sich eine lebhafte Erörterung entspann , die jeden Augenblick durch das Eintreten des Assessors auch zu ihr konnte unterbrochen werden . Ihre Lage war so verzweifelt , daß sie sich mit unwillkürlicher Ideenverbindung in ihren schrecklichsten Lebensmoment zurückversetzt fühlte , den , wo sie einst bei den Worten : » Johanna geht , und nimmer kehrt sie wieder ! « den höhnischen Beifall eines versammelten Publikums vernahm ... Mit den lauten und absichtlich betonten Worten : Das Gepäck eines Bettelmönchs , meine Herren , ist leicht ! trat Klingsohr der Thür näher , gleichsam um zu verhüten , daß man die Kammer betrat ... Man verhaftet ihn ! sagte sie sich zitternd ... Er muß den Wagen besteigen ... Mit dieser schneller gedachten , als sich selbst ausgesprochenen Vermuthung , hatte Lucinde den Muth - oder die Furcht , die Thürklinke noch einmal leise niederzudrücken und auf den Corridor mit einem hurtigen Blick hinauszuspähen . Im selben Moment kam Joseph mit der neu angezündeten Laterne . Der Commissär wandte ihm das Antlitz zu , ging ihm sogar einige Schritte entgegen . Nun hielt sie keine Besorgniß zurück . Mit einem einzigen Sprunge war sie aus dem Zimmer , huschte den Gang hinunter , tiefer in die vom sich annähernden Lichtstrahl nicht getroffene Dunkelheit hinein und hielt sich augenblicklich , ohne das Geräusch , das sie bei alledem hatte machen müssen , fortzusetzen , in der Thürböschung einer der andern Zellen ... Fest angedrückt harrte sie der Dinge , die kommen würden . 11. Im Leben der Seele ist es eine eigene Erfahrung , daß sie in Momenten ihrer höchsten Anstrengung Erleuchtungen wunderbarer Art erlebt . Wie vorhin Lucinde in schwindelnder Angst das Lachen eines Theaters hörte , wie hundert Vorstellungen vom Schicksal Klingsohr ' s , dem zerstörten Plane seiner Flucht , ihrer eigenen Gefahr , dem nun gewissen neuen Herabsturz von der Höhe , auf der sich ihr Lebensschicksal befand , ja der sofortigen Gewißheit , ein Opfer Nück ' s zu werden , ihr Inneres fiebernd durchliefen , sah sie plötzlich nichts weiter vor sich , als den Tag , wo sie im vorigen Jahre den St.-Wolfgangberg hinauffuhr , die Stunde und den Moment , wo der Knecht aus dem Weißen Roß am Fuß der Maximinuskapelle vor ihr herging und lauernd von dem Begräbniß des alten Mevissen in St.-Wolfgang sprach . Denn als sie aus der Thür auf den Corridor hinausgespäht hatte , fiel gerade der Schein der von dem Knecht hochgehaltenen neu wieder angezündeten Laterne so grell auf seine Züge , daß sie im Moment des Hinausschlüpfens sich sagte : Das ist ja jener Knecht , der den Sarg erbrochen hat ! ... Ebenso schnell wußte sie den Namen Bickert und ebenso schnell baute sie auf diese Entdeckung , deren Wahrscheinlichkeit wuchs , einen Plan der Rettung . Noch schien man , mit der Verhaftung Klingsohr ' s beschäftigt , ihrer nicht wieder gedacht zu haben . Von Secunde zu Secunde , wo sie es wagen zu dürfen glaubte , machte sie einige Schritte weiter zu einer nächsten Thür , an die sie sich andrückte . Glücklicherweise waren diese Zimmer ohne Bewohner . So lebendig es auch inzwischen im ganzen Profeßhause geworden war , so zahlreich am entgegengesetzten andern Ende des Corridors Neugierige aus den Zellen kamen und einer gewaltsamen Abführung des Paters Sebastus mit Staunen zusahen , in ihrer nächsten Umgebung blieb es still . Schon war sie an einer Stiege angekommen , die einen Stock höher ins Dach , hinunter ins Erdgeschoß führte ... Eben zögert sie , ob sie den letztern Weg wählen soll oder nicht , eben sieht sie Klingsohrn aus seinem Zimmer schreiten , barfuß , barhaupt , ohne andere Habe , als die Kratzer , in ein Bündel zusammengelegt , hinter ihm herträgt ; da scheint plötzlich die ganze Aufmerksamkeit von fünf Menschen zu gleicher Zeit auf die Erinnerung an sie allein gerichtet zu sein ... Das Herausschreiten aus der Zelle Nr. 16 war nun schon ein Suchen nach ihr ... Die Worte : Noch ein Bursche war da ? Wo ? Wann ? Noch eben hier ? Niemand ist doch hinausgegangen ! schollen durcheinander . Das Offenstehen der zweiten Thür wurde ebenso schnell als Zeichen heimlicher Entfernung erkannt und nun war sie schon mit behendem Fuß die abwärts führende Treppe hinunter ... Die nachkommenden Schritte , das Suchen der Rufenden hörte sie , als drohte ein Welteinsturz ... Herr von Enckefuß gebot mit lauter Stimme , alle Ausgänge zu besetzen ... Ihr klang es wie Todesurtheil . Der Commissär fing an , rasch nacheinander alle Klinken der oben liegenden Zellen niederzudrücken ... Wie ein laufendes Gewehrfeuer klang es ... Kratzer ' s Ehre war im Spiel . Klingsohr hatte versichert , daß der Bursche nicht mehr bei ihm war . Lucinde lag an die Mauer gelehnt . Ein kalter Schweiß trat auf ihre Stirn ... Die Stiege brachte sie offenbar vollends ins Verderben , denn unten war der Raum abgeschlossen . Die einzige Thür , die in ein Souterrain führte , wich keiner der Anstrengungen , die sie machte , sie zu öffnen . Sie mußte zurück , mußte ihren Verfolgern in die Hände fallen ... Schon hörte sie Schritte und mit Verzweiflung warf sie sich wieder auf die Vorstellung : Käme jetzt der Knecht ! Wär ' es wirklich jener Bickert ! Könnte , müßte er dich nicht retten ? ... Er trägt die Schlüssel ! Ich höre sie klirren ! Oeffneten sie vielleicht diese Thür ? ... So stand sie mit glühenden Augen , krampfte sich mit der einen Hand an die Lehne der Treppe und blickte von der untersten Stufe empor , um , wenn wirklich der Knecht kommen sollte , ihn mit der andern festzuhalten . War er es , schaffte er nicht Hülfe , so riß sie ihn mit ins Verderben ... Ja , die groben Fußtritte des Knechts waren es , die immer näher kamen ... Er fluchte und tobte laut , lachte ,