Sie , ich vermöchte Sie nicht zu verstehen ? Mein liebes Kind , auch ich habe heute schon geweint . « Und der erregten leidenschaftlichen Frau lief eine stille Träne um die andere über das fieberheiße Gesicht . » Ich habe einen traurigen Tag heute « , sprach sie weiter , » ich fühle mich so krank , ich muß immerfort ans Sterben denken , mir kommt das schreckliche Erbbegräbnis unter der Schloßkirche unserer Residenz nicht aus dem Sinn , und dann denke ich an meine Kinder und an den Herzog . Warum muß man solche Gedanken haben , wenn man noch so jung ist und so glücklich wie ich ? O , sehen Sie mich nur an , liebste Klaudine , ich bin glücklich – bis auf meine Krankheit . Ich habe einen Gatten , dem ich über alles teuer bin , und so liebe , liebe Kinder , und doch diese schwarzen , diese schrecklichen Beängstigungen ! Mir wird heute das Atmen so schwer . « » Hoheit « , sagte das junge Mädchen bewegt , » es ist die schwüle Luft . « » O , natürlich ! Ich bin nervös , und es geht vorüber , ich weiß es . Seit Sie hier sind , ist es auch schon besser . Kommen Sie nur oft , recht oft ! Ich will Ihnen gestehen , meine liebe Klaudine , ich hege , seit ich Sie gesehen , ein so großes Verlangen , Sie in meiner Umgebung zu haben . Mama war aber selbst so entzückt von Ihnen , daß sie nichts von einer Trennung wissen wollte . Ich kann es ihr ja auch nicht verdenken . Der Herzog selbst bat für mich , aber sie schlug es rund ab . « Klaudine rührte sich nicht , nur ihre Augen senkten sich , und ihr Antlitz überflog einen Augenblick eine Purpurglut . » Es ist wunderbar , die gute Mama versagt mir sonst nichts ! Ja , und nun , liebe Klaudine , komme ich zu meiner Bitte : Bleiben Sie bei mir , wenigstens für die Zeit unseres hiesigen Aufenthaltes ! « » Hoheit , es ist unmöglich ! « stieß Klaudine fast schroff hervor . Und wie flehend setzte sie hinzu : » Mein Bruder , Hoheit , sein Kind ! « » O , ich lasse das gelten , aber Sie müssen mindestens einige Stunden täglich für mich erübrigen , Klaudine , ein paar Stunden nur ! Geben Sie mir die Hand darauf . Nur ein paar Lieder dann und wann ! Sie wissen gar nicht , wie wohl mir wird bei Ihrem Gesang . « Das schmale fiebernde Gesichtchen der fürstlichen Frau beugte sich vor , und die unnatürlich glänzenden Augen schauten bittend in die des Mädchens . Es sprach eine so rührende Mahnung an das verlöschende Leben aus diesem Antlitz . Warum mußte diese Frau so bitten ? Und was erbat sie sich von ihr ? Wenn sie ahnen könnte – aber nein , sie durfte es nicht ahnen ! » Hoheit ! « stammelte Klaudine . » Nein , nein ! So leicht bin ich nicht abzuweisen , ich wünsche mir eine Freundin und eine edlere , bessere , treuere als Sie , Klaudine , finde ich nicht . Warum lassen Sie mich so bitten ? « » Hoheit ! « wiederholte das Mädchen überwältigt und beugte sich auf die Hand , die noch immer die ihre hielt . Aber die Herzogin hob ihr Gesicht empor und küßte sie auf die Stirn . » Meine liebe Freundin ! « sagte sie . » Hoheit ! Um Gottes willen , Hoheit ! « zitterte es durch das Gemach . Aber die Herzogin hörte es nicht , sie hatte den Kopf der alten Kammerfrau zugewandt , die meldete , daß der Herzog mit den Herren im Salon neben dem Spielzimmer soupieren werde , und fragte , wo Ihre Hoheit zu speisen befehle . » Im kleinen Salon hier oben « , befahl die Herzogin , und enttäuscht blickte sie Klaudine an . » Ich hatte mich doch so gefreut auf den heutigen Abendtisch ! Wir hätten eine so nette Partie Karree gehabt , der Herzog , Ihr Vetter und wir ! « Und scherzend fügte sie hinzu : » Ja , ja , meine liebe Klaudine , wir armen Frauen müssen das Herz unserer Männer immer noch mit einigen Passionen teilen , die Jagd und das L ' hombre , sie haben mir schon manche Träne ausgepreßt , aber – wohl der Frau , die nicht um ein Mehr zu weinen braucht ! « Es wurde neun Uhr , bevor Klaudine die Erlaubnis erhielt heimzufahren . Als sie , von der Kammerfrau der Herzogin geleitet , die breite , wohlbekannte Treppe hinunterschritt , begegnete ihr ein Diener mit zwei silbernen wappengeschmückten Champagnerkühlern . Sie wußte , daß Seine Hoheit kleine Spielpartien liebte mit sehr viel Sekt und sehr viel Zigaretten , man saß dort oft , bis der Morgen graute . Gott sei Dank , daß es auch heute so war ! Auf leisen Sohlen huschte Klaudine vollends die mit einem Purpurteppich belegten Stufen hinuter . Am Eingang stand der alte Diener ihres Vaters , Friedrich Kern , jetzt in herzoglicher Livree , und sein ehrliches Gesicht zog sich vor Freude in tausend Falten . Sie nickte ihm freundlich zu und eilte hinaus . Mit einem erleichternden Aufatmen sank sie in die seidenen Kissen des Wagens . Sie hatte sich gefürchtet wie ein Kind , es könne ihr noch jemand auf dem Korridor , auf der Treppe entgegentreten , jemand ! Nein , Gott sei Dank , sie saß allein in dem fürstlichen Wagen , und der Wagen trug sie ihrer Heimat zu . Oh , niemals hatte sie eine solche Sehnsucht nach dem einfachen kleinen Stübchen empfunden wie heute . Eine Weile überließ sie sich dem Gefühl , ohne zu denken , dann öffnete sie plötzlich das Fenster und fuhr sich über die