das neben dem Namen stand , der die Bogen unterschrieben hatte , schien ihr die Besinnung zu geben ... Lucinde sah ein Kirchensiegel - das Bild des Gekreuzigten ... Sie forschte nicht länger ... blieb ihr doch die volle Muße eigener Untersuchung und die Gelegenheit der Wiederkehr ... Sie hatte nicht Zeit , sich von dem wie bewußtlos ihr nachblickenden Veilchen die Ursache ihres Schreckens erklären zu lassen ... Eine Stunde später saß sie zum Thee bei der Commerzienräthin , die vor Ungeduld nach ihr » fast vergangen war « . Denn seltsamerweise blieb sie heute allein ... Aus Furcht vor Pitern ließen sich selbst die Hausfreunde nicht sehen . Das Haus war von seinem beginnenden Strafgericht in Belagerungszustand erklärt . Johanna hatte von ihrem in aller Frühe abgereisten Verlobten schon per Expressen einen Brief voller Vorwürfe über die Frau Oberstin , die übrigens gestern schon vor dem plötzlichen Tumult gegangen war ... Dann kam die Frau Oberprocurator angefahren und brachte die Kunde , daß morgen Abend der Domherr von Asselyn nach Witoborn reise und eine Demonstration der Huldigung stattfinden würde mit Blumen , Gedichten , ja persönlicher Anwesenheit seiner Verehrer ... Ob die Mutter ginge ? Was man dazu anzöge ? ... Endlich hörte man Pitern sich lärmend in den Hinterzimmern ankündigen ... Alles zitterte ... Zum Glück hörte man zu gleicher Zeit den Besuch des Oberprocurators von der andern Seite ... Lucinde hatte keine Antwort aus dem Kapitelhause vorgefunden . Sie erhob sich , schützte Kopfweh vor , schoß an Nück vorüber und flüchtete sich auf ihr Zimmer . Hier ergriff sie einen Bogen Papier , eine Feder und schrieb die Worte : » Hochwürdigster Domherr ! Ich beschwöre Sie ! Wenn Sie nicht einen Seelenmord begehen wollen , so bitt ' ich um Antwort - wegen meiner Generalbeichte ! Lucinde . « Sie convertirte , klingelte und schickte einen Diener mit diesen Zeilen ins Kapitelhaus an den Domherrn von Asselyn - wie schon heute in der Frühe ... Schlug ihr Bonaventura den Empfang ab , so hatte sie ein letztes Mittel . Den Auftrag Bickert ' s ... Nach allem , was sie von Benno über den Eindruck wußte , den damals die im Sarge des alten Mevissen gefundenen Dinge auf Bonaventura gemacht hatten , durfte sie annehmen , daß dieser sie dann unmöglich zurückweisen würde , wenn sie an ihn ein drittes Schreiben richtete mit der Bitte , ihm wenigstens noch die Dinge , die ihr der Knecht aus dem Weißen Roß gegeben , persönlich einhändigen zu dürfen ... Nun klopfte es ... Nück meldete sich ... Ich bin krank ! sagte sie an der Thür , rasch verschließend - schaudernd vor dem Manne , bei dem für Bickert - tausend Thaler harrten und der ihr selbst - Sie wissen - - ? sprach schon Nück dringender . Nichts ! Nichts ! Der Pater ist gefangen ... Darauf schwieg sie ... Man führt ihn in sein Kloster zurück ... Doch ! doch ! sprach sie bebend , aber nur für sich ... Darf ich - ? Ich bitte dringend ... Ich bin krank ! Schrieben Sie doch nicht dem Pater ? ... Sie schwieg ... Wenn man Ihren Brief mit Beschlag belegt hätte ! Oder wie verständigten Sie sich mit ihm ? ... Sie athmete auf , wie kein Verdacht vorlag , daß sie selbst zu Sebastus gegangen ... Bestellen Sie die Pferde ab ! Sonst nichts ! Gute Nacht ! sagte sie , sich ermuthigend , und brach kurz ab . Nück ' s murmelnde Stimme hörte sie nicht mehr ... auch sein Fortgehen verhallte ... Dann holte sie das verwitterte , nicht zu alte Schreiben , einen langen Brief in lateinischer Sprache , unterzeichnet » Leo Perl « . Nun verstand sie den Schrecken der Jüdin ... Sie las und las ... übersetzte und - stockte endlich ... Um den Brief völlig zu verstehen , mußte sie nach dem Wörterbuche greifen , das ihr Benno gekauft hatte ... Darüber schlug es elf ... 12. In einem der großen , » kaltgründigen « Zimmer des Kapitelhauses herrschte am folgenden Tage eine feierliche Stille ... Es war im Studirzimmer Bonaventura ' s ... Der Abend hatte sich niedergesenkt ... Zwei Lichter brannten ... In dem großen eisernen Ofen , der von außen geheizt wurde , hörte man das Zulegen neuen Holzes ... Nicht Renatens sorgende Hand war es , es war die eines Hausdieners , der zu diesem Amt für die Herren des Kapitels bestellt war . Auch nicht im Nebenzimmer saß Renate ... Der Domherr hatte die alte treue Dienerin gebeten , nach allen schon längst getroffenen Zurüstungen seiner Abreise auf Witoborn , die für die neunte Stunde bestimmt war - sein einfacher Sinn und seine gemessenen Mittel wollten sich mit gewöhnlicher Postgelegenheit begnügen - erst um acht Uhr von einem Geschäft zurückzukommen , das er sie ersuchte , sich außerhalb des Kapitels zu machen . Sie hatte schon lange für Benno ' s Abwesenheit sich eine Durchsicht seiner Wäsche , eine gründlichere Anordnung seiner Wohnung vorgenommen ; diese vollzog sie , obgleich es Sonntag war , schon von vier Uhr an und gegen acht erst wollte sie zurückkehren ... Bonaventura kannte die Abneigung der alten Frau gegen Lucinden und wollte jeden Conflict vermeiden ... Als Lucinde zum zweiten mal geschrieben , verwilligte er ihr , was sie begehrte - Aber nur auf seinem Zimmer konnte er eine Generalbeichte abnehmen ... Er rüstete sich zu einem schweren Kampf , zu einer großen Prüfung - An die Seltsamkeit , daß sich auf seinem Zimmer Seelenkämpfe solcher Art ausringen , ist der katholische Priester gewöhnt . Lucinde hatte nicht nöthig gehabt , ihr letztes Mittel zu ergreifen - Mit der Abenddämmerung war sie in Begleitung des Meßners gekommen ... Durch die hohen Fenster mit ihren vielen kleinen Scheiben , durch eine grüne Hecke von Epheuranken , die den Schreibtisch von dem Fenster schied , brachen die blutrothen Strahlen der Sonne , die den ganzen Tag sich nicht