heute überzeugt , daß mein Einfluß genügen wird , Euch hier frei zu machen . Ich glaube nicht , daß der Provveditore Grimani Euch mir streitig machen wird . Sein Interesse an Euch schien mir lau . Er äußerte sich gleichgültig über die Möglichkeit Eurer Beurlaubung . Wann wird Eure venezianische Kapitulation abgelaufen sein ? « – » Vor Monatsfrist , erlauchter Herr . « – » Dann ist es gut . Überlaßt mir die Vermittelung . Am einfachsten nehmt Ihr schon heute bei mir Wohnung und sendet sogleich nach Dienerschaft und Gepäck . « Hier näherte sich Wertmüller , der bis dahin im Vorgemache unsichtbar geblieben war , mit einer ingrimmigen , tragikomischen Miene , denn die von ihm scharf beobachtete Szene hatte einen gemischten Eindruck auf ihn gemacht , und meldete , der Hauptmann habe Gepäck und Leute an der Landungsmauer der Zattere zurückgelassen . Sofern ihm dieser Vollmacht gebe , werde er sie abholen . Jenatsch war in einen Fensterbogen getreten und überstreifte mit scharfem Blicke den mondbeschienenen Canal , bis in die von den Uferpalästen geworfenen tiefen Schatten hineinspähend . Aufwärts , abwärts bot die Wasserstraße das gewohnte friedliche Nachtbild . Nun wandte er sich rasch und beurlaubte sich beim Herzog , um selbst nach seiner Habe und seiner Bedienung zu sehen , welcher er , wie er sagte , strengen Befehl hinterlassen habe , keiner anderen Weisung Folge zu leisten , als seiner eigenen mündlichen . Der Herzog trat auf den schmalen Balkon und blickte , noch unter dem Eindrucke der seltsamen Vorgänge des Abends , in die ruhige Mondnacht hinaus . Er sah , wie Jenatsch eine Gondel bestieg , wie sie abstieß und mit schnellen leisen Ruderschlägen der Wendung des Canals zuglitt . – Jetzt hielt sie wie unschlüssig still – jetzt strebte sie eilig der nächsten Landungstreppe zu . Was war das ? Aus einer Seitenlagune und gegenüber aus dem Schatten der Paläste schossen plötzlich vier schmale , offene Fahrzeuge hervor und darin blitzte es wie Waffen . Schon war die Gondel von allen Seiten umringt . Der Herzog beugte sich gespannt lauschend über die Brüstung . Er glaubte einen Augenblick im unsichern Mondlichte eine große Gestalt mit gezogenem Degen auf dem Vorderteile des umzingelten Nachens zu erblicken , sie schien ans Ufer springen zu wollen – da verwirrte sich die Gruppe zum undeutlichen Handgemenge . Leises Waffengeräusch erreichte das Ohr des Herzogs und jetzt , laut und scharf durch die nächtliche Stille schmetternd , ein Ruf ! Deutlich erscholl es und dringend : » Herzog Rohan , befreie deinen Knecht ! « Sechstes Kapitel Sechstes Kapitel In einer vorgerückten Morgenstunde des folgenden Tages saß der Provveditore Grimani in einem kleinen behaglichen Gemache seines Palastes . Das einzige hohe Fenster war von reichen bis auf den Fußboden herabfließenden Falten grüner Seide halb verhüllt , doch streifte ein voller Lichtstrahl die silberglänzende Frühstückstafel und verweilte , von den verlockend zarten Farben angezogen , auf einer lebensgroßen Venus aus Tizians Schule Von der Sonne berührt schien die Göttin , die auf mattem Hintergrunde wie frei über der breiten Türe ruhte , wonnevoll zu atmen und sich vorzubeugen , das stille Gemach mit blendender Schönheit erfüllend . Dem Provveditore gegenüber saß sein ehrenwerter Gast , Herr Heinrich Waser , diesmal mit sorgenbelasteter Stirne . Er war nicht gestimmt auf die feine , über das Gewöhnliche mit Geist und Anmut hinspielende Unterhaltung seines Gastfreundes einzugehen , und hatte sogar versäumt , seinen hochlehnigen Stuhl so zu setzen , daß er dem verlockenden Götterbilde den Rücken zuwandte , was er sonst nie zu tun vergaß , denn die schmiegsame Gestalt mit dem Siegeszeichen des Parisapfels in der Hand pflegte ihn allmorgendlich zu ärgern und zu betrüben . Sie erinnerte ihn gewissermaßen an seine jung verstorbene selige Frau ; aber wie ganz verschieden war hinwiederum dieses reizende Blendwerk von der Unvergessenen , deren Seelenspiegel nie ein Anhauch von Üppigkeit getrübt und die einen ausgesprochenen Abscheu empfunden gegen alles , was sich im mindesten von sittsamer Bescheidenheit entfernte . Heute aber nahm er an der Göttin keinen Anstoß , er war weit davon entfernt sie nur zu beachten . Sein ganzes Denken war darauf gerichtet , das Gespräch auf seinen Freund Jenatsch zu bringen , ohne durch die sichere Unterhaltungskunst des Provveditore von der Fährte abgebracht und spielend im Kreise herumgeführt zu werden . Er hatte heute schon in der Frühe , wie er daheim in Zürich zu tun pflegte , einen kurzen Morgengang gemacht , was hier in dem Gäßchen- und Wasserlabyrinthe der Lagunenstadt seinen vorzüglichen Ortssinn in spannender Übung erhielt . Er hatte zuerst den durch seine weltlustige Pracht ihn täglich überraschenden Markusplatz aufgesucht und sich hierauf sinnreich durch die enge lärmende Merceria nach dem Rialto durchgefunden . Dort hatte er von der Höhe des Brückenbogens mit aufmerksamem Auge den unendlichen Handel und Wandel der meerbeherrschenden Stadt gemustert . Dann war ihm plötzlich eingefallen , hinunterzusteigen auf den nahen Fischmarkt und die eben anlangenden seltsam geformten Seeungetüme zu besichtigen . Hier fiel sein Blick auf den von Herzog Rohan bewohnten Palast und in seinem Herzen erwachte der Wunsch , den gestern zweimal nur flüchtig begrüßten Jugendgenossen zu besuchen und sich nach dessen Fahrten und Schicksalen freundschaftlich zu erkundigen . Sicher , im Palaste des Herzogs ermitteln zu können wo Jenatsch hause , und nicht ohne Hoffnung ihn dort vielleicht persönlich zu treffen , winkte er einem Gondolier , der ihn mit wenigen Ruderschlägen an die Aufgangstreppe des Palastes brachte . Da er von der Dienerschaft erfuhr , Jenatsch sei nicht hier und der Herzog beschäftigt , ließ er sich bei der Frau Herzogin anmelden . Die hohe Dame hatte ihm dann die gestrigen Ereignisse bewegt und wirkungsvoll , aber höchst unklar geschildert und dabei Andeutungen gemacht über das seinen Freund zermalmende Verhängnis , die den nüchternen Mann befremdeten und höchlich beunruhigten . Der Verhaftungsszene nächtliches Dunkel hatte sie mit der Fackel ihrer Einbildungskraft keineswegs aufgehellt ; dennoch wurde es dem klugen Zürcher sofort klar , daß Jenatsch