letzte Tisane zu verschreiben . Egon schritt die große Treppe empor . In seinen Erinnerungen setzte sich die Vergangenheit Steinchen an Steinchen wieder musivisch zusammen . Die von der Sonne erhellten Zimmer thaten ihm außerordentlich wohl . Er fühlte sich so kräftig , daß er , als der Sanitätsrath sich empfohlen und die Nachmittagsfahrt nach dem königlichen Schlosse Solitüde ausdrücklich noch einmal bis auf die kleinsten Punkte eingeschärft hatte , Louis fast im Begriff war , zu bitten , er möchte ihn über den Pavillon , über Helene aufklären , ja wenn es nicht Louis gewesen wäre , der seine Befehle erst an die Diener überbrachte , wer weiß , ob er nicht augenblicklich das Wiedersehen mit einem Wesen gefeiert hätte , das durch eine einzige kurze Phantasmagorie seine ganze Einbildungskraft wieder beherrschte . Es ist die Gräfin gewesen , sagte ihm Louis aufrichtig . Sie harrte vielleicht des Augenblickes , wo du im Garten dich zeigen solltest und entschlief oder träumte wachend von dem Glück , dir nahe zu sein . Es war nicht ganz wahr , als Egon darauf erwiderte : Ich kann sie noch nicht sehen . Ich fühle mich noch nicht stark genug , ihre Freude zu ertragen . Indem fiel sein Auge auf eine in seinem künftigen Arbeitszimmer auf einem großen grün verhangenen Tische aufgestellte kleine Galerie alter Brustbilder mit schwarzen oder verblaßten goldnen Rahmen . Was sollen diese Bilder ? fragte er erstaunt . Schon lange , antwortete Louis , harrt diese kleine Galerie des Augenblicks , wo du in ihnen die letzten Reste des Andenkens an deine Mutter begrüßen würdest , mein Freund ... Und mit diesem Anblick , mit diesen erläuternden Worten fiel es wie Schuppen von Egon ' s Geiste . Gott im Himmel ! rief er , diese Bilder ... da ist ... träum ' ich ? Wach ' ich ? Ja , ja , - Das war ' s , worauf ich in der Nacht des Fiebers schon einmal fiel ... da , da ist es ja - dies runde Pastellgemälde ... Es ist ja das Bild , das vielersehnte Bild meiner Mutter ! Louis erzählte , was er von der Übergabe dieses von Egon mit Leidenschaft aufgehobenen und von allen Seiten betrachteten Bildes durch Schlurck wußte . Auch von dem Geheimniß dieses Pastellbildes hatte er ja schon früher etwas vernommen , war aber über die ferneren Schicksale desselben im Unklaren geblieben ... An diesem Bilde , Freund , ist ein Geheimniß ! bestätigte Egon , kaum Louis ' Worten folgend . Ich fasse nun Alles - ich finde mich zurecht - Louis sieh , sieh her ... findest du etwas an dem Rahmen dieses Bildes ... es ist schwerer , als es dem äußern Anschein nach sein könnte - es muß eine geheime Feder haben - ich beschwöre dich - erfinde , rathe , hilf ! Ich bin fast unvermögend , meine Überraschung auszubeuten ... Louis sah mit Beklommenheit , daß Egon aus den Aufregungen nun nicht mehr herauskam . Er bereute fast , daß er es so mit dieser Galerie angeordnet hatte . Nach dem Spaziergange im Garten sollten ihn die Bilder erfreuen . Den Zwischenfall mit dem Pavillon hatte er nicht berechnet . Er bat den Freund , sich in Alles gelassener zu finden und von dem Bilde gleich abzustehen ... O ich fühle mich stark , rief Egon . Wo war ich ? Gerechter Gott , das Alles verschwamm in Nebel ! Ich muß wieder Menschen sehen , ich muß hören , sprechen , anknüpfen an das Leben ... Führe mich in die Welt , Louis ! Louis sagte mit Zögern , daß er gehofft hätte , ihm heute einige Personen , die schon öfters nach ihm gefragt hätten , vorzuführen ... es stünden mehre im Vorzimmer ... aber er wage nicht ... in dieser Aufregung , in diesem steten Wechsel der Eindrücke ... Führe sie herein ! rief Egon . Wer will mich sprechen ? Wer ist da ? Ich muß Menschen sehen ! Menschen umarmen ... Damit legte er das so werthvolle , abenteuerliche Bild auf die grüne Decke , ging selbst an eine Seitenthür und öffnete . Herein ! herein ! rief er muthig und kraftvoll . Ich lebe wieder ! Kommt ! Ich habe das Licht der Sonne empfunden , ich habe den Duft der Blumen eingesogen . Kommt , Menschen ! Kommt ! Ich bin genesen . Drittes Capitel Alte Bekannte Egon suchte aber die Menschen nur , weil er den Moment , nun wirklich das von ihm mit so vielen Abenteuern gesuchte Bild zu besitzen , nicht ertragen konnte . Das Bild öffnen , nach seinem Inhalte forschen , er hätte es jetzt nicht vermocht . Er bedurfte eines Anhaltes an etwas , was ihm erst Beruhigung bot . Er glich in diesem Augenblicke jenen Menschen , die nicht im Stande sind , ein Gefühl mächtig und voll auf sich wirken zu lassen ; Menschen , die weinen , wo sie lachen , lachen , wo sie weinen sollten ; Menschen , die einen geliebten Freund , das Theuerste auf Erden , das ihnen lange entrissen war , nicht sofort wieder zu sehen vermögen , sondern in einen Winkel flüchten , wenn Alles dem Ersehnten schon in den Armen liegt , ihn herzt und küßt ; in dem Winkel still für sich weinen , weil ihr Herz nicht im Stande ist , eine so furchtbare Erschütterung wie ein der menschlichen Kraft Mögliches zu erleben und das Unglaubliche wie wirklich zu ertragen . Nur um sich von dem Schrecken , das Bild zu sehen , es wirklich überschwer zu finden , das Geheimniß seiner Mutter nun , er wußte nicht wie , in Händen zu haben , zu sammeln , riß Egon die Thür auf und rief : Wer begehrt nach mir ? Der Erste , der eintrat , war ein schlichter gesundblickender , heiterer , frischer Naturmensch . Aus diesem Auge strömte Waldluft , strömte Erkräftigung . Freude und