Strenge gegen Sich selbst ! Es sind der Wege viele , auf denen der Herr die Verirrten zu sich zurückzuführen weiß , und den Irrenden auf den rechten Pfad zu weisen , ist eines der guten Werke , denen der Gläubige sich zu unterziehen hat . Leben Sie wohl ! Sie werden mir in einigen Tagen die Kunde bringen , welche Wendung diese Angelegenheit genommen hat . Zehntes Capitel Der Mond stand schon hell am Himmel , als der Abbé , von dem erzbischöflichen Palaste kommend , über die Brücke ging und sich dem schönen Uferwege zuwendete , an welchem das Palais der Herzogin gelegen war . Er hatte zu jeder Stunde des Tages Zutritt zu demselben , und auch jetzt befand er sich bereits vor dem großen Portale , aber als er die Schelle ziehen wollte , hielt er die Hand zurück . Er mochte Eleonore jetzt nicht sehen , er mochte Niemanden sehen ; er mußte mit sich allein sein . Er schlug den langen , schwarzen Mantel fest um sich und entfernte sich von dem Palaste . Bald langsam , bald in heftiger Bewegung ging er an der Seite des Flusses auf und nieder . Wie goldene Knospen schienen die funkelnden Sterne an den dichten und kahlen Aesten der Bäume zu hängen , die sich in vielfachen Reihen an dem Ufer hinziehen . Der Mond goß sein volles Licht über die prächtigen Gebäude aus , deren Fenster zum Theile hell erglänzten . Es war die Stunde , in welcher die vornehme Gesellschaft ihre Tafel hielt . Vor den einzelnen Häusern fuhren die Wagen vor , hier und dort öffneten sich gastlich die Flügel der Einfahrtsthüren . Die Stadt erschien , so weit man sie deutlich übersehen konnte , heiter und glänzend , und fern ab zeichneten sich die Spitzen der Kirchen unbestimmt und schattenhaft an dem nächtlich klaren Himmel ab . Aber was jedem Anderen an dieser Stelle das Auge erfreut und den Sinn erheitert haben würde , was auch ihn sonst mit Wohlgefallen erfüllt hatte , heute sah der Abbé es nicht . Ein gewaltiger Kampf durchwühlte seine Seele ; in raschestem Wechsel zogen abenteuerliche Plane , wilde Vorsätze und Entschlüsse durch sein Gehirn , und aus der glühenden Leidenschaft , die in ihm brannte , loderten in einzelnen Augenblicken zuckend die Flammen der Verzweiflung in ihm empor . Und doch war es ihm nichts Neues , was er in sich wahrnahm . Er hatte auch nichts Unerwartetes erlebt . Warum traf es ihn denn so furchtbar , was er lange hatte kommen sehen ? Warum zerriß sie ihm denn das Herz , die Entscheidung , die er längst getroffen hatte ? Seit er Eleonore gesehen , war er nie über die Empfindung im Zweifel oder im Unklaren gewesen , die sie in ihm wachgerufen hatte . Von früh auf zur strengsten Selbstprüfung gewöhnt , hatte er sich nicht darüber täuschen können , daß er sie mit glühendem Verlangen begehrte , daß er sie leidenschaftlich liebte , aber sein stolzer Sinn hatte sich nicht entschließen mögen , die Gefahr zu meiden ; er hatte seinen geistigen Ruhm darein gesetzt , sich zu besiegen , und wie er bis dahin auf der Welt nichts Höheres gekannt hatte , als seine Kirche und ihre Macht , so hatte er sich gelobt , seine Aufgabe in ihrem Dienste zu lösen und ihr mit Verleugnung und Ueberwindung seiner selbst die starke Seele und das reiche Erbe Eleonorens zuzuführen und zu gewinnen . Tage und Nächte hatte er mit sich gerungen in wildem Schmerze , in brünstigem Gebete . Er wußte , was Eleonore sich nie deutlich gemacht hatte , daß es nur eines Wortes von ihm bedurfte , um sie ihm anzueignen ganz und gar , und heute zum ersten Male fühlte er sich nicht sicher , daß er dieses Wort nicht sprechen , daß sein Blick ihr nicht verrathen würde , was in seiner Seele vorging . Er sah sie , als er so umherwandelte , mit seines Geistes Augen deutlich vor sich , wie sie auf das Geständniß seiner Liebe in seine Arme sinken , er kannte sie darauf , daß sie nicht zurückschrecken würde , mit ihm zu fliehen , um in irgend einem fernen Winkel der Erde sein Weib zu werden , das Weib des geweihten Priesters , des Meineidigen Weib . - Aber wer hinderte ihn , sich mit Offenheit von diesem Eide loszusagen ? Wer hinderte ihn , einem Glauben zu entsagen , der seinem Menschenrechte , seiner Manneskraft und Würde unnatürliche Schranken setzte , unwürdige Gewalt anthat ? Wer hinderte ihn , zu thun , was vor zweihundert Jahren , in den Zeiten der großen kirchlichen Umwälzung , Tausende von Priestern vor ihm gethan hatten ? Was hielt Eleonoren ab , einem durch sie bekehrten Manne ihre Hand zu geben ? Sie war unabhängig und reich genug , in Haughton Castle , in ihrem freien Vaterlande , von dem Gesetze unangefochten und die öffentliche Meinung stolz verachtend , glücklich mit ihm zu sein . Die Stirn brannte ihm wie im Fieber , alle seine Pulse klopften . Trotz der winterlichen Kälte riß er den Mantel auf , entblößte er sein Haupt . Er fühlte seine ganze , ungebrochene Kraft in seinen Adern , er sah jetzt auch mit Einem Male die glänzende Anmuth der Stadt und der Gegend , er empfand die Schönheit dieser milden Winternacht . Unwillkürlich breitete er seine Arme aus , als wolle er sich mit der Natur vereinen , und ein Seufzer , der wie ein unterdrückter Aufschrei klang , riß sich aus seinem Busen los . Es war vorüber ! - Müde , wie einer , der aus einem ihn erschöpfenden Traume erwacht , ließ er sich auf eine der Bänke fallen , die unter den Bäumen stehen . Er stützte den Kopf in die Hand , sein Haupt sank schwer hernieder , schwer und still fielen ein paar glühende Tropfen aus seinen Augen auf die Wangen herab