daß der Besitzer sich so wenig darum kümmerte , wie es hier der Fall war . Wilicza hatte von jeher der einheitlichen und einsichtsvollen Leitung entbehrt ; der verstorbene Nordeck war eben nur Spekulant und hatte als solcher sein Vermögen erworben . Den Großgrundbesitzer zu spielen verstand er weder in gesellschaftlicher noch in praktischer Hinsicht ; er war fast gänzlich von seinen Beamten abhängig . Der Sorge für die einzelnen Güter und Vorwerke wußte er sich durch Verpachtung derselben zu entledigen ; sie befanden sich noch jetzt in den Händen verschiedener Pächter , nur Wilicza selbst , sein eigener Wohnsitz , wurde davon ausgenommen und der Verwaltung eines Administrators übergeben . Der Hauptreichtum der Güter aber bestand in den ausgedehnten Forsten , die fast zwei Drittel der ganzen Herrschaft einnahmen und ein ganzes Heer von Forstleuten zur Aufsicht nötig hatten . Sie bildeten einen eigenen Verwaltungszweig für sich , und aus ihnen hauptsächlich stammten die riesigen Einnahmen , die dem Besitzer zuflossen . Der Vormund des minderjährigen Erben , der nach dem Tode Nordecks an dessen Stelle trat , hatte die sämtlichen früheren Einrichtungen bestehen lassen , teils aus Pietät für den Verstorbenen , teils weil er sie für durchaus zweckmäßig hielt . Herr Witold war ein ganz vortrefflicher Landwirt für das nicht sehr bedeutende Altenhof , das er selbst bewirtschaftete und wo alle Kleinigkeiten durch seine Hände gingen . Den großartigen Verhältnissen Wiliczas zeigte er sich in keiner Weise gewachsen ; ihm fehlte jeder Ueberblick , jeder Maßstab dafür . Er glaubte seiner Pflicht im vollsten Maße nachzukommen , wenn er die vorgelegten Rechnungen und Belege , die er natürlich auf Treue und Glauben hinnehmen mußte , sorgfältig prüfte , die eingehenden Summen gewissenhaft im Interesse seines Mündels anlegte und im übrigen die Beamten schalten und walten ließ , wie es ihnen beliebte . Einen andern Besitzer hätte diese Art der Bewirtschaftung vielleicht ruiniert , dem Nordeckschen Vermögen konnte sie allzu großen Schaden nicht zufügen , denn wenn dabei auch Tausende zu Grunde gingen , so blieben immer noch Hunderttausende übrig , und die großen Einkünfte der Herrschaft , von denen der junge Erbe nur zum kleinsten Teile Gebrauch machen konnte , deckten nicht allein jeden etwaigen Ausfall , sondern ließen auch das Vermögen selbst immer mehr anschwellen . Daß die Güter unter solchen Verhältnissen nicht das werden konnten , was sie in tüchtigen Händen geworden wären , stand fest , aber danach fragte der Vormund wenig und der junge Nordeck that es noch weniger . Er war sogleich nach seiner Mündigkeitserklärung auf die Universität und später auf Reisen gegangen und hatte Wilicza , das er überhaupt nicht zu lieben schien , seit Jahren nicht betreten . Das Schloß selbst stand im schärfsten Gegensatz zu den Edelsitzen der Nachbarschaft , die mit wenigen Ausnahmen kaum den Namen von Schlössern verdienten , und wo oft genug ein gewisser äußerer Glanz , den man um jeden Preis festhalten wollte , den Verfall und die Verkommenheit nicht zu decken vermochte . Wilicza verleugnete auch in seiner äußeren Erscheinung nicht den alten Fürsten- und Grafensitz , der fast zwei Jahrhunderte überdauert hatte . Es stammte noch aus der Glanzzeit des Landes , wo die Macht des Adels mit seinem Reichtum Hand in Hand ging und seine Wohnsitze die Schauplätze einer Pracht und Ueppigkeit waren , wie sie unsre Zeit kaum mehr kennt . Das Schloß konnte nicht eigentlich für schön gelten und hätte vor einem künstlerischen Auge schwerlich Gnade gefunden . Der Geschmack , der es schuf , war unleugbar ein roher gewesen , aber es imponierte doch durch die Massigkeit seiner Formen und die Großartigkeit der ganzen Anlage . Trotz all der Veränderungen , die es im Lauf der Jahre erfahren hatte , war ihm sein ursprünglicher Charakter erhalten geblieben , und der mächtige Bau mit seinen langen Fensterreihen , mit dem weiten rasenbedeckten Vorplatz und dem großen waldartigen Park hob sich , etwas düster zwar , aber doch imposant aus dem Kranz der prachtvollen Wälder , die ihn umgaben . Nach dem Tode des früheren Besitzers hatte das Schloß lange Jahre hindurch einsam und verödet gestanden . Der junge Erbe kam nur äußerst selten in Begleitung seines Vormundes dorthin und blieb stets nur wenige Wochen da . Die Einsamkeit nahm erst ein Ende , als die ehemalige Herrin von Wilicza , die jetzige verwitwete Fürstin Baratowska , wieder dort einzog . Jetzt endlich wurden die so lange verschlossenen Räume geöffnet , und die äußerst kostbare Einrichtung , mit welcher Nordeck bei seiner Vermählung Zimmer und Säle ausgestattet hatte , wurde erneuert und in ihrem ganzen früheren Glanze wiederhergestellt . Der jetzige Besitzer hatte seiner Mutter die sämtlichen Einkünfte des Schloßgutes zugewiesen , für ihn nur ein unbedeutender Teil seines Einkommens und doch hinreichend , der Fürstin und ihrem jüngsten Sohne eine standesgemäße Existenz zu sichern , so weit sie auch den Begriff » standesgemäß « auffassen mochte . Sie machte denn auch vollständig Gebrauch von den Summen , die zu ihrer Verfügung standen , und ihre Umgebung und Lebensweise wurde auf einen ähnlichen Fuß eingerichtet , wie zu jener Zeit , wo die junge Gräfin Morynska als Gebieterin in Wilicza einzog und ihr Gemahl es noch liebte , vor ihr und ihren Verwandten seinen Reichtum zur Schau zu tragen . Es war im Anfang des Oktober ; der Herbstwind strich schon rauh über die Wälder hin , deren Laub sich allmählich zu färben begann , und die Sonne kämpfte sich oft mühsam durch die dichten Nebel , welche die Landschaft einhüllten . Auch heute war es erst gegen Mittag klar geworden , und jetzt schien die Sonne hell in den Salon , der unmittelbar an das Arbeitszimmer der Fürstin stieß und den sie gewöhnlich bewohnte . Es war ein großes Gemach , hoch und etwas düster , wie die sämtlichen Räume des Schlosses , mit tiefen Fensternischen und einem mächtigen Kamin , in dem bei der herbstlichen Kühle schon ein Feuer loderte . Die schweren , dunkelgrünen Vorhänge waren weit zurückgeschlagen