Licht brennt méchant ! Lucinde war ohne Athem . In kurzen fiebernden Schlägen klopfte ihr Herz . Sie sah , wie Bickert die Gläser seiner Diebslaterne heller putzte ... Und der Mauerspalt wurde immer enger und enger ... Ihrem Pater , au prisonnier , hab ' ich auch einmal hier den Weg gezeigt - Wenn der jetzt wüßte , daß Sie - Figurez vous ! Ich beichte dem Pfarrer und habe versprochen , ihm alles , was ich damals auf dem Kirchhof aus dem halben Geripp herauswickelte - zu schicken ! Qu ' avez vous ? Ein Schrei des Schauders entfuhr - aus doppeltem Anlaß - Lucinden ... Bickert blieb stehen ... War ' s eine ? lachte er ... Er meinte eine Ratte ... Schon hörte man ein Huschen und hastiges Dahinspringen ... Worauf tritt man denn hier ewig ? fragte Lucinde , wieder über eine andere Erfahrung erbebend ... Der Führer beleuchtete den Boden ... Das war gut ! sagte er . Da liegen sie ! Tous crevés ! ... Nehmen Sie nur nichts mit von dem Biscuit , das hier auf dem Boden liegt ! Die dicken Kerle , messieurs les rats , haben gedacht : Das legen wir noch zurück für ein andermal ! Die Ratz sind hier immer satt ... weil es todte Katzen und Hunde genug hier gibt ... Lucinden war es , als athmete sie Gift und Pesthauch aus der Luft ... Jetzt blieben ihre Vorstellungen haften bei dem Gedanken an die » Frau Hauptmännin « , an Hammaker , an das Schaffot , an Nück ' s grauenvolle Rede ... Die Wanderung durch einen kaum drei Fuß breiten und sechs Fuß hohen Gang glich in jeder Beziehung dem Besuche eines Bergwerks . Die Wände oben und zur Seite waren gemauert , aber so feucht , daß sie von Schimmel und Schnecken bewachsen waren . Der Boden unten war festgetretene Erde , aber schlüpfrig zum Ausgleiten . An Stellen , wo die Decke eingestürzt war , mußte man über die Trümmer hinweg und den Kopf bücken . Die Luft war schwül und giftig , sodaß die Wanderer sich wol Muth durften einflößen lassen durch die zuweilen von Mauersteinen hervorgebrachte Form des Kreuzes , vor dem auch Bickert regelmäßig sich verbeugte ... Wenn wir nur erst an die großen Keller kommen , rief er , so haben wir bessere Luft ! Dabei lärmte und polterte er fort und fort und huschte vor sich hin . Diese Vorsicht galt den Ratten , die auf die Art vor ihnen hergejagt wurden ... Die Ueberzeugung , der Verbrecher vertraute ihrer Verschwiegenheit und hätte nichts Uebles im Sinn , gab Lucinden Muth und schon nahm sie ihr Erlebniß von seiner abenteuerlichen Seite . Ihr jedesmaliger Aufschrei , wenn sie auf ein Opfer des kürzlich gestreuten Giftes trat , wurde beiden schon zur Unterhaltung ... Der Gang erweiterte sich und zeigte an einigen Stellen runde , stark vergitterte Oeffnungen . Eine derselben war so groß , daß man in einen Keller sehen konnte , in den Bickert hineinleuchtete ... Da , sagte er , da möcht ' ich manchmal die Eisenstangen ein wenig poliren - er meinte feilen - Sehen Sie die großen Fässer ! Die gehören Monsieur Moppes . Ich glaube , sie werden aufgespart für die Gerechten beim Jüngsten Gericht ! Lucinde kannte Herrn Moppes junior , seinen Humor und seine vortreffliche Stimme . Noch gestern hatte im Kattendyk ' schen Hause sein Genius geleuchtet ... Welch ein Unterschied der Situation ! Gestern sie mit ihm im Salon und heute - sein Name ihr hier gesprochen unter der Erde ! ... Auch des Stephan Lengenich gedachte sie ... Sie folgte mit beklommenem Athem ... Jetzt kamen die Stellen , die schon lange Veranlassung gegeben hatten , diese Gänge theilweise zu verschütten . Sie kreuzten sich auf eine gefährliche Weise mit den Kanälen der Stadt . Schon war vorgekommen , daß diese oberhalb sich hinwegziehenden Rinnen durchgebrochen waren und die tiefer liegenden Gänge überfluteten . An diesen Stellen befanden sich Stützgerüste und doch rieselte es von oben herab , ja Bickert sagte , daß man bei großen Regenwettern bis ans Knie im Wasser stünde , von dem man dann weder wisse , wo es herkäme , noch wie es abflösse ... Der Weg durch die Stützbalken konnte den Beherztesten erbeben machen . Man mußte sich hindurchzwängen mit Gefahr , eine der Palissaden einzureißen . Dabei waren die Moppes ' schen Keller noch nicht zu Ende ... Eine Ermuthigung lag in dem Anblick einer kleinen uralten Gottesmutter , die in der That an einer Stelle , wo der Gang sich in zwei Theile spaltete , in einer Mauernische stand . Bickert beleuchtete sie mit der Laterne . Er schien nicht die Empfindung Stephan Lengenich ' s zu haben , daß dies alte Steinbild Lucinden glich ... Und doch hatte in einem Punkt der alte Geisterseher Recht ... In dieser schauerlichen Einsamkeit war der Anblick des wohlerhaltenen alten Steinbildes wenigstens wirklich , als wenn man ihm Leben hätte zuerkennen müssen . Die Augen , der Mund , die Stirn unter dem weit über sie hinfallenden Schleier hatten auch eine gewisse Aehnlichkeit mit Lucinden . Das Kind auf dem Arm der kleinen Figur schien wie lebendig , ja wie sprechen zu können . Lucinde fühlte selbst , wie mächtig der Eindruck war , der einen Räuber bestimmte , hier die Mütze abzuziehen , die Laterne auf den Sims der Nische zu stellen und den steinernen Saum des Kleides der hier in dunkeln Grabesgrüften wie mit Bewußtsein wachenden Gruppe zu küssen ... Dann bekreuzte er sich und ließ Lucinden näher treten ... Wenn ich damals auf dem Cimetière in St.-Wolfgang , sagte er , diese hier im Sarge gefunden hätte , wäre ich schon früher zur Erkenntniß gekommen ... Es ist mein Fluch , daß ich Bickert heiße , eigentlich Picard , Mademoiselle ! Das ist die alte Chochemfamilie , die ihre Vettern am Galgen hat paradiren sehen , la bonne famille