erstickte ihn fast , seine Brust durchglühte tiefe ritterliche Verehrung für diese anbetungswürdige Frau . Wie sonderbar — Agathe sah sich schon beinahe am Ende ihrer Kraft , nun das wahre Leben doch erst beginnen sollte . Sie war oft entsetzlich müde : bei weiteren Wegen in der Stadt wußte sie plötzlich gar nicht mehr , wo sie sich befand und vermochte sich nur mit der größten Anstrengung zu besinnen . Dann kam ihr das Straßentreiben , an das sie doch von Kindheit auf gewöhnt war , unheimlich fremd vor , die Häuser und die Schilder an den Läden , als habe sie sie niemals vorher gesehen und die Menschen wie Maschinen , die nicht aus eigenem Willen gingen und sich bewegten , sondern von irgend einem geheimnisvollen Mittelpunkt aus geleitet , seelen- und leblos an ihr vorüberschnurrten und glitten . In dieser Zeit erfuhr Agathe , ein junger Mann aus ihrem Kreise liebe sie . Er warte nur auf eine Anstellung als Richter und wolle dann um sie anhalten , sagten ihr die Freundinnen , und die hatten es von seiner Mutter . Seine Neigung war verschwiegen und bescheiden . Schon jahrelang kannte ihn Agthe , war ihm immer freundlich begegnet und hatte nie geahnt , daß in ihrer Nähe ein ernstes , ausdauerndes Verlangen nach ihrem Besitz lebte . Der Gedanke war ihr unerträglich . Er empörte sie . Kein Funke von Mitleid erwachte in ihr — sie behandelte den jungen Mann von dem Augenblick an mit eisigem Hochmut . Er wurde irre an ihrem Charakter , sie schien ihm Freude an der Grausamkeit zu haben . Aber das war ihr gleichgültig , denn er beleidigte sie . Er sollte sich nicht unterstehen , sie zu lieben — er sollte sich nicht mit seinen Träumen in den Zauberkreis wagen , der um sie und den Einen gezogen war , dem ihr Herz gehörte . “ Gestern bin ich in den Anlagen der Daniel begegnet ” , sagte Referendar Dürnheim , “ ist die aber abgefallen ! Die Treppe bei dem chinesischen Tempelchen kam sie herauf , hielt sich am Geländer und schleifte sich nur noch so vorwärts . Was hat denn die ? ” “ Nichts mehr hat sie , ” wurde ihm geantwortet , “ mit ihr und Lutz soll ' s aus sein . ” “ Ach so — na — wegen dem . . . ” “ Er spricht ja jetzt vom Heiraten . ” Ein lautes Gelächter folgte . “ Der eignet sich auch schon zum Ehemann ! ” “ Die alte Schweidnitz — die exaltierte Person , läuft ihm ja nach wie ' ne Wahnsinnige . ” “ Das war doch kostbar , als er die Villa beschrieb , die er mit ihrem Gelde bauen wollte , wenn er sich entschließen könnte . . . . Da hätten Sie dabei sein müssen . Ein famoser Kerl . . . ” Der Sprecher wurde angestoßen . Agathe Heidling war in der Nähe . Vor jungen Damen redete man doch nicht in dem Ton . Sie hatte den Ton gehört . Diese widerwärtigen Männer ! — — Nein — die Schwester von Lutz war Fräulein Daniel doch wohl nicht . Aber eine Schauspielerin konnte sich unmöglich eingebildet haben , sein Weib werden zu wollen . . . . die selbst erzählt hatte , daß sie mit einer Wandertruppe auf den Dörfern herumgezogen war und mit dreizehn Jahren den alten Moor gespielt hatte — die sich schminkte und von wer weiß wie vielen Männern alle Abende vor dem Publikum im Arm gehalten und geküßt wurde . . . . . . Die war doch kaum als ein richtiger Mensch zu betrachten — als ein Mensch wie Agathe selbst . Es kam ein Sonntag , an dem Eugenie in der Breiten Straße mit Herrn von Lutz verabredete , ihn zum Kaffee bei sich zu erwarten . Und wenn es nicht ein bedeutungsvolles Merkmal war , daß der Maler , der für das Wesen und die Formen der bürgerlichen Provinz-Eleganz stets eine lächelnde Verachtung zeigte , sich ihr in diesem Falle soweit anbequemte , zwischen zwölf und ein Uhr mittags der Breiten Straße seine Gegenwart zu gönnen — dann wußte Agathe nicht , welche Zeichen sie sonst noch erwarten sollte . Eugenie gab ihr recht . — — Wie oft , seit Ada sich für Kain mit grünen Blättern kränzte , haben Mädchen vor klaren Bächen und Metallplatten , vor venezianischen Krystallen und zerbrochenen Scherben gestanden . . . . Wie oft haben sie selig und zweifelnd , in zaudernder Unsicherheit oder lächelndem Selbstbewußtsein sich für den Geliebten geschmückt . . . . Und wie oft haben sie fehlgegriffen in der Bangigkeit ihres Herzens — den Schmuck gewählt , der dem unbekannten Geschmack des erwarteten Gebieters am wenigsten zusagte ! Wie schwer ist die Wahl zwischen dem schönsten Anzug und dem kleidsamsten — zwischen Putzsucht und Eitelkeit . Und er soll ja nicht ahnen , was man für ihn gethan — das Festlichste soll alltägliche Gewohnheit scheinen . Aber die Hand bebt und Flimmerfunken tanzten vor den Augen — warum fällt heute — nur heute , das Löckchen am Ohr so absichtlich — warum will an diesem einzigen von allen Tagen die Schleife nicht gelingen ? — — Schon standen die Mokkatäßchen geleert auf Eugenies silberglänzendem Kaffeetisch — der Hauptmann und der Fähnrich rauchten — Walter rauchte — Eugenie hielt eine Cigarette zwischen den Fingern und Agathe saß still und steif , die Hände im Schloß gefaltet . Der Hauptmann schlug einen gemeinsamen Spaziergang vor — Lutz war noch nicht erschienen . Die Herren empfahlen sich . Agathe blieb zum Abend bei den Geschwistern . Nach Mitternacht mußte sie doch endlich gehen . Nun war es wohl zu Ende . Er hatte sein Bild nach Paris absenden wollen , der Tischler ließ ihn im Stich — es war der letzte Termin zur Annahme bei der Jury — er hatte es selbst packen und am Sonntag Nachmittag zur Bahn