Recapituliren wir die Sachlage . Auf der einen Seite Bessarabien und die Krim über kurz oder lang bedroht ; - unsere Stellung in der großen Walachei nicht länger haltbar - kaum noch in der Moldau ; - Silistria fast noch eben so fest wie beim Beginn der Belagerung , und ein starkes Entsatzcorps in der Nähe . Die Truppen kaum genügend , den Gegnern die Spitze zu bieten , - an einen Uebergang über den Balkan nicht mehr zu denken und keinerlei Vortheil im längern Beharren auf dieser Seite der Donau . Wägen Sie selbst ab , meine Herren . « » Was würde man in Petersburg dazu sagen ! « » Schebesky kommt von dort . Er kann uns den besten Bescheid geben . « Der angerufene General zuckte die Achseln . » Ich glaube , man hält dort die Donau-Besetzung jetzt selbst für einen Fehler . Man hätte am Bosporus stehen oder innerhalb der russischen Gränzen bleiben müssen . « » Sehr wahr . Aber wir dürfen Silistria nicht aufgeben ohne des Kaisers ausdrücklichen Befehl , « sagte ziemlich heftig General Chruleff . Der Feldmarschall nickte ihm zu und zog dann langsam den Brief seines kaiserlichen Herrn aus dem Couvert . » Wollen Sie des Kaisers eigene Worte hören ? « Alle schwiegen ehrfurchtsvoll . » Hast Du , Fürst Iwan Feodorowitsch , « las der Feldmarschall , » bei Empfang dieses Briefes die Festung Silistria genommen , so wollen wir Gott und den Heiligen für diesen Sieg Rußlands danken . Weht der Halbmond noch auf ihren Mauern , so will ich Dir überlassen , was Du das Beste zu thun hältst . Bedenke jedoch , daß Rußlands Ehre nur in Rußland selbst liegt . Ich wiederhole die Vollmacht , die ich Dir bei der Uebernahme , des Kommando ' s ertheilt habe . « Der Fürst-Statthalter schwieg ; General Chruleff war der Einzige , welcher eine rasche Antwort hatte : » Wir können unmöglich von hier gehen , ohne wenigstens noch einen Schlag versucht zu haben . « Der alte Fürst lächelte . » Nein , tapferer Chruleff , « sagte er freundlich , » das sollst Du auch nicht . Ich sehe , daß wir einig sind über die Nothwendigkeit des Rückzuges , doch darf er natürlich nicht übereilt werden . Es gilt zunächst , die Combination des Muschirs zu vereiteln . « » Wir haben die Depeschen in unserer Hand . « » Ganz recht , aber ich halte es für zweckmäßiger und weiser , sie richtig in die Hand des neuen Kommandanten gelangen zu lassen , um nicht sein Mißtrauen wachzurufen . Es handelt sich blos darum , Zwiespalt und Verwirrung in ihre Beschlüsse zu bringen . « » Man könnte den Datum um zehn Tage ändern ! « sagte General Schebesky kaltblütig . Der Fürst von Warschau lächelte sein . » Das war meine Meinung ; im Kriege ist jede List erlaubt . Sobald dies mit der nöthigen Vorsicht geschehen , womöglich noch diese Nacht , Fürst , lasse den Boten nach Silistria laufen , triff aber Anstalten , daß wir genau von allen Vorgängen in der Stadt unterrichtet bleiben . Ich bin entschlossen , wie ich in Warschau beabsichtigte , mein Hauptquartier bis zum Eintreffen weiterer Befehle des Kaisers nach Jassy zu verlegen . Es ist der geeignetste Punkt - 32 Meilen von Silistria , 20 von Kamienecz und 22 von Odessa , - wir übersehen da das Feld . Du , Fürst Gortschakoff , übernimmst von diesem Augenblicke an wieder den Oberbefehl der moldau-walachischen Truppen . Lasse morgen das Bombardement gegen die Festung von den Inselbatterieen wieder beginnen , fange aber an , Dein anderes schweres Geschütz auf das linke Ufer zu bringen . Schilder muß so weit fertig sein , daß am 13. ein Versuch gegen die Citadelle gemacht werden kann . Beordere Pawloff , von Tuturkai aus sich dem Zuzug von Rustschuk entgegenzuwerfen , indeß Chruleff den Renegaten Mehemed8 und den Muschir angreift . Dadurch wird der ganze Operationsplan der Gegner zerstört und wir erhalten Zeit , zu sehen , was sich mit der Festung noch beginnen läßt . « » Ich werde die Befehle noch diese Nacht ertheilen . Ich höre , Lüders befindet sich auf dem Wege der Besserung ? « » So ist es . Gott und den Heiligen sei Dank ; dafür werden wir den braven Orloff verlieren . Ich bedaure seinen Vater , meinen alten Freund ! - Verdammt , Doctor , ich glaube , die Schmerzen nehmen wieder zu ! « » Wenn Euer Durchlaucht sich nicht sofort einige Ruhe gönnen , stehe ich für Nichts , am wenigsten für die Möglichkeit , abzureisen . « Die Generale verabschiedeten sich . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Es war am Morgen des 13. - Dienstag - , in der seit zwei Tagen durch ein unaufhörliches Bombardement schwer bedrängten Festung erwartete die Besatzung jeden Augenblick einen Sturmangriff der Russen , sobald die Minen des Generals Schilder ihr Werk gethan , deren bereits einige von den Russen in den letzten Tagen gesprengt worden , ohne daß sie jedoch mehr als leicht wie derherzustellende Mauer- und Erdrisse zu Wege gebracht hatten . Jedermann wußte , daß sie hauptsächlich gegen das Fort Abdul-Medjid gerichtet sein mußten , und daß hier die Entscheidung des Tages und des Schicksals der Stadt lag . Die Capitaine Grach und Depuis und selbst der alte Chef des Geniewesens , Mehemed-Bey , so weit seine Fähigkeiten reichten , waren indeß nicht müßig gewesen und der Spaten unter der Erde arbeitete rüstig an den geheimen , furchtbaren Gängen , bestimmt , die eindringenden Feinde in die Luft zu schleudern . Schon zwei Mal waren unter der Erde die feindlichen Mineurs aufeinander gestoßen und das blutige Würgen hatte das schauerliche Grab im wahren Sinne begraben . Das Sprengen der Minen war das Einzige