nachdem sie auf allen bedeutenderen Bühnen Lorbeeren und Triumphe gesammelt , jetzt an der Oper ihrer Heimathstadt die erste Stelle einnahm . Marchese Tortoni hatte Recht : sie war auch jetzt noch blendend schön , diese Frau . Das war noch der gluthstrahlende Blick , der einst „ das ehrsame Patricierblut der edlen Hansastadt so in Flammen zu setzen verstand “ , nur schien er heißer , versengender geworden zu sein . Das war noch das Antlitz mit seinem dämonisch bestrickenden Zauber , die Gestalt mit ihren plastisch edlen Formen , nur erschien alles voller , üppiger . Die Blume hatte sich zu reifster , fast überreifer Pracht entfaltet ; noch blühte sie ; noch stand ihre Schönheit im Zenith , wenn man sich auch sagen mußte , daß vielleicht beim nächsten Jahreswechsel schon die Grenze überschritten sein werde , mit der sie sich unwiderruflich ihrem Niedergange zuneigte . Die Beiden , besonders Reinhold , wurden sofort nach ihrem Eintritte von allen Seiten in Anspruch genommen . Alles drängte sich um ihn ; Alles suchte seine Nähe , seine Unterhaltung . In wenig Minuten war er bereits der Mittelpunkt der Gesellschaft geworden , und es dauerte eine geraume Zeit , ehe es ihm gelang , sich all ’ den Aufmerksamkeiten und Schmeicheleien zu entziehen und sich nach seinem Bruder umzusehen , der sich in einiger Entfernung gehalten hatte . „ Da bist Du ja endlich , Hugo , “ sagte er herantretend . „ Ich vermißte Dich bereits . Läßt Du Dich suchen ? “ „ Es war ja nicht möglich , den dreifachen Bewunderungscirkel zu durchbrechen , der Dich wie eine chinesische Mauer umgab , “ spottete Hugo . „ Ich habe dieses Wagestück gar nicht versucht , sondern erging mich in Betrachtungen darüber , welch ein Glück es doch ist , einen berühmten Bruder zu besitzen . “ „ Ja , dieses fortwährende Herandrängen ist wirklich ermüdend , “ meinte Reinhold mit einer Miene , die nichts von befriedigtem Triumphe hatte , dagegen eine unverkennbare Abspannung verrieth . „ Aber jetzt komm ! Ich werde Dich Beatricen vorstellen . “ „ Beatricen ? – Ah so , Signora Vampyr ! Muß das sein , Reinhold ? “ Der Blick des Bruders verfinsterte sich . „ Allerdings muß es sein . Du wirst nicht umhin können , ihr in meiner Begleitung oft und viel zu nahen . Sie ist schon , und mit Recht , befremdet darüber , daß es nicht bereits geschehen ist . Was hast Du denn , Hugo ? Du scheinst ja dieser Vorstellung förmlich ausweichen zu wollen , und doch kennst Du Beatrice nicht einmal . “ „ Doch , “ entgegnete der Capitain kurz . „ Ich habe sie bereits in H. im Concerte und auf der Bühne gesehen . “ „ Aber niemals gesprochen . Eigenthümlich , daß man Dich beinahe zu Dem zwingen muß , was jeder Andere als einen [ 462 ] Vorzug betrachten würde ! Du bist doch sonst stets der Erste , wenn es die Bekanntschaft einer schönen Frau gilt . “ Hugo erwiderte nichts , aber er folgte ihm ohne ferneren Einwand . Signora Biancona war , wie gewöhnlich , von einem Kreise von Herren umgeben und in lebhaftester Unterhaltung begriffen , aber sie brach diese sofort ab , als die Beiden erschienen . Reinhold stellte ihr seinen Bruder vor . Beatrice wandte sich mit ihrer ganzen Liebenswürdigkeit an den Letzteren . „ Wissen Sie , Signor Capitano , daß ich Ihnen bereits gezürnt habe , ohne Sie zu kennen ? “ begann sie . „ Rinaldo war nicht zu halten , als er die Nachricht von Ihrer Ankunft empfing . Er ließ mich höchst ungalanter Weise in M. zurück , um Ihnen entgegen zu eilen . Ich mußte die Rückreise hierher allein antreten . “ Hugo verbeugte sich artig , aber doch fremder , als er es sonst wohl vor einer Dame that , und er schien es auch nicht zu bemerken , daß die schöne Hand Beatricens sich dem Bruder Rinaldo ’ s vertraulich entgegenstreckte , wenigstens widerstand er vollständig der Versuchung des Handkusses , der wohl erwartet wurde . „ Ich bin sehr unglücklich , Signora , Ihren Unwillen erregt zu haben . Wer aber so ausschließlich wie Sie über Reinhold ’ s Nähe und Gegenwart verfügt , sollte doch Großmuth genug besitzen , ihn einmal auch für kurze Zeit dem Bruder abzutreten . “ Er sah sich nach Reinhold um , aber dieser wurde bereits wieder in Anspruch genommen . „ Ich füge mich ja auch , “ sagte Beatrice , noch immer mit bezaubernder Freundlichkeit , „ oder vielmehr , ich füge mich noch jetzt , denn seit der Zeit Ihres Hierseins habe ich Rinaldo wenig genug gesehen . Es wird wohl kein anderes Auskunftsmittel übrig bleiben , als daß ich Sie bitte , ihn zu begleiten , wenn er bei mir erscheint . “ Hugo machte eine etwas gemessene Bewegung des Dankes . „ Sie sind sehr gütig , Signora . Ich ergreife gewiß mit Freuden die Gelegenheit , die so hochgefeierte – Muse meines Bruders näher kennen zu lernen . “ Signora Biancona lächelte . „ Hat er mich Ihnen so genannt ? Freilich , der Name ist unserem Freundeskreise nicht fremd . Rinaldo gab ihn mir einst , damals , als ich seine ersten Schritte auf der Künstlerbahn leitete . Eine etwas romantische Bezeichnung , zumal für deutsche Anschauungen , nicht wahr , Signor ? Sie kennen dergleichen schwerlich in Ihrem Norden . “ „ Bisweilen doch , “ sagte der Capitain ruhig , „ nur mit einem unbedeutenden Unterschiede . Bei uns pflegen die Musen Ideale zu sein , die in unerreichbarer Höhe schweben . Hier sind es – schöne Frauen . Ein ganz unleugbarer Vortheil für den Künstler . “ Die Worte klangen wie ein Compliment und hielten genau den scherzenden Ton fest , den Beatrice selbst angeschlagen ; dennoch streifte sie mit einem raschen , forschenden Blicke