ich im Confessional und fange an zu sprechen und sage meine Sünden und ich sehe auf und ... Ihr seht den Domherrn von Asselyn ! Einen Geist , der mir spricht : Was enthielt damals der Sarg ? ... Gestanden Sie es ihm ? Da ! Nehmen Sie , Mademoiselle ! Jetzt griff Lucinde nach dem Bündel in heftigster Bewegung . So abschreckend feucht das Tuch war , sie empfand keinen Widerwillen mehr ... Plaudern werden Sie nicht ! wiederholte Bickert und beleuchtete unheimlich die Gestalt und äußere Erscheinung der Verkleideten ... Und eine wiederum ballend erhobene Faust deutete die Möglichkeit seiner Rache an ... Dann aber sagte er : Gut ! Geben Sie das - An den Domherrn von Asselyn - Im Kapitelhause - Und was enthält es ? Eine Schrift - kein Geld - nur eine Schrift - in Latein - tant je crois - Damit ging er weiter ... Und die Reise nach Amerika ? Schloß Westerhof ? Das Papier ? rief sie hinter ihm her ... Der Knecht hörte nicht die verhallenden Worte und ging voraus ... Lucinde folgte athemlos ... Sie hatte das kleine Bündel in ihre Mappe gezwängt und sich dabei aufgehalten ... Mit dem Schirme tastete sie , um dem Schimmer der Laterne zu folgen ... Noch einige hundert Schritte in dem links sich erstreckenden engern Gange ging es so fort . Dann standen sie an einer kleinen , mit verrosteten Eisenklammern beschlagenen Thür ... Bickert gab Lucinden die Laterne und zog sein Schlüsselbund ... Leise steckte er einen mit wunderlichem Zierrath versehenen alten Schlüssel in das noch wohlerhaltene Schloß ... Mit knarrendem Tone ging noch ein Riegel zurück und die Thür öffnete sich ... Halten Sie sich an mich ! sagte der Führer und stieg einige sich windende steinerne Stufen in die Höhe , während die Laterne zurückblieb ... Bald kam eine zweite Thür ... Bickert horchte ... Er wollte lauschen , ob niemand in der Nähe war ... Wo kommen wir hinaus ? fragte Lucinde , von den Anstrengungen erschöpft ... Statt zu antworten schärfte Bickert sein Ohr nur noch vorsichtiger ... Jetzt war es Lucinden , als hörte sie einen heiligen Gesang . Es war wie ein Strom klingender Luft , der auf sie niederwallte . Die Töne schwollen und erhoben sich . Wie aus erquickenden Quellen ringssprühender Staub , so rieselte sie es an ... Nach so langer dumpfer Stille wurde ihr der Ton fast zum Licht , das Licht zur Welle , Geistiges wie leiblich sie Berührendes ... Sie konnte sich nicht mehr aufrecht halten ... Les chanteurs ! Es ist die Domschule ! flüsterte Bickert und öffnete ... Es strömte wie Lobgesang des Lebens auf sie ein ... Hier jetzt den Corridor hinauf , dann à travers la maison ! Bickert drängte Lucinden schon vorwärts ... Nach einem noch einmal weniger drohend , als schon hoffnungssicher gesprochenen : Mais Mademoiselle - ! stand sie plötzlich allein ... Bickert war verschwunden . Ein schmaler Gang zwischen zwei hohen Mauern führte Lucinden in einen größern , mit Quadersteinen gepflasterten Hof und aus diesem über einige Stufen in ein alterthümliches Haus . Auch auf der großen Diele war alles wie von Musik erfüllt . Links von ihr sangen die Chorschüler Uebungen . Ein altes Klavier begleitete die Accorde ... Eine Weile lauschte sie ... » Deposuit potentes de sede et exaltabit humiles ! « Dazwischen sprach ein Priester Erläuterungen ... Die Stimme war ihr fremd ... Aber die Worte klangen ihr in der Tonart des Gesanges ... kein Dur folgte auf Moll , kein Allegro auf ein Andante ... selbst die Belehrungen über die zu machenden Pausen , die gegeben wurden , waren nur der Aushall des verklungenen Tones ... Alles , alles war ihr Harmonie ... Gern hätte sie glauben mögen , es würden ihr die beiden Arme zu riesigen Flügeln , die sie hätte ausbreiten mögen , die wieder errungene Freiheit zu erproben ... Aber nur wie eine verscheuchte Fledermaus huschte sie durch die Flur und an die Hausthür . Diese war unverschlossen ... Sie war im Freien , im Regen mit ihrem Bündel , aus dem sie ein zerknittertes starkes Papier herausfühlte ... Mußtest du diese Schrecken erleben , um das zu erlangen , was du vielleicht brauchst , um morgen mit - ihm zu sprechen , vielleicht zum letzten mal - Dies führt dich bei ihm ein , auch wenn er dir die Beichte abschlägt ! Sie hätte sogleich zu Bonaventura fliegen mögen ... Fast hatte sie ihre Knabentracht vergessen . Sie breitete den Schirm aus und schoß auf einen Fiaker zu ... In die Rumpelgasse ! rief sie . Zu Nathan Seligmann ! Die Adresse war bekannt ... Eine Viertelstunde darauf war sie bei Veilchen Igelsheimer , die um sie auf den Tod gezittert hatte . Ihre Begleitung an das Profeßhaus hatte sie abgeschlagen . Veilchen erfuhr zu ihrem Entsetzen , daß alles gescheitert war und Lucinde nur mit Lebensgefahr ihre eigene Freiheit gerettet hätte ... Zu Aufklärungen für das » trotz Spinoza verzweifelnde « Mädchen , Aufklärungen , die Lucinde auch ohnehin schwerlich gegeben hätte , blieb keine Zeit ... Sie gab ihre Kleider zurück , nahm die ihrigen , entleerte die Mappe , die sie Veilchen ließ , riß das schmuzige Tuch Bickert ' s fort und wollte eben die Einlage , einige Bogen Papier in amtlichem Briefformat , einstecken ... Da erblickt Veilchen die Aufschrift und ruft : Gott im Himmel ! Was ist ? fragte Lucinde , halb schon im Gehen ... Herr Nathan war noch nicht wieder daheim ... Das ist - das ist ja - die Handschrift - Veilchen öffnete die Bogen , die Lucinde jedoch zu gleicher Zeit schon wieder zurücknahm , nur um sie rasch zu bergen , weil sie Eile hatte ... Nur einen Blick , Fräulein ! ... Was haben Sie ? fragte Lucinde drängend und auf dem Sprunge ... Schon gab Veilchen die Bogen zurück , wie mit einem Schauder - Ein Siegel ,