schwer hing diese Haarflechte nieder . Lucinde merkte nichts von diesem Schein der Verwilderung ... Die Formen der Kirche kamen ihrer Selbsttäuschung zu Hülfe ... Sie wand sich wie Magdalena . Bonaventura wußte nun : Dies irrselige , schöne Frauenbild bekennt alles das , nur um dich in die Kreise ihres Lebens zu zwingen , von dir Worte der Liebe zu hören , vielleicht - jetzt nur deine Hand küssen zu können und - stumm zu gehen ... Sie will jetzt , wo du reisest , nur vielleicht einen Briefwechsel mit dir führen , nur , wenn du wiederkehrst , mit ihren Blicken dich umwerben , mit ihrem Lächeln dich umschmeicheln dürfen ... Sie will nur den Stolz vor der Welt haben , daß man sagt : Dieser Geweihte ist ein Heiliger ; strauchelte er , so würde er es nur mit jenem Mädchen können , das bei jeder Messe , die er liest , immer an demselben Pfeiler ihm zur Rechten oder Linken sitzt ... Bonaventura wußte , daß er straucheln konnte , wenn Lucinde - Paula war ... Jene hatte mehr Geist , mehr Wissen , mehr Thatkraft und - für die Meinung anderer vielleicht selbst mehr Schönheit , als diese ... Doch wirkte Lucinde auf ihn , wie er einst auf einen Scherz Benno ' s gesagt hatte , feuermagnetisch . Sie wirkte abstoßend durch Ueberkraft und eine zu große Willensstärke ... Er blieb bei seiner Priesterpflicht . Aeußerlich wollte Lucinde nur einen Rath haben , wie sie nach einem so geschilderten Leben und innerlich gänzlich zerstörten Dasein nicht die Lust am Leben und an sich selbst verlöre , zur Wahrheit käme , die Lüge und Verstellung miede , sich an fremdem Glück erfreuen , vor allem in der von ihr gewählten Religion wirkliche Beruhigung und Erhebung finden könnte ... Eben die Religion verschleierte alles . Bonaventura hatte sie zuletzt aufgefordert , sich zu setzen ... Auch das that sie wie Magdalena und stützte das Haupt ... Jetzt fühlte sie die losgegangene Flechte . Sie steckte sie erröthend auf , während Bonaventura die beiden Kerzen anzündete ... Endlich sprach er ihr mit einer Stimme , die auch nur ihm angehören konnte : Meine verehrte , liebe , theure Freundin ! Wie , wie lange kennen wir uns doch nun schon ! O , glauben dürfen Sie mir - daß ich oft , oft - wie oft ! über Sie nachgedacht , über Sie mit Gott geredet habe ! Was Sie mir vielleicht vor einigen Monaten schon sagen wollten - dies Neueste da , der Besuch Ihres frühern Verlobten in Knabenkleidern , nun , das ist eine Waghalsigkeit , die auf Rechnung Ihres abenteuerlichen Sinns kommt , ein Kampf gegen die Obrigkeit , den ich nicht billigen kann , ein Vergehen , das die gute Absicht des Helfenwollens entschuldigt - Ihre wahren innern Peinen erfahre ich erst jetzt . Und daß Sie jenes Neueste hinzufügten , das nehm ' ich für einen Beweis Ihres Vertrauens zum Priesterthum . Sie vermissen , sagen Sie , eine Reinigung und Heiligung Ihres ganzen Seins und Lebens . Das ist ein schönes , ernstes , für Ihre ganze Zukunft entscheidendes Wort ! ... Die Fehler Ihrer ersten Jugend will ich nicht rügen . Sie haben die Liebe nicht gekannt . Sie haben sie von andern nicht erfahren ; ich rüge nicht , daß Sie sie auch nicht erwiderten . Auch Ihren mächtigen Ehrgeiz will ich nicht tadeln . Es war vielleicht der Trieb nur des Wachsthums zum Bedeutenderen . Daß ein Baum gen Himmel anstrebt , ist ein Preis Gottes , kein Preis seiner selbst . Ein armes Mädchen vom Lande gingen Sie durch eine seltene Schule der Erfahrung , die Ihnen bald weh that , bald schmeichelte . Immer wollten Sie mehr sein , als was das Geschick Ihnen zu sein anmuthete ; Sie rangen sich gewaltsam auch vielleicht deshalb empor , weil Sie einen Trieb hatten , geistig mit sich zufriedener zu sein , als dies mit sich Tausende von Menschen sind . Die Fähigkeit , einen Klingsohr glücklich zu machen oder gar zu erziehen , konnten Sie damals nicht besitzen . Auch Ihr Leiden mit Serlo , Ihre Demüthigung , als Sie die Bühne betreten wollten , waren Sühnopfer für manche Schuld der Uebereilung , für manche Herzlosigkeit und Eitelkeit . Als Sie dann den Uebertritt zu unserer Kirche vollzogen , da begann vorzugsweise Ihr innerster Bruch . Immer schon mußte ich tadeln , daß Sie diesen Schritt nicht aus innerm Bedürfniß thaten ... Richtiger , Sie thaten ihn aus Bedürfniß , doch machten Sie sich über die Mahnung Ihres innersten Herzens , über dies Gebot Ihres guten Genius , der Ihnen bei diesem Schritt zur Seite stand , kein Geständniß . Nun schwanken Sie zwischen Freiheit und Abhängigkeit , zwischen Religion und Unglaube , ja sogar zwischen dem Guten und dem Bösen - Ihre Natur , fürcht ' ich und sprech ' es offen aus , wird Sie niederwärts ziehen , wenn Sie sich nicht mit einer gewaltigen Gegenmacht rüsten ! Andere ( Bonaventura dachte an die Scene beim Kirchenfürsten ) , andere würden Ihnen rathen , Ihrem Geiste zu mistrauen . Das will ich nicht . Es wäre ja entsetzlich , wenn dem Geiste sich nicht das Gute gesellen könnte . Eines aber möcht ' ich Sie fragen - und ich fasse damit , glaub ' ich , Ihren ganzen Zustand zusammen - : haben Sie sich je vergegenwärtigt , was die Kirche mit so mancher ihrer großen und uns gerade von andern Religionen unterscheidenden Lehren sagen will , zum vorzüglichen und Ihnen insbesondere zweckdienlichen Beispiel erwähn ' ich - unsern Mariencultus ? Lucinde war von dem Ton dieser innigen Rede wonnig durchrieselt . Den Sinn der Worte behielt sie nicht , nur ihren Klang . Erst bei Erwähnung des Mariencultus stutzte sie . Sie gedachte des noch rückständigen Bekenntnisses ihrer Wanderung durch den unterirdischen Gang und des von Picard empfangenen Auftrags ... Das Marienbild am unterirdischen