schien seine Dienstbereitwilligkeit im allerglänzendsten Lichte zeigen zu wollen ... Lucinde kämpfte vor Spannung und Furcht gegen ein Ohnmächtigwerden ... Geh ' nach unten ! rief Kratzer ... Hanne ! Hanne ... Ich suche oben ! Licht ! Auch die Hanne antwortete mit einer lauten Lache ... Der Commissär versicherte dazwischen , seinen Augen trauen zu dürfen ... er hätte Niemanden hinausgehen sehen ... Glücklicherweise klang diese Stimme noch ziemlich entfernt ... Nahe aber , ganz nahe sprach in dem landesüblichen , fast künstlich betonten und Lucinden nicht geläufigen Dialekt der Knecht des Profeßhauses fortwährend durcheinander . Sie verstand nur : Hier vielleicht ! Da ! Im Ratzenfange ! ... Dann tappte Jemand die Treppe niederwärts und ringsum verbreitete sich ein Lichtschimmer ... Lucinde ließ , jetzt sich ergebend , den Feind näher kommen , immer näher ... sie machte sogar ein leises Geräusch , nur um ihn vollends niederwärts zu locken . Auf diese Art brachte sie ihn dicht an die verschlossene Kellerthür . Wie er jetzt triumphirend vor ihr stand , jauchzte ihr Herz auf , es war ihr kein Zweifel mehr : Es war der Leichenräuber ! Derselbe halb verschmitzte , halb stumpfsinnige Ausdruck des Antlitzes ! Dieselben lauernden Mienen , wie damals unter dem Nußbaum , als Bonaventura die Grabrede sprach ! Ha , ha , ha ! lachte der Ankömmling grell auf ... Aber mit dem Rufe : Bickert ! sprang sie dem sich zu einem Triumphgeschrei , das alle herbeilocken sollte , eben Anschickenden entgegen ... Da hielt der Mensch inne ... Schon der Anruf seines Namens entsetzte ihn ... Dieb ! Leichenräuber ! Kennt Ihr mich nicht mehr aus St.-Wolfgang ? fuhr sie mit tonloser , aber energischer Stimme fort ... Der Verbrecher taumelte zurück ... Er erkannte auch die Verkleidung ... Geht hinauf ! fuhr Lucinde mit unterdrückter Stimme , doch fest und bestimmt fort . Sprecht , hier wär ' ich nicht ! Oder ich rufe laut Euern Namen , Euer Verbrechen ! Ich reiß ' Euch mit ins Verderben ! Fort ! Der Mensch taumelte wie angedonnert zurück und stammelte helllaut hinaus ein wiederholtes : Da - ist - niemand ! Da nicht - da ist niemand - Nun hörte man die Stimme des Assessors , hinter ihm den Ruf des Commissärs : Ist denn also unten ein Ausgang ? Bewußtlos halb vor Freude , halb vor erneuter Furcht sank Lucinde an die Kellerthür und halb auf den Fußboden zurück . Sie wußte nicht mehr , wo sich halten ... So lag sie einige Secunden ... Daß dann Schlüssel rasselten , hörte sie ... daß eine Thür aufflog , daß sie plötzlich von tiefster Finsterniß umgeben war , daß sie die eine Hand ausstreckte , um sich zu halten und nur die Thür wieder faßte , die ebenso schnell wieder zugedrückt und geschlossen wurde ... alles das war ein einziger bewußtloser Augenblick . Erst das Gefühl , der nächsten Gefahr entronnen zu sein , rief ihr die entschwundenen Lebensgeister zurück . Sie hätte aufjubeln mögen vor Freude , aber auch sich ausweinen in Thränenströmen vor Jammer der Seele , von den Thorheiten ihres Herzens getrieben , sich in solche Lagen gewagt zu haben ... Rings um sie her blieb alles dunkel und still ... Eine dumpfe , feuchte Luft wehte sie aus der Tiefe an ... Bei einigen Schritten , die sie , sich langsam erhebend und behutsam tastend , versuchte , bemerkte sie , daß sie sich beim Anfang niederwärts gehender steinerner Stufen befand ... Daß sie vor der nächsten Gefahr , in ihrer Verkleidung erkannt zu werden , jetzt geborgen war , schien ihr bei der Verschmitztheit Bickert ' s fast gewiß zu sein . Wie aber , wenn sie nur der einen Gefahr entronnen war , um einer andern entgegenzugehen ? ... So in diesem Dunkel und im Beginn jener unterirdischen Gänge , von denen sie so oft gehört hatte , kam sie durch eine nahe liegende Gedankenverbindung auf die Vorstellung des Lebendigbegrabenwerdens . Sie sah sich selbst in jenen Leichentüchern , die einst ein Räuber entweihte , den gerade ihre wühlerische und unruhige Phantasie verführt hatte , in ihnen Schätze zu suchen . Wie , wenn sie der Verbrecher , der die Entdeckung fürchtete , aus Rache , mindestens aus Furcht nicht mehr ins Leben zurückließ ? Wenn sie ohnmächtig und vergeblich an dieser Thür rütteln müßte ? Wenn sie hier den Tod der Verzweiflung sterben sollte , schon am Ende ihrer - die dunkelste Zukunft ihr schon immer zu bergen scheinenden Lebensbahn ? Eine Gefahr des Augenblicks konnte Lucinden ganz beherrschen , wie jedes andere zagende Weib . Hatte sie aber Zeit , sich erst auf eine Gefahr zu rüsten , so lag völliges Verzweifeln nicht mehr in ihrer Natur . Auch gleich das Schlimmste festzuhalten war nicht auf die Länge ihre Art , wenn auch sogleich im ersten Schrecken höhnisch alle Dämonen sie anlachten , die im Benehmen der Menschen gegen uns und noch mehr in den Situationen , namentlich für die , die nicht das beste Gewissen haben , liegen können . Sie malte sich aus , was draußen geschah . Man wird mich vergebens suchen , die Polizei entfernt sich mit Klingsohrn - das Bellen der Hunde hörte sie - Kratzer wird Befehl erhalten , die Haussuchung fortzusetzen , Bickert wird meine Entdeckung fürchten und vielleicht mein Bundesgenosse werden , vielleicht aber auch ... Wieder befiel sie Furcht ... Unter der Blouse war sie glücklicherweise warm gekleidet . Kühl fühlte sie sich nur angeweht , so lange sie erhitzt blieb . Ihre Stirn trocknete sich allmählich , sie gewöhnte sich an die Luft , die sogar über die steinernen Stufen von unten her wärmer heraufströmte . Schon entdeckte sie , daß man etwa mit acht Stufen im Beginn eines ausgemauerten Raumes war , der auch noch einen andern Ausgang haben konnte ; denn unten umhertastend fühlte sie wiederum neue Stufen . Es lag hier jene Oeffnung , die in den Hof ging