. Ein scharfer Zugwind , der aus einem entgegengesetzten Winkel kam , schien auf andere Oeffnungen zu deuten . Vielleicht begannen dort die Gänge , die , wie man sagte , fast unter der ganzen Stadt hinliefen und in jenen Palast mündeten , in welchem einst die hohen Kirchenfürsten , als sie noch souverän waren , oft von ihren eigenen Unterthanen belagert wurden . Jetzt waren diese Gänge theilweise verschüttet , doch nicht ganz . Ein Zusammenhang sollte noch immer z.B. mit dem » steinernen Hause « des Herrn Maria statthaben , auch hie und da eine Thür sich befinden , die in Kirchen und geistliche Wohnungen führte . Alles das stand gespenstisch vor der Phantasie der ungeduldig Harrenden ... Sie stieg die Stufen wieder hinauf , die an die von Bickert verschlossene Thür führten ... Eine halbe Stunde mochte vergangen sein , als sie endlich Geräusch vernahm ... Es waren die Schritte eines Mannes , der sich vorsichtig näherte ... Die Thür wurde aufgeschlossen ... Auch ohne Licht sah ihr an die Dunkelheit inzwischen gewöhntes Auge ihren - fraglichen Retter vor sich stehen . Eine Weile erst wie prüfend sie anstarrend bedeutete er sie , jedes Geräusch zu vermeiden ... Im Hause wäre alles im Glauben , sie müßte sich irgendwo versteckt haben . Wenn sie nicht um Mitternacht , bis wohin er wiederkehren würde , von einem näher von ihm bezeichneten Fenster an einer Strickleiter hinuntersteigen wollte , würde sie erst am folgenden Tage entfliehen können , wenn vielleicht Kratzer ausginge und Frau Hanne in der Küche beschäftigt wäre . Das Hausthor wäre bis dahin heute verriegelt und der Schlüssel von Kratzern selbst schon abgezogen worden ... Ein Steigen über die Mauer war der wachsamen Hunde wegen nicht möglich ... Nimmermehr ! rief Lucinde . Ich muß fort ! Fort ! Sogleich ! Sie erbebte bei dem Gedanken , wie sie ihr Ausbleiben im Kattendyk ' schen Hause entschuldigen sollte ... Bickert , der plötzlich eine ganz andere , auffallenderweise mit französischen Brocken gemischte Sprache redete , als vorhin und als sie auch auf dem St.-Wolfgangberg von ihm gehört zu haben sich erinnerte , Bickert erklärte , dann wäre kein anderer Ausweg möglich , als hier durch die unterirdischen Gänge ... Die Schlüssel hätte er , sagte er ... Wollte sie , so könnte er sie an die nächste Oeffnung führen , durch die sie vielleicht ins Freie käme ... Mais - nun wandte er sich mit einer drohenden Geberde , ergriff ihren Arm und sah ihr mit aufgerissenen Augen ins bleiche Antlitz ... Seid ruhig ! antwortete sie . Rettet mich und ich schwöre Euch Verschwiegenheit ! ... Dann wiederholte sie , wie sehr sie Eile hätte ... Schaudernd blickte sie in die Tiefe , die sie wie ein Grab anstarrte ... Fürchten Sie sich nicht ! wiederholte Bickert . Aber schwören sollen Sie mir unten am Muttergotteskreuzweg , daß Sie mich nicht denunciren ! Am Muttergotteskreuzweg ? wiederholte Lucinde ... In einer guten halben Stunde sollen Sie so gut naß werden , wie jetzt jeder andere draußen - schon wieder regnet es - Lucinde bemerkte erst jetzt , daß sie bei all diesen Momenten des Schreckens ihr völlig unbewußt sowol den alten Regenschirm , der Veilchen gehörte und leicht eine Entdeckung hätte herbeiführen können , wie die Druckermappe krampfhaft in den Händen festgehalten hatte ... Bickert wollte wissen , wie sie zu dem Pater käme , und lachte höhnisch und zweideutig ... Aber bei alledem gingen sie schon vorwärts ... Er voran ... Lucinde nahm die Frage nach dem Pater nur insoweit auf , als sie sich erkundigte , was mit ihm geschehen wäre ... Sie haben ihn au collet genommen , sagte Bickert , sie haben ihn in den Wagen gesetzt , monsieur le commissaire nebenan und so um die Stadt herum ! Ich denke , sie fahren ihn in sein Kloster zurück , von wo er hergekommen . Pst ! ... unterbrach er sich selbst , blieb stehen und horchte auf , als wenn sie gestört werden könnten ... Lucinde hielt sich an der feuchten Mauer ... Ich will Ihnen lieber etwas zu soupiren bringen , sagte er nach einer Weile ; und auch einen alten Mantel ... Sie werden Angst kriegen vor - vor - und bleiben die Nacht lieber hier - Wovor Angst ? Nimmermehr ! hielt ihn Lucinde zurück ... Ich fürchte nichts ! Bickert untersuchte seine Schlüssel und tastete vorwärts ... Mit einem Streichhölzchen machte er Licht und zündete eine kleine Laterne an , die er aus der Tasche zog ... Rings sah man , wie in einem Bergschacht , nur feuchte Wände ; doch konnte man bequem und aufrecht stehen ... Inzwischen ging Bickert wieder voran ... Lucinde folgte klopfenden Herzens ... Plötzlich hielt er inne und sagte mit fürchterlicher Drohung : Mais - : Wissen Sie , daß Sie mein Verderben ganz allein gewesen sind ? Lucinde wich entsetzt zurück ... Sie haben mir ' s in den Kopf gesetzt ... o mon Dieu ! Ich war auf einem so räsonnablen Wege ... Fast die Zähne knirschend stand er mit geballter Faust vor ihr ... Lucinde blieb starr und sprachlos ... Ein Gefühl der Erlösung sprach sich erst in einem laut ihr entschlüpfenden Ah ! aus , als Bickert im Gehen fortfuhr : Und das Beste ist , der Pfaffe aus St.-Wolfgang ist hier , und ich komme neulich in seinen Confessional und sag ' ihm alles . Ich selbst ! Sapristi ! Lucinde hörte nur , ohne zu verstehen ... Aber ich erhielt mon fait ! Ich hatte in Frankreich zwanzig Jahre Galeere ! Warum blieb ' ich nicht räsonnabel ! Lucinde blieb hinter dem entsetzlichen Menschen zurück . Sie überlegte , ob sie folgen konnte ... Courage ! Courage ! rief er . En avant ! Das erste mal hatt ' ich auch noch keine Courage ! Die Ratz meinen ' s besser als sie aussehen ! Stoßen Sie sich nicht ! Warten Sie ! Das