abtrünnige von der Kirche zu erwarten hat . Er selber hatte in verschiedenen Fällen dazu mitgewirkt , dem Verirrten wie einem gehetzten Wilde die Wege zu verstellen , bis er müde und verblutend an dem Altare niedergesunken war , von dem er sich hatte entfernen wollen . Er fühlte sich nicht dazu geschaffen , solcher Verfolgung Stand zu halten , er konnte sich nicht vor sich selbst erniedrigen durch den nicht endenden Kampf , in welchen er sich unrettbar verstrickte , wenn er sich nicht überwand . Für ihn gab es nur Freiheit innerhalb des Bannes und des Eides , die er freiwillig und mit stolzem Ehrgeize über sich genommen hatte ; und der bloße Gedanke , daß er als ein Büßender , als ein unwirksam Befundener , als ein Ausgestoßener vor denen stehen solle , die in ihm eine Kraft geehrt , in ihm einen künftigen Pfeiler der Kirche gesehen hatten und über die er sich einst zu erheben gehofft , ward endlich sein Erretter aus dem Zwiespalte , in dem er sich in dieser Stunde bewegt und ermattet hatte . Aber der starke und gesunde Mensch reißt die schönste und gewaltigste seiner Kräfte , die Liebe , nicht aus seinem Herzen , ohne Schaden an seiner Seele zu leiden , und heute mehr als je zuvor hatte der Abbé es erkannt , daß er auf die Liebe nicht verzichten könne , ohne sich mit Wollust an die Herrschsucht hinzugeben , und daß es ihm nicht erspart sei , die Qualen der Eifersucht zu leiden , auch wenn er darauf verzichte , für sich selber einen Anspruch an Glück zu erheben . Oftmals schon hatte er es durchgekostet , wie nahe der Haß und die zum Entsagen gezwungene Liebe in ihm an einander grenzten , oftmals hatte er es mit dem kühlen Blicke eines Beobachters in sich wahrgenommen , wie die Grausamkeit sich der Seele bemächtigt , die keine milde Hoffnung für sich selber hegen darf . Warum sollte er das Weib nicht hassen , vor dem alle glückversprechenden Möglichkeiten offen ausgebreitet lagen , während er sich mit unlöslichem Eide von allen Freuden des Daseins geschieden hatte , ehe er vorausgesehen , das eine Eleonore Haughton leben und daß sie ihm der Güter höchstes , des Glückes begehrenswerthestes erscheinen würde ? Wenn kein Gebet , wenn kein noch so festes Wollen ihm Ruhe zu schaffen vermocht , dann hatte er mit grausamer Wonne daran gedacht , daß Eleonore einst die gleichen Qualen leiden werde ; wenn er sich unglücklich gefühlt bis in das Innerste seines Herzens , so hatte der Gedanke ihm gelächelt , daß auch sie sich elend fühlen werde , die ihn also leiden machte , daß auch sie unglücklich sein werde , die ihn herunterzustoßen drohte von der Höhe , auf die er sich gestellt hatte und von der er in den Abgrund sinken mußte , wenn er nicht hoch über seinen jetzigen Standpunkt emporstieg . Er hatte die Stunde der Entscheidung oft vorausgesehen , die jetzt an ihn herangetreten war . Er oder sie ! - Denn sie glücklich zu sehen und zu entsagen , sie glücklich und frei zu denken , während er sich seinem Vorgesetzten als müßiger Knecht mit gebundenen Händen zu überliefern und in dumpfer Unterordnung enge , vorgeschriebene