Trotz , mit dem er Wind und Wetter über sich ergehen ließ , einzig um ihr eine Lehre zu geben . Sie fand freilich diesen Trotz unbeschreiblich lächerlich ; sie litt doch wahrlich nicht darunter und ihr war es beinahe gleichgültig , ob er sich dadurch eine Erkältung , eine Krankheit zuzog , oder nicht , aber es reizte sie nun einmal , daß er so gelassen dastand und mitten im Sturm seinen Platz behauptete , vielleicht mit Anstrengung , aber doch behauptete , er , der eine halbe Stunde vorher noch schläfrig und fröstelnd in den Polstern des bequemen Wagens gelegen hatte und jeden Luftzug , der etwa durch die Glasfenster eindrang , peinlich zu empfinden schien . Brauchte er wirklich erst Sturm und Unwetter , um ihr zu zeigen , daß er doch nicht so ganz der Weichling war , für den sie ihn gehalten ? Arthur sah indessen nicht aus , als ob er ihr überhaupt irgend etwas zu zeigen beabsichtige ; er schien im Augenblick ihre Nähe ganz vergessen zu haben . Mit verschränkten Armen stand er da und schaute auf das Waldgebirge , dessen größten Theil man von der Höhe hier übersah . Langsam schweifte sein Auge von einer Bergspitze zur anderen , und Eugenie machte dabei auf einmal die überraschende Entdeckung , daß ihr Gatte doch eigentlich sehr schöne Augen habe . Das überraschte sie in der That , sie hatte bisher nur gewußt , daß dort unter den halbverschleiernden Lidern etwas Müdes , Schläfriges ruhe , und sich nie die Mühe genommen , es weiter zu beachten . Wenn er einmal aufschaute , so geschah es ja stets so langsam , so träge , als koste ihm der Blick eine unendliche Mühe und sei doch nicht der Mühe werth ; und doch war dieser Blick wohl werth , gesehen zu werden . Man hätte , nach dem Ausdrucke des Gesichtes zu urtheilen , unter den meist gesenkten Wimpern ein mattes kaltes Blau vermuthen sollen ; statt dessen leuchtete dort ein klares , tiefes Braun , zwar auch noch matt , auch noch leblos , aber es schien doch , als könnten diese Augen einmal aufleuchten in Energie und Leidenschaft , als sei eine längst versunkene und vergessene Welt tief hinter diesem dunklen Blick gebannt und warte nur auf das erlösende Wort , um wieder heraufzusteigen aus der Tiefe . – In der jungen [ 108 ] Frau zuckte wieder die Ahnung empor , die sie schon vorhin im Walde überkam , als er sich so plötzlich von ihr wandte , der Argwohn , als habe der Vater mit seiner Erziehung hier viel , unendlich viel verschuldet und zerstört , mehr als er je verantworten , mehr als er je wieder gut machen konnte . Sie standen beide einsam da oben auf der Höhe . Im Nebelschleier lag der Wald da , dicht umflort von den grauen Schatten , die sich bald fest an die dunklen Tannen klammerten , bald in flatternden Streifen an ihren Wipfeln hingen , bald gespenstig über den Boden hinschwebten . Und die gleichen Nebelschleier schwebten und flatterten auch über dem Gebirge drüben , bald zerreißend , bald sich zusammenballend , um die dunklen Gipfel und in den dampfenden Thälern . Es war ein Wallen und Wogen ohne Ende , ein Sinken und Steigen , jetzt als wollten Berge und Wälder sich aufthun in ihren fernsten Tiefen , jetzt als wollten sie sich verschließen vor jedem Menschenauge . Ringsum brauste der Sturm und wühlte in den hundertjährigen Tannen wie in einem Kornfelde ; ächzend schwankten die mächtigen Stämme auf und nieder ; sausend bogen sich die Wipfel , und über ihnen dahin jagten die grauen Wolken , gährende , gestaltlose Massen , in wilder regelloser Flucht . Es war ein Unwetter , wie nur je eins im Schooße des Gebirges emporstieg , und doch waren es Frühlingsstürme , die da oben brausten ! Auf diesen sausenden Schwingen kam der Frühling gezogen , nicht sonnig lächelnd wie drunten in der Ebene ; hier kam er rauh , wild und gewaltsam , aber es war doch sein Athem , der in diesem Sturme wehte , sein Ruf , der aus diesem Brausen klang . Es liegt etwas in dem Wesen der Frühlingsstürme , wie eine Verheißung all ’ des Sonnenglanzes und Blüthenduftes , der sich nun bald über die Erde ausgießen wird , wie eine Ahnung all ’ des mächtig schaffenden Lebens , das schon seine tausend Keime empor zum Lichte ringt . Und sie hörten den Ruf und antworteten ihm , die brausenden Wälder , die stürzenden Bäche und dampfenden Thäler . In diesem Brausen und Schäumen und Toben , da klang doch nur das Aufjauchzen der Natur , die nun endlich die letzten Fesseln des Winters abwarf , klang ihr Jubelruf , mit dem sie den nahenden Retter begrüßte : Der Frühling kommt ! Es ist etwas Geheimnißvolles , solch eine Frühlingsstunde , und die Sagen des Gebirges leihen ihr einen eigenen , romantischen Zauber . Sie erzählen von dem Berggeiste , der dann durch sein Reich hinschreitet und dessen Macht in einer solchen Stunde auch segnend oder verheerend in das Leben der Menschen tritt , die in diesem Reiche weilen . Was sich da findet , das gehört zusammen für immer , und was sich da trennt , das trennt sich für alle Ewigkeit . Sie brauchten sich freilich nicht erst zu finden , die Beiden auf der Höhe da oben ; sie waren verbunden durch das festeste Band , das zwei Menschen nur einigen kann , und doch standen sie sich so fern , und doch waren sie einander so fremd , als lägen Welten zwischen ihnen . Das Stillschweigen hatte bereits eine geraume Zeit gedauert . Eugenie brach es zuerst . „ Arthur ! “ Er schreckte wie erwachend auf und wandte sich zu ihr . „ Du wünschest ? “ „ Es ist so kalt hier oben – willst Du mir jetzt nicht – Deinen Mantel