. Meine gute Mutter schenkte Ihnen ihr ganzes Vertrauen ... Ich war so glücklich , in meiner früheren Seelenstimmung mit der edlen Verklärten auf einen Ton zu erklingen . Wir ergänzten uns . Wir genügten uns gegenseitig ... Es war eine Seelenfreundschaft ; ich weiß es ... Die reinste und edelste von der Welt ! Diesen Bund schloß die himmlische Liebe . Und Sie sind mir darum doppelt werth , Herr Pfarrer . Soll ich Sie wirklich missen ? Ein Geständniß , Durchlaucht ! Ich finde , daß ich zu früh abgeschlossen habe . Ich stehe im Anfange meiner vierziger Lebensjahre und bin in einen so nagenden Zweifel über meine bisherigen Auffassungen der Welt und der göttlichen Ordnung gerathen , daß ich der unglücklichste Mensch sein würde , sollt ' ich auf meiner Pfarre in der Ergebung in mein früheres Denken und Glauben zu Grunde gehen . Doch kein Apostat ? Kein Apostat , Durchlaucht ! Ich stehe noch immer auf meinen bessern alten Standpunkten und glaube , daß dieses Leben eine Vorbereitung himmlischer Freuden oder ewiger Verdammniß ist . Christus ist noch mein Mittler . Aber ich fühle , daß ich nicht durch den rechten Zweifel zum Glauben gekommen bin . Ich fühle , daß ich zu rasch überwand . Den Feind umging ich , ich bekämpfte ihn nicht . Ich fand das gläubige Gemüth Ihrer verklärten Mutter . Die edle Frau war glücklich in den Anschauungen , die ihr als die letzten , die besten , die dauerndsten nach vielen Irrthümern und Gaukelbildern der Phantasie und des Herzens geblieben waren . Ich nahm diese Anschauungen ungeprüft an , weil sie für eine vortreffliche Frau von unumstößlicher Wahrheit waren . Ich war glücklich , mit einer reinen Seele mich auf einen Accord stimmen zu können , und glaubte rein zu klingen , weil ich wie sie klang . Sie starb und die gleichgestimmte Terz fehlt nun . Die Harmonie ist hin und ich bin nicht glücklich . Guido Stromer sprach diese Worte nicht ohne Bewegung und Egon hörte sie voller Theilnahme . Er hatte in der Schweiz Gelegenheit genug gehabt , zu sehen , wie frömmelnde Richtungen sich oft weltlich entpuppten , hatte Rafflard ' s charakterlose Metamorphosen erlebt und hier zeigte sich eine Umwandlung , die eine wirklich reine , eine geistige schien . Stromer ' s Auge blitzte ; es lag ein zehrendes Feuer in den Blicken , die seine Worte begleiteten . Es war unfehlbar doch ein Denker , der mit ihm redete . Mein Herr Pfarrer , sagte Egon , wenn Sie es vor Ihrer Familie verantworten können und einen geschickten , würdigen Ersatz aufzuweisen haben , so würde es sehr eigensinnig von mir sein , in Ihre innere Entwickelung eingreifen zu wollen . Ich wünsche , daß Sie recht zur Klarheit über sich selbst kommen mögen , wenn Ihnen nicht dieser Wunsch im Munde eines jüngeren Mannes vorlaut scheinen sollte . Durchlaucht sind sehr gnädig , sagte Stromer , sichtbar erleichtert von der freundlichen Aufnahme seiner Wünsche bei dem neuen Kirchenpatrone , vor dem er , in Erinnerung alter Irrungen , Beklommenheit genug gefühlt hatte ... Sie werden also in der Residenz bleiben wollen ? fragte Egon . Sie selbst haben sich in der Welt getummelt . Sie kennen das Leben vielleicht mehr als ich ... sagte Stromer verlegen . Sie wollen beobachten ? Oder ziehen Sie vor zu reisen ? Zu einer Reise fehlen die Mittel ... Ich werde ohnehin schon Mühe haben , eine doppelte Existenz zu bestreiten . Ich denke also hier zu bleiben . Manches Haus hat sich mir bereits erschlossen . Manche bedeutende und einflußreiche Persönlichkeit ist mir zuvorkommend schon entgegengetreten . Ich habe mit Erstaunen bemerkt , daß die Erscheinung eines Menschen , der nur lernen , nur auffassen , richtig beurtheilen will , etwas Neues in der Gesellschaft ist . Wenigstens Der , sagte Egon , der eine solche Absicht von sich offen eingesteht . Die Menschen finden es sonderbar , fuhr Stromer ermuthigter fort , daß man nicht mit ihnen streitet und darum doch nicht ganz ihrer Ansicht ist . Ich finde , daß die Sucht , Alles in Parteien zu zerklüften , uns den Kern der Dinge raubt und nur die Schale läßt . Sie bewundern zuviel , sagte man mir schon . Sie geben jedem Irrthum eine zu gefällige Entschuldigung ! O welche Unduldsamkeit ! Der Geist wirft durch das Prisma des Lebens alle Farben des Regenbogens . Wie kann ich eine Mischung der Strahlen über die andre setzen ? Guido Stromer sprach diese Worte mit einer gewissen schmiegsamen Grazie . Da können Sie ja der Verkünder eines neuen Evangeliums werden , sagte Egon lächelnd und theilnehmend . Das alte , auch das christliche , ist sehr exclusiv . Doch nicht ! sagte Guido Stromer . Auch die Christuslehre will keine objective Wahrheit . Sie will nur eine persönliche Wahrheit . Warum ist der Herr für uns gestorben ? Warum sollen im Leib seines Lebens und Blut seines Todes unsre Herzen leben ? Der allmächtige Zauber der ergriffenen Persönlichkeit , heißt Das , ist die Gewalt , die selig macht ; der todte Buchstabe , die objectiv sein wollende Wahrheit ist es nicht . O Das ist ja herrlich , Herr Pfarrer ! rief Egon in seiner nach allen Seiten hin heute so glücklichen Anregung und dabei immer gespannt das Bild im Auge behaltend , auch manchmal wie auf Helene d ' Azimont ' s Nähe lauschend . Predigen Sie doch ja hier überall diese Lehre ! Sie thut der ganzen Welt so noth , daß ich gern ertrage , wenn Sie sie noch einige Zeit den Bewohnern von Plessen vorenthalten ! Wie lange wollen Sie , daß ein Vikar dort für Sie eintritt ? Gestatten Sie mir ein Jahr , Durchlaucht ! sagte Stromer bestimmt . Sprechen Sie mit dem Justizdirektor darüber ! Haben Sie schon Ihren Ersatzmann ? Propst Gelbsattel , in dem ich einen Freund und Förderer gefunden habe , wird