, ihren Gemahl an seinem Mörder zu rächen , wenn sie ihn finde , bald verlangte sie , sich in ein Kloster zu begraben ; in beiden Fällen aber gelobte sie dem toten Gatten ewige Treue . Wenn nun der Herzog nichts über sie vermochte , so war es Ludwig Ariost vorbehalten , diese leidtragende Barbara aufzurichten . Er war ein Freund Strozzis gewesen und hatte schon dessen Mutter , eine stattliche Frau , herzlich verehrt . Jetzt bemühte er sich um die Witwe seines verblichenen Freundes und suchte sie mit dem Leben zu versöhnen . Diese freundliche Aufgabe löste er in Jahresfrist so vollkommen , daß Barbara Torelli sich erbitten ließ , dem Dichter in sein neuerbautes Heim zu folgen und an seiner Seite jenes einfache Haus zu bewohnen , dessen Bescheidenheit Ariosto in einem weltbekannten Distichon gepriesen hat . Gleichgeblieben war sich auch das Gefängnis Don Giulios in dem » vergessenen « Turm , welcher von dem frühern engeren Mauerkreis als ein unzerstörbares Wahrzeichen alter Wehrkraft stehen geblieben war und später von dem wachsenden Klosterhof der Klarissen eingeschlossen wurde . Dieser fast unzugängliche Turm war selten bewohnt . Fensterlos nach dem Gäßchen , und auf der Seite des Nonnengartens von verwilderten Brombeerstauden und kletternden Schlingpflanzen bis zu seiner halben Höhe überwuchert , war er in das unbeachtete Weben der Natur zurückgekehrt . Nur selten wurde er für ungefährliche Staatsgefangene benützt , deren Andenken sich verlor und deren Dasein in dem » vergessenen « Turm vergessen werden sollte . Lange hatte sich die Oberin der Klarissen dagegen gesträubt , in den auf ihrem Gebiete stehenden Turm eine hohe Person mit unerbaulicher Legende , wie Don Giulio , eintun zu lassen . Sie kannte die Schwächen des leeren Nonnenherzens : Neugier , Mitleid , Lust an Heimlichkeiten , und fürchtete deshalb den gefährlichen Nachbar . Auch war ihr der wahre Grund der Entfernung des blinden Este aus Fenestrella nicht unbekannt geblieben . Zwar wurde ihr gesagt , die vor der Mündung des Po im Meere liegende kleine Festung sei in diesem Zeitlaufe gefährdet und werde sowohl von der Flotte des heiligen Markus , als von den Schiffen St. Petri bedroht : aber sie hatte noch eine ganz andere Geschichte in Erfahrung gebracht . Die junge Frau des Gefangenwärters , sagte man ihr , habe sich in den hübschen Prinzen trotz seiner Blindheit sterblich verliebt und ihren Mann bewogen , Don Giulio in einem Boote nach Venedig zu entführen . Darüber habe sie der Schloßvogt , ein Hauptmann aus der strengen Schule des weiland Don Cesare , überrascht und die Schuldigen , Mann und Weib , in das Meer versenkt . In ein ebenso tiefes Stillschweigen wurde jetzt das Dasein Don Giulios im » vergessenen « Turme begraben . Der Herzog hatte bei den schwersten Strafen sowohl dem Reisegefolge , als dem neuen Kerkermeister seines Bruders verboten , die Gegenwart des Gefangenen zu verraten oder auch nur seinen Namen zu nennen . Und daß die Äbtissin und der Beichtiger des Klosters , welcher auch der Don Giulios war , schwiegen wie das Grab , darum war der Herzog unbesorgt . Auch Angela schwieg von ihrer traumhaften Begegnung mit dem Blinden an der Turmpforte , als von etwas , das ihrem Herzen allein angehörte . So wurde es möglich , daß die kluge Donna Lucrezia von der Rückkehr Don Giulios nach Ferrara nichts erfuhr , auch durch den Herzog nicht , dem die Herberge des blinden Bruders eine stete Sorge war . Ihn in den Kerkern seiner Stadtburg , gleichsam unter seinen Füßen , zu verwahren , und über dem Haupte des Geblendeten ein heiteres Dasein zu führen , das brachte er doch nicht über sich . Legte er ihn aber in eine Landfestung , so war er gewiß , Don Giulios Leiden , seine Güte und die ihn umwebende Sage werde ihn bald so beliebt machen , daß ein Befreier nicht lange ausbleiben könne . Der » vergessene Turm « neben den Klarissen war seine letzte Auskunft gewesen . Hätte Lucrezia ihn über das Verbleiben Don Giulios befragt , sie würde die Wahrheit erfahren haben ; aber sie hütete sich wohl , die wunden Punkte in der Seele ihres Gemahls , den Verlust Ippolitos und den Kerker des Blinden , unnötig zu berühren . So fuhr sie fort , ohne zu ahnen , wer in ihrer Nähe wohne , sich jährlich wenigstens in der Adventszeit auf einige Tage zu den Klarissen zurückzuziehen , wohin sie Donna Angela jedesmal begleitete . Ja , diese suchte sie dort , so lange als möglich , zurückzuhalten , denn die Zusprüche des Beichtigers der Klarissen , Pater Mamette , hatten den Sturm ihrer warmen Seele auf immer beruhigt , wie auch Donna Lucrezia viel von der einfachen Seelsorge des Franziskaners hielt . Der Herzog irrte nicht , wenn er glaubte , daß das Wohl Don Giulios viele Seelen beschäftige . Nicht nur der ferraresische Dichter legte damals an der bekränzten Pforte eines der Gesänge seines » Rasenden Rolands « ein rührendes Fürwort für den im Kerker schmachtenden Blinden ein , auch ein Geringerer im Reiche der Geister ergab sich diesem mit Leib und Seele . Eines Tages nämlich erschien an dem Tore des » vergessenen « Turmes ein kleiner dürrer Greis , der unter jedem seiner Arme einen gewichtigen Folianten trug . Er legte seine Last auf die hohe Steinschwelle nieder und begann mit einem dicken Kiesel , den er aufraffte , an die stumme Pforte zu pochen . Vergeblich ! Denn diese öffnete sich nicht und inwendig rührte sich nichts Lebendiges . Der Alte setzte seine Bemühungen so beharrlich fort , daß er nicht bemerkte , wie eine kleine Schar herzoglicher Söldner in den Halbkreis des einsamen Gäßchens einlenkte , bis er von ihnen umringt und ergriffen war . Jammernd bat er um Schonung für seine Bücher , die sie mit ihren Spießen untersuchen wollten , und deckte seinen Schatz mit dem Leibe . Zu seinem Heil erschien in diesem Augenblick der Herzog hoch