zu ihm empor ; es spielte ein reizendes Lächeln um den kleinen Mund , als sie neckend erwiderte : „ Ich glaube nicht , daß der ‚ Fremde ‘ so sehr zu beklagen ist . Er weiß es ja doch , daß ich ihm allein angehöre . “ „ An einem Festabende , wie der heutige , gehörst Du mir nicht , “ entgegnete Georg mit leiser Bitterkeit . „ Da gehörst Du der Freude , dem Tanze , den Huldigungen , die Dir von allen Seiten gebracht werden – nur mir nicht . Ich habe in der ganzen langen Zeit vor dem Walzer vergebens gesucht , einen Blick von Dir zu erhalten . Du hattest im Kreise Deiner Bewunderer keine Augen für mich . “ Der Vorwurf traf , und eben deshalb verletzte er , aber die junge Dame war nicht gewohnt , Vorwürfe von dieser Seite zu hören , und fand es höchst grausam und ungerecht , daß man ihr das heutige Vergnügen verkümmern wollte . Das Lächeln verschwand und machte einem sehr ungnädigen Ausdrucke Platz ; es schwebte augenscheinlich eine heftige Erwiderung auf ihren Lippen , als Lieutenant Wilten an der Thür erschien . „ Mein gnädiges Fräulein , “ sagte er sich eilfertig nähernd . „ Sie werden im Saale vermißt . Excellenz und die Frau Baronin haben schon verschiedene Male nach Ihnen gefragt . Ich erlaubte mir , Sie aufzusuchen – darf ich Sie zu den Ihrigen führen ? “ Gabriele . würde unter anderen Umständen den Störenfried wohl haben fühlen lassen , wie unwillkommen er war , jetzt aber war sie gereizt , ungerechter Weise verletzt , wie sie meinte , und durchaus nicht gesonnen , das geduldig hinzunehmen . Sie neigte daher das Haupt mit kühlem Gruße gegen Georg und nahm mit großer Freundlichkeit den Arm des jungen Baron an , der sie aus dem Zimmer führte , während er einen triumphirenden Blick auf den zurückbleibenden Assessor warf . Georg sah mit finsterer Stirn den Beiden nach . Diese kindische Rache kränkte ihn tiefer , als er sich eingestehen wollte , und wieder regte sich der alte quälende Zweifel , ob er denn Recht thue , dieses reizende , aber so ganz oberflächliche Wesen der [ 257 ] Atmosphäre von Glanz und Schimmer zu entreißen , für die es so augenscheinlich geboren war , um es an ein ernstes , arbeitsvolles Leben zu ketten . Gabrielens Liebe gab ihm freilich ein Recht auf ihren Besitz , aber konnte sie denn überhaupt tief und ernst lieben ? War ihr Gefühl für ihn nicht ebenso spielend und vergänglich , wie ihre ganze Schmetterlingsnatur ? Wenn sie nun unglücklich wurde an seiner Seite , oder wenn er es war im Besitz einer Frau , die all seiner heißen Liebe und Aufopferung nur Kinderlaunen entgegenbrachte ? Vielleicht bezahlten sie Beide den kurzen Liebestraum mit einem ganzen Leben voll Elend und Reue . Der junge Mann fuhr heftig mit der Hand über die Stirn ; er wollte nicht hören , was der Verstand ihm zuflüsterte , der so grausam in die Regungen des Herzens eingriff . Fast gewaltsam schüttelte er die quälenden Gedanken ab und war eben im Begriff , das Zimmer zu verlassen , als Hofrath Moser in Begleitung des Polizeidirectors eintrat . Der Erstere trug heute zu Ehren des Tages eine ganz neue Halsbinde von schneeiger Weiße , aber so riesigen Dimensionen , daß es ihm kaum möglich war , den Kopf zu bewegen , wodurch seine Haltung allerdings noch an Steifheit und Feierlichkeit gewann . Die beiden Herren waren in lebhaftem Gespräch begriffen , verstummten aber so plötzlich , als sie des Assessor Winterfeld ansichtig wurden , daß dieser nicht mit Unrecht vermuthete , er sei der Gegenstand der Unterhaltung gewesen . Die Bestätigung dieser Annahme schien auch in dem scharfen Blicke zu liegen , mit dem der Polizeidirector den jungen Beamten musterte , während der Hofrath sofort auf diesen zuschritt . „ Gut , daß ich Sie finde , Herr Assessor ! “ begann er ohne alle Einleitung . „ Ich wollte Sie ersuchen , einen Auftrag zu übernehmen . “ Georg verneigte sich leicht . „ Mit Vergnügen – ich stehe zu Diensten . “ „ Ihr Freund , der Herr Doctor Brunnow , “ der Hofrath betonte die Worte , als ob jedes derselben eine hochnothpeinliche Anklage enthielte , „ hat sich ohne mein Wissen und Willen zu meinem Hausarzte aufgeworfen . Er hat Krankheitsberichte angehört , Verordnungen gegeben und mir sogar seinen wiederholten Besuch angedroht . Ich wußte damals noch nicht , wie die Sache zusammenhing – “ „ Es war ein Mißverständniß , “ fiel Georg ein . „ Max hat mir davon erzählt . Er glaubte wirklich , daß sein ärztlicher Rath verlangt werde , und hatte keine Ahnung , in wessen Hause er sich befand . “ „ Nun , so weiß er es jetzt , “ sagte Moser mit Nachdruck , „ und ich bitte Sie , ihm mitzutheilen , daß ich ein für alle Mal auf den Rath eines Arztes verzichte , der einen so bedenklichen Namen trägt und einen so staatsgefährlichen Vater hat . Sagen Sie ihm , er möge sich für seine demagogische Umtriebe einen anderen Ort wähle , als das Haus des Hofraths Moser , der von jeher seinen Stolz darein gesetzt hat , der allergetreueste Unterthan seines allergnädigsten Souverains zu sein . Es giebt Menschen – sogar Beamte – die sich an solchen Gesinnungen ein Beispiel nehmen könnten . Es stände besser um den Staat und die Gesellschaft , wenn sie es thäten . “ Damit neigte der Hofrath den Kopf , oder vielmehr er machte den Versuch , es zu thun , da seine Halsbinde dieser Absicht Grenzen setzte , und schritt aus dem Zimmer , in dem erhebenden Bewußtsein , geradezu vernichtend gewesen zu sein . Der Polizeidirector , der bisher ein stummer Zuhörer gewesen war , trat jetzt näher . „ Sie scheinen bei unserem loyalen Hofrath ja vollständig